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Enzyklopädisches Erzählen. Wissenspoetik im volkssprachigen Roman des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit (14. bis 16. Jahrhundert)

Fachliche Zuordnung Germanistische Mediävistik (Ältere deutsche Literatur)
Förderung Förderung von 2017 bis 2023
Projektkennung Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 329389881
 
Erstellungsjahr 2022

Zusammenfassung der Projektergebnisse

Das Forschungsprojekt untersuchte an paradigmatischen Texten des 14. bis 16. Jh.s die Formen und Funktionen enzyklopädischen Erzählens im volkssprachigen Roman zwischen Spätmittelalter und Früher Neuzeit. Enzyklopädisches Erzählen wurde dabei als Adaptation und Transformation von Wissensbeständen epistemischer Geltung in narrative Kontexte verstanden. Untersucht wurden Inhalte und Strukturprinzipien, mit denen sich Auswahl und Segmentierung (Dekontextualisierung) von Wissen und ihre narrativ literarische Rekontextualisierung systematisch beschreiben ließen. Weiterhin fragte das Forschungsprojekt nach narratologischen Strategien und damit einhergehenden poetologischen Konzepten. Den Untersuchungszeitraum bildete eine bislang in dieser Hinsicht noch unzureichend untersuchte ‚Übergangsepoche‘, in der sich parallel zum Genrewandel auch ein markanter Epistemewandel und eine mediale Revolution vollzieht ('Wissensexplosion', Humanismus, Prosaroman und Buchdruck). Insgesamt sieben Einzelstudien sowie eine unter Einbeziehung zahlreicher Vergleichstexte angelegte systematische Zusammenfassung zeigen einerseits Ergebnisse, die in der vorgängigen Forschung angelegt sind und insofern weiterführenden Anspruch tragen - schwankende Wissensordnungen, etwa die Krise der Artes und ein neuer humanistischer Bildungsbegriff, spiegeln sich auch im enzyklopädischen Erzählen wider; Phänomene der Hybridisierung und Historisierung des Wissens gehen miteinander einher. Andererseits boten sich signifikante Neueinsichten, etwa zur Relevanz der Pragmatisierung und ökonomischen Nutzbarmachung von Wissen im volkssprachigen Roman. Bei der Untersuchung struktureller Dispositionsmuster erwies sich die narrative Integration in episodisch angelegte Romane am flexibelsten; narrative Makrostrukturen des Typs ‚Biographie‘, ‚Curriculum‘ und ‚Reise‘, partiell auch der Sonderfall ‚Krieg‘ zeigten sich dabei besonders aufnahmefähig. Auf mikrostruktureller Ebene fand sich ein überraschend breites Instrumentarium der narrativen Integration: Listen, Kataloge, Exkurse, Streitgespräche und Lehrdialoge bis hin zu nahezu makrostrukturbildenden metadiegetischen Digressionen bilden ein umfassendes, indes je nach Text in unterschiedlicher Intensität genutztes Reservoir. Narratologische Strategien ließen sich in einer zunehmenden Verlagerung von Wissensinhalten und -diskursen auf die Figurenebene zeigen. Poetologische Strategien der Selbststilisierung des ‚poeta doctus‘ oder ‚poeta colligens‘ treten damit nicht in den Hintergrund, vielmehr sorgen Erzähler- und Figurenrede für je unterschiedlich funktionalisiertes und verteiltes Wissen. Ein Hauptertrag des Projekts liegt in der Herausarbeitung der über den gesamten Zeitraum zu beobachtenden wissensdiskursiven Bestände. Dabei geht es nicht nur um affirmative Wissensvermittlung: Oft sind in unterschiedlicher Dichte und Zielsetzung auch Wissenskritik, Panegyrik, ja Parodie und Satire im Spiel. Insgesamt bleibt als Projektergebnis festzuhalten, dass enzyklopädisch erzählende Romane je eigenständige Sonderfälle innerhalb der Gattung des Romans darstellen. Eine eigene (Unter-/Teil-)Gattung bilden sie nicht. Sehr wohl aber stellen sie einen Erprobungsraum bereit, aus dessen Formen- und Funktionenreservoir spätere Vertreter enzyklopädischen Erzählens schöpfen konnten. Die Ergebnisse werden in einem Projektabschlussband publiziert werden.

Projektbezogene Publikationen (Auswahl)

 
 

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