Erweiterung des Referenztexts der "Vierundzwanzig Alten" Ottos von Passau nach der Handschrift Karlsruhe, Landesbibliothek, Cod. St. Georgen 64 zu einer Hybrid-Edition mit Quellen- und Wortschatzuntersuchungen.
Religionswissenschaft und Judaistik
Zusammenfassung der Projektergebnisse
Inhalt des Projekts ist die christliche Lebenslehre ‚Die vierundzwanzig Alten oder der goldene Thron der minnenden Seele‘. Verfasst wurden die ‚Vierundzwanzig Alten‘ in den achtziger Jahren des 14. Jahrhunderts von dem Basler Franziskaner Otto von Passau, dessen Vita sich aus den wenigen verfügbaren biografischen Quellen nur konturenhaft erschließen lässt. Nach Umfang und Verbreitung handelt es bei den ‚Vierundzwanzig Alten‘ um eines der wichtigsten spätmittelalterlichen Erbauungsbücher. Besonders populär war der Traktat, der auch Eingang in die Drucküberlieferung fand, im süddeutschen Raum des 15. Jahrhunderts. Der Titel des Traktats rührt daher, dass Otto seine Lehre in vierundzwanzig Kapitel aufteilt. Jedes Kapitel wird einem der vierundzwanzig ‚Ältesten‘ aus der Offenbarung des Johannes in den Mund gelegt, die nach biblischer Auskunft um Gottes Thron herum platziert sind. Konstante Adressatin der ‚vierundzwanzig Alten‘ ist die ‚minnende Seele‘, die zwar nie selbst zu Wort kommt, nach Auskunft des Prologs jedoch die eigentliche Auftraggeberin des Traktats ist. Sie wird von den ‚vierundzwanzig Alten‘ auf ihren eigenen Wunsch hin über die verschiedenen Aspekte eines wahrhaft christlichen Lebens, aber auch über die Beziehung von Mensch und Gott unterrichtet. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf dem Verhältnis von Verdienst und Gnade. Thematisiert werden unter anderem die Gottebenbildlichkeit des Menschen, die richtige Form von Reue, Beichte und Buße oder die Bedeutung des Gewissens. Ungeachtet seiner Länge – in der ältesten erhaltenen Handschrift Ka1 aus dem Jahr 1383 umfasst er 230 Folio-Seiten – wird der Traktat größtenteils vollständig überliefert. Dies dürfte wesentlich den starken Kohärenzmerkmalen zu verdanken sein, die Otto in die ‚Vierundzwanzig Alten‘ integriert hat. So sind die Kapiteleingänge als Abecedarium gestaltet und der Text ist von zahlreichen Querverweisen durchzogen. Diese vorrangige Rezeption als zusammenhängender Traktat ist gerade deshalb bemerkenswert, weil die ‚Vierundzwanzig Alten‘ ihrerseits eine thematisch organisierte Kompilation aus zahlreichen Autoritätenzitaten darstellen. Diese ursprünglich lateinischen Texte hat Otto mehr oder weniger frei in die Volkssprache übertragen, durch eigene Hinzufügungen ergänzt und zu einem neuen strukturierten Gesamttext verbunden. In seiner Tätigkeit überlagern sich daher die Funktionen des Übersetzers, des Kompilators, des Kommentators und des Autors. Trotz der großen Bedeutung der ‚Vierundzwanzig Alten‘ für die Frömmigkeitsgeschichte des Spätmittelalters hat Ottos Traktat in der Forschung bisher relativ wenig Aufmerksamkeit erfahren. Dies dürfte vor allem dem Fehlen einer zuverlässigen, modernen editionsphilologischen Kriterien genügenden Ausgabe geschuldet sein. Dieses Desiderat hat das Projekt durch die Erstellung einer übersichtlich strukturierten digitalen Edition, die öffentlich im Internet zugänglich ist, behoben.
Projektbezogene Publikationen (Auswahl)
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Anfänge moderner Textgestaltung. Zu Gliederung und Zitierweise in den ‚24 Alten‘ Ottos von Passau. In: Editionen deutscher Texte des Mittelalters – Aktuelle Projekte. Beiträge des Festkolloquiums zum 80. Geburtstag von Rudolf Bentzinger am 22. August 2016. Hg. von Eva Rothenberger, Martin Schubert, Elke Zinsmeister (Akademie gemeinnütziger Wissenschaften zu Erfurt, Sonderschriften 50). Erfurt 2019, S. 89‒99
Elke Zinsmeister
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Otto von Passau: Die 24 Alten digital
Lydia Wegener, Elke Zinsmeister, Jens Haustein & Martin Schubert
