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The Early Wittenberg Theses: Disputations and Theses in Wittenberg 1516-1523

Subject Area Protestant Theology
Early Modern History
Term from 2017 to 2022
Project identifier Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Project number 387081450
 
Final Report Year 2022

Final Report Abstract

Die Reformation hatte ihren Ursprung im Universitätsunterricht der Theologischen Fakultät Wittenberg. Dabei entwickelte die traditionelle scholastische Disputation eine neue Bedeutung: In einer Art Laboratorium wurden an der Wittenberger Theologischen Fakultät zwischen 1516 und 1523 Entwürfe einer neuen Theologie und der daraus resultierenden Konsequenzen für die Reform von Kirche und Gesellschaft entwickelt. Im Einzelnen ließen sich folgende Schlüsse ziehen: (1) Die Wittenberger agierten in einer Disputationskultur, an der Gegner und Befürworter der Reformation durch ihre gemeinsame akademische Sozialisation partizipierten und die in dieser Zeit durch eine Dialektik von Tradition und Innovation geprägt war. Die Wittenberger Disputationskultur ist dabei als eine spezifische Ausprägung eines gemeineuropäischen Phänomens zu betrachten. In Wittenberg zeigt sich dies besonders daran, dass sich in den Disputationen eine „Diskussionsgemeinschaft“ (Jens Martin Kruse) konstituierte, die Professoren und Studenten umfasste. (2) Aus der Nutzung schriftlicher Dokumente, besonders von Thesendrucken, zur Vorbereitung und Ankündigung der Disputationen entwickelte sich organisch die Verbreitung von Thesenreihen über Netzwerke und den Buchhandel. Als Resultat entstanden seit 1520 mehrere Thesensammlungen, welche diese Diskussionsgemeinschaft in Wittenberg dokumentierten und für die gelehrte Öffentlichkeit verfügbar machten. Gingen die in den 1520er Jahren entstandenen Thesensammlungen auf eine solche Verbreitung in den gelehrten Netzwerken und die Wanderungsbewegungen Wittenberger Studenten zurück, nutzten Luther und Melanchthon ab 1530 die Erinnerung an die frühen Wittenberger Disputationen bewusst als Traditionsstiftung für eine spezifisch lutherische Form der Disputation. (3) Am Beispiel der Entwicklung von Disputationen im Rahmen von Ordenskapiteln, bei denen die enge Verbindung von Bettelorden und Universität zelebriert werden sollte, konnte die Dialektik von Tradition und Innovation im Disputationswesen analysiert werden. Nutzten die Augustiner ihr Heidelberger Ordenskapitel 1518 dazu, indem sie Luther die Disputation halten ließen, ihre Solidarität mit dem bedrängten Ordensbruder zu zeigen, so gebrauchten die Wittenberger das Kapitel der Franziskaner im Oktober 1519 in Wittenberg dazu, als Opponenten die Ordenstheologie der Minoriten radikal in Frage zu stellen, wozu sie allerdings gezielt die Möglichkeiten nutzten, die ihnen das Disputationsreglement bot. Damit veränderten sie aber zugleich die Funktion der Kapiteldisputation. (4) Die Radikalisierung der Franziskanerdisputation lag in der Konsequenz der Entwicklung des Wittenberger Disputationswesens, wie ein Blick auf die Entwicklung der Disputationen bis 1519 zeigt. An einer diachronen Analyse von Disputationen zu rechtlichen Themen konnte exemplarisch gezeigt werden, wie sich die Diskussionen in Wittenberg von einer systeminternen Kritik an Einzelaspekten über die grundlegende Infragestellung der traditionellen Normen hin zur Formulierung von Reformoptionen für Kirche und Gesellschaft entwickelten. Die Abkehr von den scholastischen Autoritäten zugunsten einer alleinigen Orientierung an der Bibel ermöglichten für eine kurze Zeit eine offene Diskussion in den gemeinschaftlichen Disputationen, die aber nach dem Scheitern der Wittenberger Stadtreformation im Zuge der lutherischen Konfessionsbildung wieder deutlich limitiert wurde. Im Rahmen des Projektes konnte das Laboratorium der Wittenberger Disputationen ausgelotet werden. Die Disputationspraxis in Wittenberg konnte als ein Rahmen gezeigt werden, in dem die Angehörigen der Theologischen Fakultät als Gemeinschaft agierten und den sie zur Formulierung und Verbreitung ihrer theologischen Entwürfe nutzten. Die daraus resultierende offene Diskussion der theologischen Autoritäten wurde nach 1530 zur Grundlage für eine wieder stärker normierte Erneuerung der Disputationspraxis an lutherischen Universitäten. Insgesamt stehen die frühen Wittenberger Thesen damit für die Dialektik von Kontinuität und Umbruch, die den Übergang zwischen Spätmittelalter und Früher Neuzeit prägte.

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