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Aristotelische Verhandlungen. Verflechtung von Tragödientheorie und Wissensgeschichte (Fortsetzungsantrag)

Antragsteller Dr. Arata Takeda
Fachliche Zuordnung Allgemeine und vergleichende Literaturwissenschaft; Kulturwissenschaft
Germanistische Literatur- und Kulturwissenschaften (Neuere deutsche Literatur)
Förderung Förderung von 2015 bis 2025
Projektkennung Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 276860685
 
Erstellungsjahr 2023

Zusammenfassung der Projektergebnisse

Dem Projekt lag die leitende Hypothese zugrunde, dass die Entstehung der neuzeitlichen Tragödie mit einer tiefgreifenden Transformation der Vorstellung des Tragischen einhergehe. Ausgangspunkt der Hypothese bildete ein scheinbarer Widerspruch zwischen Kapitel 13 und 14 von Aristoteles’ Poetik bezüglich der Frage, wie die Handlung einer Tragödie am wirksamsten zu gestalten sei. Während Aristoteles in Kapitel 13 dem Umschlag vom Glück ins Unglück gegenüber dem umgekehrten Handlungsverlauf den Vorzug gibt, erklärt er in Kapitel 14 die Handlungsvariante, in der die Tötung einer Person durch deren Wiedererkennung nicht zustande kommt, für die beste aller möglichen Varianten. Im Zuge der tragödientheoretischen Debatten zwischen Renaissance und Aufklärung kommt es vor dem Hintergrund dieses ‚Widerspruches‘ zu kontroversen Verhandlungen um die Frage, welche Art des Leidens in der Tragödie den Vorrang haben soll: das Leiden an bzw. Erleiden einer Katastrophe, die sich als unabwendbar erweist, oder das Leiden mit Blick auf eine Katastrophe, die im letzten Augenblick abgewendet werden kann. Sowohl die erstere als auch die letztere Art des Leidens waren in der Tragödie der griechischen Antike möglich und üblich. Die Geschichte der neuzeitlichen Tragödie entscheidet die Frage eindeutig zugunsten der ersteren Art. Tod, Untergang und Vernichtung, anstatt drohender Katastrophe und rettender Wiedererkennung, sollten fortan in der Tragödie, und mithin in der Vorstellung des Tragischen, dominieren. Die Untersuchung konnte aufzeigen, dass sich im Verlauf der ‚aristotelischen Verhandlungen‘, d. h. der Kontroversen um den ‚Widerspruch‘ zwischen Kapitel 13 und 14 der Poetik zwischen Renaissance und Aufklärung, die Tendenz durchsetzt, das Argument von Kapitel 13 zu verabsolutieren und das von Kapitel 14 zu marginalisieren. Der Tragödientypus, der dem Argument von Kapitel 14 gehorcht, wird nach und nach aus dem Gattungsspektrum der Tragödie ausgegrenzt. Diese Entwicklung hat zur Folge, dass die Tragödienbühne der Neuzeit zunehmend zum Ort solcher Leidensgarstellungen wird, die notwendig zu Tod, Untergang bzw. Vernichtung führen. Der Ausgang der aristotelischen Verhandlungen fungiert dabei als poetologische Legitimation für die ästhetische Darstellung von Gewaltphänomenen. Die sukzessive Ausgrenzung des glücklich ausgehenden Tragödientypus bringt es mit sich, dass die Möglichkeit des Widerstandes gegen die „Opferidee“ (Walter Benjamin), auf der die Tragödie beruht, zunehmend an Unterstützung verliert. Der Ausgang der aristotelischen Verhandlungen fungiert dabei als poetologische Affirmation der Opferidee. Derweil wurde im Laufe der Arbeit deutlich, dass die Marginalisierung des Arguments von Kapitel 14 neben den spezifisch theoriegeschichtlichen auch allgemeine wissensgeschichtliche Ursachen hat. Die Schwierigkeit des Arguments von Kapitel 14 lag nicht nur in seinem ‚Widerspruch‘ zu dem von Kapitel 13, sondern in noch viel grundsätzlicherer Hinsicht in seiner augenfälligen Diskrepanz zu einem autoritativ tradierten Wissen, das als das Stereotyp des unglücklichen Tragödienausganges bezeichnet werden kann. Dieses der philologischen Faktenlage hohnsprechende Stereotyp wurzelt in einer bis weit in die Antike zurückreichenden Wissenstradition, die die mittelalterliche Vorstellung von Tragödie (und Komödie) ohne jeden Bezug zu Drama und Theater systematisch mitgeprägt hat und noch heute in der populären Auffassung der Tragödie übermächtig nachwirkt. Allein schon angesichts dieses Stereotyps musste das Argument von Kapitel 14 zum Problem werden, schien es doch eindeutig den glücklichen Ausgang zu priorisieren. Somit wuchs dem Projekt die zusätzliche Aufgabe zu, in einem breiteren wissensgeschichtlichen Zusammenhang zu erforschen, wie signifikant sich dieses Stereotyp auf den Verlauf der aristotelischen Verhandlungen ausgewirkt hat. Die weitere Untersuchung konnte nachweisen, dass das Stereotyp des unglücklichen Tragödienausganges weitgehend die historischen Problemzugänge zum ‚Widerspruch‘ zwischen Kapitel 13 und 14 der Poetik bestimmt. Die philologische Auseinandersetzung mit dem Stereotyp wird ihrerseits durch den Verlauf der aristotelischen Verhandlungen beeinflusst. Durch die Rückkoppelung von Argumenten, die das Argument von Kapitel 13 begünstigen, erfährt das Stereotyp eine poetologische Umfigurierung und Rationalisierung. Die Ergebnisse des Projektes führen so zu einem grundlegend neuen, poetologie- und wissensgeschichtlich problembewussten Verständnis der Tragödie.

