Die Verarbeitung moralischer Verletzungen: Untersuchungen zur Rolle von affektiven Einflüssen
Zusammenfassung der Projektergebnisse
Gegenwärtig wird die funktionale Rolle von Emotionen auf moralische Urteile und Entscheidungen kontrovers diskutiert. So gibt es unterschiedliche Sichtweisen, die Emotionen entweder (a) eine kausale bzw. (b) eine moderierende Rolle zuschreiben, oder diese (c) lediglich als ein Epiphänomen von moralischen Urteilen sehen. Selbst wenn Emotionen tatsächlich moralische Entscheidungen beeinflussen, so bleiben doch die zugrundeliegenden Mechanismen innerhalb der Informationsverarbeitung unklar. In dem Forschungsprojekt gingen wir daher folgenden Fragen nach: (a) Gehen affektive Prozesse rationalen Entscheidungsprozessen voran, wie dies von Theorien aus dem Bereich der moralischen Urteilsforschung angenommen wird? (b) Welche emotionsbezogenen Faktoren (z.B. Valenz, motivationale Tendenz) beeinflussen die rasche affektive Evaluation von moralischen Inhalten verschiedener Typen von Textmaterialien, wie sie in der jüngeren Moralforschung eingesetzt werden? Im Fokus des Projekts stand dabei die Untersuchung des Zeitverlauf der Verarbeitung moralischer und emotionaler Informationen. Dazu wurden experimentelle Paradigmen eingesetzt, die es erlaubten, die ablaufenden mentalen und affektive Prozesse bzw. Zustände mit hoher zeitlicher Auflösung zu erfassen. So wurden neben dem Verhalten (Reaktionszeit, Bewegungszeit, Antwortgenauigkeit) auch verschiedene psychophysiologische Korrelate der kognitiven und affektiven Verarbeitung im zentralen und peripheren Nervensystem (ereigniskorrelierte Potentiale (EKP), elektrodermale Aktivität (EDA), Gesichtsmuskelaktivität (fEMG), Elektrokardiogramm (EKG)) erfasst. Die Untersuchung von in der Forschung bereits seit längerem eingesetzter, textbezogener Materialien (moralische Dilemmata, sozio-normative Texte) lieferte Evidenz für die Annahme, dass deren emotionaler und moralische Gehalt nicht unabhängig voneinander ist bzw. verarbeitet wird. Zudem konnte der Einfluss emotionsbezogener Dimensionen (Arousal, Valenz, motivationale Tendenzen) für unterschiedliche Typen moralischer und sozio-affektiver Vignetten nachgewiesen werden. Allerdings ergaben sich auch methodische Limitierungen, welche eine eindeutige Interpretation der Verhaltens- und psychophysiologischen Befunde insbesondere hinsichtlich des Zeitverlaufs der beobachteten „emotionalen“ Effekte verhinderten (z.B. Unterschiede der linguistischen Merkmale der moralischen Vignetten). Um diese Probleme zu minimieren, generierten wir sozio-normative sowie emotionale Alltagsszenarien, welche aus mehreren Kontextsätzen und einem für die jeweiligen moralischen bzw. emotionalen Bedingungen identischem Zielsatz bestanden. Dies erlaubt es die moralische und emotionale Bedeutung durch Unterschiede im Diskurskontext anstatt im Zielsatz zu manipulieren. Unter Einsatz dieser Materialien fand sich in einer Leseaufgabe eine vergrößerte frühe EKP-Positivität schon 300 ms nach Präsentation des kritischen Zielsatzwortes sowohl für unmoralische im Vergleich zu moralischen als auch für negative im Vergleich zu neutralen Vignetten. Dies spricht für eine implizit affektive Evaluation der jeweiligen Textinhalte. Wurden die Moral- und Emotionsmaterialien explizit emotional beurteilt, wurde ebenfalls eine entsprechende EKP-Positivität ausgelöst und damit frühe affektive Evaluation der Textinhalte nahegelegt. Interessant ist nun, dass bei Beurteilung des moralischen Gehalts der identischen moralischen Materialien die EKP-Positivität abwesend war und sich stattdessen ein Bedingungsunterschied in einer späteren frontalen EKP-Negativierung (500-700 ms) ergab, welcher mit der semantisch-kognitiven Verarbeitung des sprachlichen Inputs in Verbindung gebracht wurde. Schließlich fand sich Evidenz für die aufgabenabhängige Verarbeitung der moralischen Szenarien auch in der Analyse peripher-psychophysiologischer Indikatoren (fEMG, EKG). Insbesondere moralische Verletzungen gingen mit emotionsbezogenen Veränderungen im Gesichtsausdruck einher, aber nur dann, wenn emotionale Urteile gefällt und die Texte nicht nur gelesen werden mussten. Zusammenfassend konnte in diesem Projekt sowohl die rasche affektive Evaluation des emotionalen Gehalts unterschiedlicher Textmaterialien als auch die aufgabenabhängige Verarbeitung der moralischen Inhalte nachgewiesen werden. Die psychophysiologischen Befunde liefern der sprachpsychologischen Forschung zudem wertvolle Einsichten, die zu einem besseren Verständnis der diskursbasierten Verarbeitung emotionaler Textinhalte sowie der Rolle erfahrungsbedingter (verkörperter) Repräsentationen bei der Konstitution emotionaler Bedeutung beitragen.
Projektbezogene Publikationen (Auswahl)
-
The on-line processing of emotional information during language comprehension. Kolloquium der Fakultät für Psychologie, Universität Wien. [Vortrag]
Leuthold, H.
-
Online processing of moral transgressions and emotional violations: An ERP study. 59. Tagung experimentell arbeitender Psychologen (TeaP), Dresden, Deutschland. [Poster]
Kunkel, A., Filik, R., Mackenzie, I. G. & Leuthold, H.
-
Implicit evaluative processing of moral and emotional content during discourse comprehension. 11th Annual Meeting of the Social and Affective Neuroscience Society, Brooklyn, NY, USA [Poster]
Kunkel, A., Mackenzie, I.G., Filik, R. & Leuthold, H.
-
Task-dependent evaluative processing of moral and emotional content during comprehension: An ERP study. Cognitive, Affective, & Behavioral Neuroscience, 18(2), 389-409.
Kunkel, Angelika; Filik, Ruth; Mackenzie, Ian Grant & Leuthold, Hartmut
-
Task-dependent evaluative processing of moral and emotional content during reading comprehension: An ERP study. 25th Annual Meeting of the Cognitive Neuroscience Society, Boston, MA, USA. [Poster]
Kunkel, A., Mackenzie, I.G., Filik, R. & Leuthold, H.
