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Theatrical Representations of Sainthood in the Context of Interconfessional Conflicts. Swiss Saints' and Martyrs' Plays of the 16th and Early 17th Century

Subject Area German Medieval Studies (Medieval German Literature)
Theatre and Media Studies
Term from 2014 to 2023
Project identifier Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Project number 241971380
 
Final Report Year 2022

Final Report Abstract

Das Projekt hatte sich zum Ziel gesetzt, die von der Forschung bislang nur wenig beachteten deutschsprachigen katholischen Heiligenspiele der Schweiz aus dem 16. und frühen 17. Jh. neu zu beleuchten, sie mit reformierten Dramen der Zeit zu kontrastieren und ihre gesellschaftspolitische Rolle im Kontext der konfessionellen Auseinandersetzung in der Schweiz herauszuarbeiten. Neu war hierbei die Berücksichtigung beider konfessioneller Seiten. Die Arbeit im Projekt hat erwiesen, dass die schweizerischen Heiligenspiele der Reformationszeit keineswegs konservative „mittelalterliche“ Spiele sind, sondern zwar einerseits durchaus mittelalterliche Elemente übernehmen, andererseits aber klar gegenreformatorisch geprägt sind und auf das Barockdrama vorausweisen. Sie reagieren aktiv auf reformierte Kritik an der altgläubigen Frömmigkeitspraxis, am Heiligenkult, der Reliquienverehrung, dem Wallfahrtswesen und der Messe. Durch den Einsatz der mittelalterlichen Bühnenform, die auf die enge Verbindung von städtischem Raum und Bühnenraum und auf die symbolische Bedeutung von Orten setzt, gelingt es den Spielen, ein heterogenes Publikum zu integrieren; durch hochmoderne Musik und durch das Zitat humanistischer Strukturen schützen sich die Spiele gegen den Vorwurf der Rückständigkeit. In Predigten und Dialogen gehen sie auf reformierte Vorbehalte gegenüber der katholischen Frömmigkeitspraxis ein und reflektieren dabei die in schweizerischen Städten im Vorfeld einer Entscheidung für oder wider die Reformation vom Stadtrat angesetzten öffentlichen Religionsdisputationen. Das verbale Argument wird effektvoll optisch, akustisch und auch olfaktorisch unterstützt durch die Inszenierung von Wundern, von Erscheinungen Christi, des Engels oder der Teufel. Publikumsadressen erinnern an die gemeinsame Geschichte, welche die Wahrheit des Arguments beweise. Bemerkenswert und in ihrem Ausmaß überraschend ist die enge Verknüpfung religiöser Fragen mit politischen Themen im schweizerischen Heiligenspiel. Die Themen ‚Krieg‘, ‚Einheit der Eidgenossenschaft‘ und v.a. ‚Solddienst‘ sind allgegenwärtig. Durch die Beteiligung von Söldnerführern an den Aufführungen erhalten die Spiele zum Teil den Charakter von Demonstrationen militärischer Macht. Diese zielt allerdings nicht auf Spaltung, sondern auf die wehrhafte Bewahrung der Einheit. Hatte am Anfang des Projekts die Erwartung gestanden, dass die Spiele eine lokale Identität stärken, so hat sich gezeigt, dass die altgläubigen Spiele stets um die Stärkung einer doppelten Identität bemüht sind: einer katholischen und einer schweizerischen. Hierfür werden erstaunlicherweise nicht nur lokale Heilige herangezogen, sondern auch ‚fremde‘ wie Bernhard von Clairvaux, Stanislaus und Wilhelm von Aquitanien. Zudem findet ein Dialog mit dem protestantischen Drama insbesondere über die Kirchenlehrerfigur des Paulus statt. Überraschend zeigte sich in manchen katholischen Spielen auch eine Kritik an lokalem Brauchtum; die Spiele verhandeln auch die Notwendigkeit einer katholischen Reform. Auf reformierter Seite überraschte ein im Vergleich zu lutherischen Märtyrerdramen ganz anderer Gegenentwurf zum Heiligen: nämlich der gleichsam als ‚heilig‘ dargestellte Jedermann. Erstaunlich war schließlich für die deutschen Bearbeiter/innen des Projekts auch die – noch immer nicht vollständig erschlossene – Fülle der in der Schweiz erhaltenen archivalischen Dokumente zu den Umständen der Aufführungen. Aus dem Projekt sind bereits mehrere Aufsatzpublikationen hervorgegangen. Zwei kommentierte Ersteditionen von bislang noch nicht einmal digitalisierten handschriftlich überlieferten und daher der Forschung kaum zugänglichen Spieltexten sowie die gemeinsam verfasste umfangreiche Untersuchung zu den Heiligenspielen stehen kurz vor der Fertigstellung. Publikumswirksamkeit hat das Projekt durch öffentliche Aufführungen von drei Stücken aus dem Projekt erlangt; sie wurden in der Lokalpresse besprochen.

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