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Figurationen der Aufrichtigkeit in der Goethezeit

Antragsteller Dr. Simon Bunke
Fachliche Zuordnung Germanistische Literatur- und Kulturwissenschaften (Neuere deutsche Literatur)
Förderung Förderung von 2010 bis 2017
Projektkennung Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 180925916
 
Erstellungsjahr 2018

Zusammenfassung der Projektergebnisse

Die Emmy Noether-Gruppe hat untersucht, wie sich der Diskurs der Aufrichtigkeit in der deutschen und europäischen Literatur, Kultur und Philosophie im 17. und 18. Jahrhundert formiert hatte. Im Rahmen des germanistischen Teilprojekts konnte nachgewiesen werden, dass Aufrichtigkeit zwar bereits im Barock relevant wird, aber erst mit dem 18. Jahrhundert seine tiefgreifende Wirkung entfaltet. Zwischen Aufklärung und Frühromantik erweist sich die Aufrichtigkeit als machtvoller Diskurs, der nicht nur thematisch das Figurenverhalten, sondern auch – und hierauf hat das Teilprojekt besonderen Fokus gelegt – die ästhetische Dimension der Texte prägt. Aufrichtigkeit bildet wesentlich die ethische Grundlage der Empfindsamkeit, sie wird definierend für lyrische Gattungen (Erlebnislyrik) und prägt Elemente des Dramas (Monolog). Ferner wurde deutlich, dass mit der Weimarer Klassik die Aufrichtigkeit grundlegend in Frage gestellt wird, was dann zu einer Verschiebung hin zur Authentizität in der Frühromantik führt. Im zweiten Teilprojekt wurde die Aufrichtigkeit als philosophisches Problem zwischen dem späten 17. und frühen 19. Jahrhundert diskutiert; anhand eines Korpus der Texte von über 50 Philosophen zwischen Grotius und Kant konnte nicht nur die Genese der Aufrichtigkeit im Naturrecht, ihre Weiterentwicklung durch die Schulphilosophie und ihre kritische Wendung durch Immanuel Kant rekonstruiert werden. Vielmehr konnten auch die weiten Ausstrahlungen dieser Reflexionen in breite kulturelle Bereiche aufgezeigt werden: etwa in die Popularphilosophie, in anthropologische Verhaltenslehren, in die Rhetorik und in die Moraltheologie. Das dritte Teilprojekt schließlich hat die Rolle der Aufrichtigkeit in der Französischen Literatur und Kultur des 17. und 18. Jahrhunderts untersucht. Dabei konnten besonders die Grenzen der Aufrichtigkeit herausgearbeitet werden, wie sie in der Französischen Klassik durch die negative Anthropologie (Stierle) der Moralistik formuliert werden. Aufrichtigkeit dort erscheint mit Täuschung bzw. Selbsttäuschung verbunden, zugleich aber auch immer mit einer Kultur der Schonung eingehegt. Ferner wurden die Verbindungen der Aufrichtigkeit mit dem Moment der Einsamkeit und mit Rousseaus Kulturkritik untersucht. Wesentliche Grundlagen und Ergebnisse der drei Teilprojekte wurden auf zahlreichen wissenschaftlichen Veranstaltungen diskutiert, die die Gruppe konzipiert und durchgeführt hatte. Näherhin wurden drei internationale Tagungen, drei Ringvorlesungen, ein Kolloquium und neun Workshops/Gastvorträge veranstaltet. Insgesamt hat das Projekt vor allem sichtbar gemacht, wie sehr der Diskurs der Aufrichtigkeit nicht erst in seiner Spätphase, sondern schon von Anfang an von inneren Widersprüchen und Infragestellungen begleitet wurde. Aufrichtigkeit hat sich als ein stets prekäres, fragiles Kommunikations- und Verhaltensmodell erweisen, das stete Einhegungen, Dislozierungen und Gewaltsamkeiten impliziert. Bemerkenswert ist ferner, wie intensiv der Diskurs der Aufrichtigkeit an seinen vermeintlichen Gegenmodellen wie Täuschung, Schein oder Geheimnis partizipiert, um realisierbar zu sein. Mithin erscheint das 18. Jahrhundert nicht so sehr als Zeitalter einer emphatischen Feier von Aufrichtigkeit, sondern vielmehr als jenes Zeitalter, in dem auch und vor allem die Abgründe und Paradoxien von Aufrichtigkeit ausgelotet worden sind.

Projektbezogene Publikationen (Auswahl)

  • „Zwischen Selbstsetzung und Selbstauflösung. Aufrichtigkeit und Autorkonstruktion bei Jean-Jacques Rousseau“. In: Jesko Reiling / Daniel Tröhler (Hg.): Zwischen Vielfalt und Imagination. Praktiken der Jean-Jacques-Rousseau-Rezeption. Genève 2013, S. 59-80
    Antonio Roselli
  • „‘Dem Freunde auch das Innerste aufzuschließen‘. Grenzen der Aufrichtigkeit in Ludwig Tiecks Der blonde Eckbert“. In: Zeitschrift für deutsche Sprache und Literatur 2013, S. 25-38
    Simon Bunke
  • Kleines Lexikon der Aufrichtigkeit im 18. Jahrhundert. Hannover 2014
    Simon Bunke, Antonio Roselli
  • Rousseaus Welten. Würzburg 2014. 278 S.
    Simon Bunke, Katerina Mihaylova, Antonio Roselli (Hg.)
  • „(Un)Aufrichtige Schauspiele. Das öffentliche Fest als Gegenmodell zu Rousseaus Lettre à d’Alembert. In: Rousseaus Welten 2014, S. 203-231
    Simon Bunke, Antonio Roselli
  • „Kahnfahrten als Heterotopien der Wahrhaftigkeit. Überlegungen zu Rousseau und Goethe.“ In: Rousseaus Welten 2014, S. 45-59
    Simon Bunke
  • „Über Aufrichtigkeit“. In: Simon Bunke / Antonio Roselli: Ein kleines Lexikon der Aufrichtigkeit. Hannover 2014, S. 9-26
    Simon Bunke, Antonio Roselli
  • Aufrichtigkeitseffekte. Signale, Figurationen und Medien im Zeitalter der Aufklärung. Freiburg 2016. 294 S.
    Simon Bunke, Katerina Mihaylova (Hg.)
  • Im Gewand der Tugend. Grenzfiguren der Aufrichtigkeit, Würzburg 2016. 219 S.
    Simon Bunke, Katerina Mihaylova (Hg.)
  • „Der Freymüthige. Eine Grenzfigur der Aufrichtigkeit“, in: Im Gewand der Tugend. Grenzfiguren der Aufrichtigkeit 2016, S. 111-119
    Simon Bunke
  • „Erlebnislyrik als Aufrichtigkeitseffekt“, in: Aufrichtigkeitseffekte 2016, S. 55-69
    Simon Bunke
 
 

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