Die Bürokratisierung der Gruppierung. Lokale und transnationale Innovationsdynamik bei der Einführung von Jahrgangsklassen im Pflichtschulbereich (Preußen, USA, Spanien; ca. 1830-1930)
Zusammenfassung der Projektergebnisse
Die historische Entwicklung der spezifischen Ausprägung des Gruppenunterrichts in der Form von altershomogenen Jahrgangsklassen im Pflichtschulbereich stand im Zentrum des Projekts. Das Vorhaben modellierte diese Entwicklung als einen transnational bedingten Prozess der Einführung einer schulorganisatorischen Innovation. Das Projekt ging hypothetisch von einer Überlagerung von pastoralen/pädagogischen Gesichtspunkten durch bürokratisch/systemische bei der Einführung von Jahrgangsklassen in wichtigen urbanen Volksschul- bzw. Primarschulsystemen aus. Eine auf Jahrgängen basierende Gruppierung/Klasseneinteilung, so eine weitere Annahme, sei erst allmählich im 19. Jahrhundert zum leitenden Kriterium für die Bildung von Schüler:innengruppen in Schulen geworden. Beim Blick auf diese transnationale Dynamik wurde die Einteilung in Innovator, Früh- und Spätanwender vorgenommen, um die Abfolge der Innovationseinführung und deren variierendes Tempo zu thematisieren. Die Vergleichskontexte bildeten nach dieser Auswahl Preußen (Innovator), die USA (Frühanwender) und Spanien (Spätanwender). Das Vorhaben führte Einzelfall- und vergleichende Analysen durch. Die detaillierten Analysen zeigen vier Hauptergebnisse. Erstens erfolgte die Anwendung eines Jahrgangskriteriums für die Klasseneinteilung viel diffusser und kleinschrittiger. Nur für den Fall Spaniens gibt es eine zentral erlassene Verfügung für eine Gruppe von Primarschulen erst im Jahr 1911. Somit, zweitens, wurden die Positionen von Innovator (Preußen) und Frühanwender (USA) problematischer, denn die Konturen von Jahrgangsklassen kleinschrittigen Entscheidungen entsprungen sind, so dass bspw. nordamerikanischen Autoren sich auf keine voll konturierte Innovation in Preußen berufen konnten. Chronologisch zeigte sich, drittens, dass die Institutionalisierung dieser Norm der Klassenbildung sehr spät im 19. Jahrhundert in allen untersuchten Fällen erfolgte. Obwohl dies für Spanien bekannt war, wurde besonders in den Analysen zu New York und Berlin gezeigt. Schließlich zeigten Analysen zur diskursiven Flankierung der Einführung/Begründung von Jahrgangsklassen, dass die Annahme einer einfachen Überlagerung pastoraler Denkmuster durch bürokratische Rationalitäten nicht linear war. Auch bei der Einführung von Jahrgangsklassen spielten pastorale, pädagogische und disziplinarische Argumente eine außerordentlich bedeutende Rolle.
Projektbezogene Publikationen (Auswahl)
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Schooling and the Administrative State: Explaining the Lack of School Acts in Nineteenth-Century Prussia. School Acts and the Rise of Mass Schooling, 41-66. Springer International Publishing.
Caruso, Marcelo & Töpper, Daniel
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Der Weg zur Jahrgangsklasse – Zur Implementierung von Alter als Zuordnungs- und Gliederungseinheit im Schulwesen. In: Berlin-Brandenburger Beiträge zur Bildungsforschung. Frankfurt am Main: Peter Lang, S. 139-164.
Töpper, D.
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From «School Buildings» to «School Architecture» – School Technicians, Grand School Buildings and Educational Architecture in Prussia and the USA in the Nineteenth Century. Historia y Memoria de la Educación(13), 375.
Töpper, Daniel & Isensee, Fanny
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Gelehrter Eklektizismus und Schulpolitik. Peter Lang D.
Eble, Till
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Objects That Work. Transatlantic Encounters in History of Education, 215-232. Routledge.
