Funktion und Relevanz der Theorie-Reihe des Suhrkamp Verlages im intellektuellen Diskurs der 60er und 70er Jahre
Empirische Sozialforschung
Zusammenfassung der Projektergebnisse
Die wesentlichen Erträge des Forschungsprojekts lassen sich in folgenden Punkten zusammenfassen: Die Theorie-Reihe hatte schon kurz nach ihrer Gründung und Realisierung einen Vorbildcharakter, auch und gerade für die später ins Leben gerufenen Studienbuch-Reihen durch andere Verlage (exemplarisch Fischer-Athenäum Taschenbuch). Für den Suhrkamp Verlag der Gründerjahre unter der Leitung von Siegfried Unseld war das kulturelle Kapital der Reihe mit den prominenten Herausgebern unterschiedlicher philosophischer Richtungen und den exquisiten Titeln (vielfach Übersetzungen) von primärer Bedeutung. Ökonomisch-kaufmännische Faktoren der Programmgestaltung hat der Verleger erst nach einer längeren Lauf- und Probezeit und einer fortgesetzten Stagnation der Verkäufe ins Spiel gebracht. Unselds privilegierte Behandlung der Herausgeber, an deren Sitzungen der Verleger meist teilnahm, geht darauf zurück, dass er auf ‚seine‘ Professoren stolz war und der von vorneherein die richtige Einschätzung hatte, dass sich die Theorie-Reihe als Zugpferd rentieren würde. Die Theorie-Reihe wirkte als Trojaner für die ganze Programmpolitik im Bereich Geistes- und Sozialwissenschaften des Suhrkamp Verlages. Der Nimbus der Theorie-Reihe, mit der, wie sich gezeigt hat, der Verlag Wissenschaftsgeschichte geschrieben hat, geht zurück auf die frühe, noch von Peter Suhrkamp initiierte Ergänzung des bedeutenden literarischen Programms des Verlages durch philosophische Titel etwa von T. W. Adorno und Walter Benjamin. Es hat sich (entgegen der Arbeitshypothese) herausgestellt, dass keine eindeutigen, von allen akzeptierte und zur Geltung gebrachte Kriterien für die Aufnahme von Titeln in die Reihe seitens der Herausgeber gab. Mit der Theorie-Reihe konnte der Suhrkamp Verlag über die Jahre die Hegemonie über den wissenschaftlichen Taschenbuch-Markt und das akademische Feld erlangen. Es ließ sich feststellen und belegen, dass es einen Zusammenhang zwischen der von den Herausgebern betriebenen Programmpolitik und ihrem akademischen Bildungsauftrag gab. Die ausgewerteten Dokumente und Korrespondenzen sowie Gespräch geben zu erkennen, dass es gelegentlich Konflikte hinsichtlich der Entscheidungsfindung bezüglich Autoren und Titel gab. Bei den Konfliktlösungen hat der Lektor Karl Markus Michel eine schlichtende Rolle gespielt. Die gestaltende und bestimmende Roll von Karl Markus Michel wir die die Forschungsergebnisse bestätigt. Michel hat mehr Titel zu verantworten als die Herausgeber zusammengenommen. Eine Deutungshoheit einzelner Herausgeber in Bezug auf die Programmpolitik ließ sich nicht bestätigen. Die Forschungsergebnisse sprechen dafür, dass die Theorie-Reihe ein Kompromissprodukt war.
Projektbezogene Publikationen (Auswahl)
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Antithetisches Schreiben und die Bilderwelt der Minima Moralia, in: Ebend. S. 95-105.
Müller-Doohm, Stefan
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„Eigentum verpflichtet“ – die Revolte im Suhrkamp Verlag. Siegfried Unseld und der Verlag der Autoren, in: Offener Horizont. Jahrbuch der Karl Jaspers-Gesellschaft, Göttingen: Wallstein 2018, S. 442-458.
Schopf, Wolfgang
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Biographieforschung. Ein Lern- und Erfahrungsbericht, in: Michaela Pfadenhauer/Elisabeth Scheibelhofer (Hg.): Interpretative Sozialforschung, Weinheim und Basel: Juventa, S. 166-178.
Müller-Doohm, Stefan
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Die Theorie-Reihe im Suhrkamp Verlag. Jürgen Habermas und Dieter Henrich im Diskurs mit Siegfried Unseld. Offener Horizont, 459-477. Wallstein Verlag.
Henken, Ansgar Baumgart & Yentl, Katharina
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Peter Suhrkamp und sein Verlag, in: Offener Horizont. Jahrbuch der Karl Jaspers-Gesellschaft 2019/20, Göttingen: Wallstein, S. 442-458.
Schopf, Wolfgang
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»Bangemachen gilt nicht.« Theodor W. Adorno als Aufklärer. Offener Horizont, 513-527. Wallstein Verlag.
Müller-Doohm, Stefan
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„in einen Kreis aufgenommen“. Dankesrede zur Verleihung des Dr. phil honoris causae. Oldenburger Universitätsreden Bd. 216, Oldenburg: BIS-Verlag.
Schopf, Wolfgang
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Einer kann ohne den anderen nicht. Intellektuelle brauchen Medien, um gehört zu werden. Neue Zürcher Zeitung, 25.01.2021
Müller-Doohm, Stefan
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Habermas, Adorno and the New Left, in: Anders Bartonek / Sven-Olov Wallenstein (Hg.): Critical Theory. Past, Present, Future, Huddinge: Södertöom, S. 25-40.
Müller-Doohm, Stefan
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Ins Denken ziehen. Verlag C.H.BECK oHG.
Henrich, Dieter; Bormuth, Matthias & Bülow, Ulrich
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Vernünftige Freiheit. Jürgen Habermas. Das Geisterreich, 158-174. Wallstein Verlag.
Bormuth, Matthias
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Über das Verhalten in der Gefahr. Peter Suhrkamp. Das Geisterreich, 122-134. Wallstein Verlag.
Bormuth, Matthias
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Des Herzens Meinung. Der späte Dieter Henrich, in: Sinn und Form 3, S. 380-390.
Bormuth, Matthias
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Soziologie und Philosophie bei Jürgen Habermas. Die Präsenz des Vergangenen, 189-203. Brill | Fink.
Müller-Doohm, Stefan
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Adorno und Habermas. Zwei Spielarten nachmetaphysischen Denkens, in: Stefan Müller- Doohm u.a. (Hrsg.): Vernünftige Freiheit. Beiträge zum Spätwerk von Jürgen Habermas, Berlin: Suhrkamp, S. 106- 128.
Müller-Doohm, Stefan
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Adornos »Minima Moralia«. FELIX MEINER VERLAG.
Esther, Helena & Müller-Doohm, Stefan
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Ambivalenz der Freiheit. Eine Heidelberger Spurensuche zu Auch eine Geschichte der Philosophie, in: Stefan Müller-Doohm, Smail Rapic und Tilol Wesche (Hg.): Vernünftige Freiheit. Beiträge zum Spätwerk von Jürgen Habermas, Berlin: Suhrkamp, S. 74-105.
Bormuth, Matthias
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Jürgen Habermas. Gespräche . “Es musste etwas besser werden…”, Berlin 2024: Suhrkamp.
Müller-Doohm, Stefan & Roman Yos
