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NUBIAN ARCHITECTURE. DOCUMENTATION AND INVESTIGATION ON THE EXAMPLE OF THE VILLAGES ON THE BIGGE ISLAND

Subject Area Architecture, Building and Construction History, Construction Research, Sustainable Building Technology
Social and Cultural Anthropology and Ethnology
Term from 2014 to 2018
Project identifier Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Project number 248983396
 
Final Report Year 2023

Final Report Abstract

Es war eine neue Welt für mich, ein ganzes Dorf mit wunderbaren, schönen, sauberen und harmonischen Häusern, eines schöner als das andere ... ein Dorf aus einem Traumland ... dessen Architektur seit Jahrhunderten unberührt von fremden Einflüssen erhalten geblieben war, es hätte aus Atlantis selbst stammen können. (Fathy 1973, 6). So wenig ist über die nubische Volksarchitektur vor der Mitte des 20. Jh. bekannt, dass es einfach wäre, den poetischen Worten von Fathy zu vertrauen, der Nubien 1941 besuchte. Währeddessen sah er die Kunst von Menschen, die ihre Heimat bereits dreimal untergehen sahen: 1902, als der Alte Damm errichtet wurde, sowie 1912 und 1934, als er zum ersten bzw. zweiten Mal erhöht wurde. Fathy beobachtete eine Architektur, die dreimal in rascher Folge fast vollständig erneuert worden war. Diese Erneuerung bedeutete nicht nur das physische Wiedererscheinen der Gebäude, sondern auch ihre Veränderung in Form, Konstruktion, Material und Dekoration. Entwicklungen, die unter normalen Umständen viele Generationen in Anspruch genommen hätten, wurden im Laufe von nur drei Jahrzehnten verdichtet. Fathy sah das Ergebnis dieser Entwicklung, die unter anderem auf die Erfahrungen der Nubier zurückging, die auf der Suche nach Arbeit in die großen Städte Ägyptens zogen, von der man aber glaubte, dass sie eine stilistische Reinheit verkörperten, die von Kontakten mit der Außenwelt unberührt war. Dieser Irrglaube war bis zum Ende des 20. Jh. unter Architekten, die sich mit der volkstümlichen Architektur in der ganzen Welt beschäftigten, weit verbreitet. Da die nubische Volksarchitektur vor dem Bau des Alten Staudamms nicht erforscht worden war, stammen die meisten neueren Informationen zu diesem Thema von Fathy und zwei anderen Architekten, die sich Anfang der 1960er Jahre mit der nubischen Baukunst beschäftigten, kurz bevor sie im Wasser des Nasser-Sees verschwand (Fathy 1973, Jaritz 1973, El-Hakim 1993). Eine umfassende Annäherung an die Hausdekorationen dieser Zeit wurde von A. Goo-Grauer und M. Wenzel vorgenommen (Grauer 1968, Wenzel 1972). Die Forschungen dieser Wissenschaftler befassten sich mit der nubischen Volksarchitektur der ersten Hälfte des 20. Jh., die zweifellos an ältere Traditionen anknüpfte, aber keineswegs unverändert über die Jahrhunderte hinweg überliefert worden war. Seit der Umsiedlung der Nubier nach dem Bau des Staudamms prägen einige wenige, meist von Ethnologen veröffentlichte Fotografien (z. B. Fernea 1973, Kennedy 2005) das populäre Bild ihrer traditionellen Architektur. Diese Rezeption, die durch begrenztes wissenschaftliches und ikonographisches Material gestützt wurde, erlaubte keine territoriale Differenzierung der architektonischen Formen und Konstruktionen oder ihrer Entwicklung im Laufe der Zeit, was zu einigen Verallgemeinerungen führte. Und doch erstreckte sich der überschwemmte Teil des ägyptischen Nubiens über mehr als 300 km entlang des Nils; die Dörfer waren bis zu einem gewissen Grad voneinander und von der Außenwelt getrennt - genug, um regionale und lokale Variationen im Sinne einer Hauslandschaft zuzulassen. Das vorrangige Ziel des Forschungsprojektes war es, die vergangenen Herangehensweisen zu hinterfragen, ihre Ergebnisse umzudeuten und die Vielfalt und die Entwicklungen der Nubischen Vernakulärarchitektur der 1. Hälfte des 20. Jh. aufzuzeigen. Dies gelang durch: - Erstmalige umfassende Dokumentation einer Nubischen Siedlung, inklusive aller Bestandteile: Wohn- und Wirtschaftsgebäude, Freiflächen, Wegbeziehungen, Ackerflächen, funktionale Zusammenhänge innerhalb der Dörfer und innerhalb der Häuser, Gemeinschaftsflächen und Sozialstrukturen. - Vergleichende Studien der Bauten auf Bijje mit der Vernakulärarchitektur der anderen Dörfer im Umkreis. - Erstellung eines umfassenden Inventars der Nubischen Alltagskultur. - Detaillierte und erstmalig differenzierte Analyse der Baukonstruktionen und der Baumaterialien sowie der Entwicklung in ihrer Nutzung. - Herausarbeiten einer vereinheitlichten Schreibweise der Nubischen Ortsnamen unter der erstmaligen Einbeziehung der Nubischen Muttersprachler. - Kartografische und toponymische Darstellung der Veränderungen im Nubischen Siedlungsgebiet infolge der Errichtung und den Erhöhungen des Assuaner Staudamms. - Ausdifferenzierung von deutlich unterscheidbaren historischen Hauslandschaften in dem nicht mehr existierenden Nubischen Siedlungsgebiet. Eine entscheidende Rolle fiel in dem Projekt der Aufarbeitung und der Neubewertung des Materials, das von A. Goo-Grauer in den Jahren 1960-1964 in Nubien zusammengetragen wurde. Das in diesem Forschungsvorhaben gesammelte und aufgearbeitete Material hat potenziell starke Implikationen für die Art und Weise, wie die Vernakulärarchitektur theoretisiert und verstanden wird.

 
 

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