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Ein "idealisches Gesetzbuch für Russland": Rechtsexperten und die Kodifikationsprojekte in der Gesetzbuchkommission 1804-1826

Fachliche Zuordnung Neuere und Neueste Geschichte (einschl. Europäische Geschichte der Neuzeit und Außereuropäische Geschichte)
Förderung Förderung von 2015 bis 2018
Projektkennung Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 270035948
 
Das Erkenntnisinteresse und die Ziele des vorliegenden Projekts liegen in der Erforschung und Rekonstruktion der Kodifikationsarbeiten in der Gesetzbuchkommission 1804-1826 im Spannungsfeld zwischen den Machtansprüchen der Autokrate und der Rationalisierung der imperialen Verwaltung im Russländischen Reich des beginnenden 19. Jh.s. Die Gesetzbuchkommission ist bisher kaum erforscht worden und stand im Schatten der Figur Michail Speranskijs bzw. seines Hauptwerks - der systematisierten Kompilation der geltenden Gesetze (Svod Zakonov Rossijskoj Imperii). Ihre Geschichte scheint in mehrerer Hinsicht nicht nur ein höchst brisanter, sondern möglicherweise auch paradigmatischer Fall zu sein. Ihre Bedeutung lag erstens in der Konzipierung der Kodifikation unter der Leitung Gustav von Rosenkampffs, die zwischen einem "Gesetzbuch" (Ulozhenie) und einer "Gesetzeskompilation" (Svod) angesiedelt war; zweitens in der Revision und Zuordnung bzw. Systematisierung der geltenden Gesetze nach Rechtsbereichen und nach kontinentaleuropäischen Kodifikationsmustern sowie schließlich drittens in der Modernisierung und Kommunizierung der erarbeiteten Rechtsprache und -normen in machtpolitischen Räumen. Die leitenden Fragen des Projekts sind: 1) Ob und inwieweit trugen die Kodifikationsprojekte der speziell dafür engagierten Rechtsexperten bereits am Anfang des 19. Jh.s zur Objektivierung der Herrschaft und zu einer (partiellen) Verschiebung der politischen Macht von der sakralen Person des Autokraten zugunsten des "Staats" bei; 2) ob und bis zu welchem Grad förderten sie die Etablierung der Kategorien "Recht" und "Gesetz" in den Machtdiskursen sowie als Instrument der Gouvernementalität (Michel Foucault) in der imperialen Verwaltung und Justiz; 3) welche Gesetzbücher, Rechtsordnungen haben sie erarbeitet und welche Muster entwarfen sie dabei für das sozial, kulturell und ethnisch heterogene Kontinentalreich; schließlich 4) welche Stellung nahmen die Rechtsexperten selbst als Subjekte und Wissensproduzenten/Denkkollektiv (Ludwik Fleck) in der politischen Kommunikation und Entscheidungsprozessen sowie im politischen Alltag der alexandrinischen Epoche ein?Schließlich setzt sich das Forschungsvorhaben zum Ziel, neue Erkenntnisse zu den Grundlagen, Prozessen und dem Aufbau des "imperial rights regime" (Jane Burbank) aus der Perspektive des Machtzentrums, seiner politischen Eliten und der Rechtsexperten, die sich sowohl an Konzepten als auch an konkreten legislativen Lösungen für die laufende Verwaltung des Imperiums aktiv mitbeteiligten, zu liefern. Hiermit wird ferner versucht, die in der modernen Historiographie einflussreiche und dominierende These Richard Wortmans über die Bedeutung des Rechts(bewusstseins) und die Stellung der Rechtsexperten im imperialen Russland des 19. Jh.s als eine bloße "kulturelle Fiktion" zu hinterfragen.
DFG-Verfahren Sachbeihilfen
 
 

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