Projektbezogene Publikationen (Auswahl)

  • Aristotle Revisited at the University of Chicago: Report on the Workshop Aristotle Revisited: Eleos and Phobos and the Invention of (Early) Modern Drama
    Arata Takeda
  • Aristotle on Mimesis and Violence: Things Hidden since the Foundation of Literary Theory. The Sacred and the Political : Explorations on Mimesis, Violence and Religion. Bloomsbury Academic.
    Arata Takeda
  • Die Erfindung der europäischen Tragödie. Zu einer gattungstheoretischen Unterscheidung der Neuzeit. In: Annie Bourguignon / Konrad Harrer / Franz Hintereder-Emde (Hgg.): Zwischen Kanon und Unterhaltung. Interkulturelle und intermediale Aspekte von hoher und niederer Literatur / Between Canon and Entertainment: Intercultural and Intermedial Aspects of Highbrow and Lowbrow Literature. Berlin: Frank & Timme. S. 269–285
    Arata Takeda
  • Ödipus um 1900. Transformationen des antiken Helden in Tragödie und Tragödientheorie der Jahrhundertwende
    Marie-Christin Wilm & Arata Takeda
  • Il doppio Edipo. La tradizione promitica e l’approccio mitocritico. In: Paola del Zoppo / Giuliano Lozzi (a cura di): Sulle tracce di Antigone. Diritto, letteratura e studi di genere. Roma: Istituto Italiano di Studi Germanici. S. 61–74
    Arata Takeda
  • Die Verzeitlichung der Gattungspoetik 1768–1951. Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte, 93(2), 157-189.
    Takeda, Arata
  • Tragödientheorie und Lexikographie. In: Wege der Germanistik in transkultureller Perspektive. Akten des XIV. Kongresses der Internationalen Vereinigung für Germanistik (IVG). Hg. von Laura Auteri, Natascia Barrale, Arianna Di Bella, Sabine Hoffmann. Bd. 4. Bern: Peter Lang, 2022. S. 363–370
    Arata Takeda
 
 

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