Töpper, Daniel
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Transatlantic Encounters in History of Education. Routledge.
Isensee, Fanny; Oberdorf, Andreas & Töpper, Daniel (Eds.)
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“The Past and Present State of Education, in the United States, and in Foreign Countries” 1. Transatlantic Encounters in History of Education, 151-164. Routledge.
Isensee, Fanny
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Institutionalisierung von Entwicklungsnormen im Elementarschulwesen. Zeitschrift für Pädagogik(2), 166-185.
Isensee, Fanny & Töpper, Daniel
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Jahrgangsklassen – Entstehung und Durchsetzung. Zeitschrift für Pädagogik(2), 155-165.
Caruso, Marcelo
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The slow dichotomization of elementary classroom roles. 'Grammar of schooling' and the estrangement of classrooms in Western Europe (1830-1900). Paedagogica Historica, 58(2), 196-214.
Caruso, Marcelo
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Vorteil des Ungefähren. Zeitschrift für Pädagogik(2), 203-222.
Caruso, Marcelo
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„Intelligence tests were given in order to obtain a basis for classifying the pupils“ – Die Reclassification Projects in New York City in den 1920er Jahren. Schülerauslese, schulische Beurteilung und Schülertests 1880 – 1980, 225-240. Verlag Julius Klinkhardt.
Isensee, Fanny
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Knowledge in the Making: Methodological Considerations on the Production, Dissemination, and Usage of “Small Forms in Education”. Nordic Journal of Educational History, 9(2), 39-62.
Garz, Jona; Isensee, Fanny & Töpper, Daniel
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The coming of ‘age’: Educational and bureaucratic dimensions of the classification of children in elementary schools (Western Europe, 19th century). European Educational Research Journal, 22(3), 394-412.
Caruso, Marcelo
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“Recommended for Ungraded Class” – The Construction of Normalcy in Expert Reports in 1920s New York City. Das (A)normale in der Pädagogik. Wissenspraktiken – Wissensordnungen – Wissensregime, 171-182. Verlag Julius Klinkhardt.
Isensee, Fanny
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„Vereinfachende Schulverwaltung“ – Zur Entstehung und Wirksamkeit subjektbezogener Formulare in Volksschule und Gymnasium und ihrem Einfluss auf die ‚Normalität‘ der Schüler:innen im 19. und 20. Jahrhundert. Das (A)normale in der Pädagogik. Wissenspraktiken – Wissensordnungen – Wissensregime, 145-170. Verlag Julius Klinkhardt.
Löwe, Denise & Töpper, Daniel
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Technology deficit or technologies of schooling – seeing curricular planning and teachers’ knowledge within a systems-theoretical understanding of technology. Paedagogica Historica, 60(6), 1105-1124.
Töpper, Daniel
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Zur Verwobenheit von Fachwissen und Pathologien – Die (Nicht-)Thematisierung von Lese- und Schreibversagen in pädagogischen Handbüchern und psychologischer Forschung. In: Ralf Mayer, Julia Golle, Ralf Parade und Steffen Wittig (Hrsg.) Schule und Pathologisierung, Weinheim: Beltz Juventa, 90-108.
Töpper, D. & Isensee, F.
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Ein (Schul-)Haus für alle?. Frühneuzeitliche Schularchitekturen. Internationale und interdisziplinäre Perspektiven, 249-272. Harrassowitz Verlag.
Isensee, Fanny & Töpper, Daniel
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Gruppen- und Individualführung in der Schule. Die pastorale Verfasstheit der Schulklasse zwischen Verwaltung und Pädagogik. Die Schulklasse – kein Gegenstand qualitativer Schulforschung? Theoretische Perspektiven, empirische Einblicke und methodologische Diskussionen zur Konstitution der Schulklasse, 24-42. Verlag Julius Klinkhardt.
Töpper, Daniel; Caruso, Marcelo & Isensee, Fanny
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Subjectivation through Structural Coupling – The Emergence of School Laggards and Deficient Pupils. Historia scholastica, 10(1), 123-156.
Töpper, Daniel & Isensee, Fanny
