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Reception and production of scientific information in Wikipedia: The influence of hindsight bias

Subject Area Social Psychology, Industrial and Organisational Psychology
Term from 2017 to 2021
Project identifier Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Project number 384047031
 
Final Report Year 2024

Final Report Abstract

Aufbauend auf den Befunden der ersten Förderperiode sollten in diesem Fortsetzungsprojekt die Mechanismen des Rückschaufehlers bei der Rezeption und Produktion von Texten –und insbesondere von Wikipedia-Artikeln– weiter untersucht werden. Es sollte geklärt werden, (1) warum sich allein für die Ereigniskategorie „Katastrophen“ ein Rückschaufehler in Wikipedia- Artikeln zeigt (d.h. Prüfen von Determinanten des Produktionseffekts), (2) ob sich der Rückschaufehler in der Produktion von Wikipedia-Artikeln vermeiden oder reduzieren lässt (d.h. Prüfen von Interventionsstrategien), (3) welche Wirkmechanismen dem Befund zugrunde liegen, dass das Lesen von verzerrten Wikipedia-Artikeln die eigene Rückschauverzerrung verstärkt (d.h. Prüfen von Determinanten des Rezeptionseffekts) und (4) inwiefern rückschauverzerrte Rezeption und rückschauverzerrte Produktion im Zusammenhang stehen. (1) In einer Feldstudie und drei experimentellen Laborstudien konnten wir zunächst den Befund replizieren, dass (Wikipedia-)Artikel, die mit Ereigniswissen verfasst oder bearbeitet wurden, einen Rückschaufehler enthalten. Anders als in der Feldstudie aus der ersten Förderperiode (Oeberst et al., 2018) konnten wir den Rückschaufehler dabei nicht nur in Wikipedia-Artikeln über Katastrophen, sondern auch in Artikeln über andere Ereignisse (Wahlen, persönliche und politische Entscheidungen, Sportereignisse, wissenschaftliche Entdeckungen) nachweisen, sodass der Rückschaufehler in Wikipedia prävalenter zu sein scheint als zunächst angenommen. Die Befunde der Laborstudien legen zudem nahe, dass das Ausmaß an Artikel-Rückschaufehler davon abhängt, wie stark das betreffende Ereignis das Bedürfnis auslöst, eine Erklärung für das Ereignis zu finden (Studie 2) und ob verifizierbare kausale Informationen zur Verfügung stehen (Studie 3). Wir fanden keine Evidenz für die Annahme, dass Wikipedias Schreibrichtlinien, welche eine verifizierbare, ausgewogene Berichterstattung fordern, das Ausmaß des Rückschaufehlers reduzieren (Studie 4). Insgesamt legen die Befunde also nahe, dass Artikel über bestimmte Ereignisse besonders stark rückschauverzerrt sein können (z.B. Katastrophen, zu denen es ein großes Aufklärungsbedürfnis gibt und infolge viele kausale Informationen zutage gefördert werden). Die Ergebnisse der vier Studien werden in Meuer et al. (in press) dargestellt. (2) Eine experimentelle Laborstudie (Studie 5) ergab, dass eine Kombination aus verschiedenen Interventionsmaßnahmen den Artikel-Rückschaufehler reduzieren kann – jedoch nur, wenn die Maßnahmen vor dem initialen Schreiben des Artikels implementiert wird. Die Wirkung einer nachträglichen Intervention nach Verfassen der ersten Artikelversion konnte nicht nachgewiesen werden. Insgesamt ist dieser Befund konsistent mit Interventionsstudien zum Rückschaufehler in der individuellen Wahrnehmung.. Mit Blick auf die praktische Relevanz im Kontext von Wikipedia dürften diese Interventionsmaßnahmen aber nur schwer zu realisieren sein – einerseits, weil nach Eintritt eines Ereignisses oft kein neuer Artikel geschrieben, sondern ein bereits bestehender Artikel zum Thema nur bearbeitet wird, andererseits, weil der Versuch einer Implementierung der Maßnahmen bei echten Wikipedia-Artikeln von den Artikel-Autor:innen ausgeschlagen wurde (Studie 6). Die Ergebnisse von Studie 5 sind in Meuer, Nestler und Oeberst (2021) dargestellt. (3) Eine längsschnittliche Laborstudie (Studie 7) zum Rezeptionseffekt zeigte, dass initiale Rückschauverzerrungen ohne Kontakt zu Ereignisinformationen im Laufe einer Woche nachlassen, beim anschließenden Lesen eines rückschauverzerrten Wikipedia-Artikels dann aber über das Grundniveau hinaus wieder ansteigt. Zentral verantwortlich für diesen Anstieg war die Wiederholung von bereits bekannten Informationen sowie die Bereitstellung neuer, kausaler Informationen zum Ereignis im rezipierten Artikel. Berücksichtigt man, dass die Medienberichterstattung über bedeutende Ereignisse in der Regel in hohem Maße repetitiv ist, aber zugleich auch ständig neue Informationen zutage fördert, ist basierend auf unseren Ergebnissen nachvollziehbar, wieso der Rückschaufehler in der öffentlichen Wahrnehmung bestehen bleibt oder sogar zunehmen kann. Die Ergebnisse dieser Studie sind in Meuer, von der Beck et al. (2021) dargestellt (s.a. https://osf.io/drmf3/). Eine weitere Laborstudie zum Einfluss von nicht-kausalen Informationen (zitierte Aussagen von Politiker:innen zur angeblichen Vorhersehbarkeit und Zwangsläufigkeit des betreffenden Ereignisses) auf die individuelle Rückschauverzerrung (Studie 8) scheiterte an der experimentellen Manipulation und ist daher nicht interpretierbar. (4) Die finale Laborstudie (Studie 9) ergab, dass sich der Rückschaufehler in Artikeln kumulieren kann, d.h. die Bearbeitungen an einem bereits deutlich rückschauverzerrten Artikel waren verzerrter als Bearbeitungen an einem bislang nur wenig verzerrten Artikel. Es ist jedoch weitere Forschung notwendig, um den zugrundeliegenden Mechanismus dieser Polarisierung zu verstehen, denn in der Studie kam es durch die Bearbeitung der deutlich verzerrten Artikel nicht zu verzerrteren Rückschauwahrnehmungen bei den Proband:innen, was dem vermuteten Wirkmechanismus widerspricht, dass die Rezeption verzerrter Artikel zu einer verzerrten Wahrnehmung führt, welche wiederum bei der Produktion von weiterem Inhalt zu einem noch verzerrteren Artikel beiträgt. Eine weitere Feldstudie (Studie 10), die prüfen sollte, ob bereits die Quellen von rückschauverzerrten Wikipedia-Artikeln einen Rückschaufehler enthalten, ist noch nicht final ausgewertet. Eine Veröffentlichung der Ergebnisse beider Studien wird angestrebt (s. 4.2).

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