Philosophische Hermeneutik der religiösen Erfahrung in Luigi Pareyson und seiner Schule
Zusammenfassung der Projektergebnisse
Die Ergebnisse des Projekts haben die Erwartungen des Antragstellers übertroffen: Rezeptionsgeschichtlicher Gewinn: Große Teile der italienischen Gegenwartsphilosophie sind in Deutschland immer noch „terra incognita“ – so Ugo Perone. Mit den im Rahmen des Projekts publizierten Beiträge und den fünf Erstübersetzungen ist es gelungen, das Werk eines der Protagonisten der italienischen Nachkriegsphilosophie der deutschen Forschungsgemeinschaft zugänglich zu machen. Es ist zu erwarten, dass diese Arbeiten zu einer deutlichen Zunahme von Promotions- und Forschungsvorhaben im deutschsprachigen Raum anregen werden. Hermeneutischer Gewinn in Bezug auf Pareyson und seinen Schülerkreis: Als Indiz für die völlig lückenhafte Rezeption Pareysons in Deutschland wurde im Projektantrag das Defizit an deutschsprachiger Sekundärliteratur angeführt, die sich nur auf einzelne Aspekte seiner (Spät-)Philosophie (insb. das Thema des Bösen in Gott) konzentrierte und nicht den gesamten Denkweg in den Blick nahm. Die philosophisch-religiöse Hermeneutik Pareysons könne nicht ohne den systematischen Kontext – d.h. die existentialistischen, ästhetischen und ontologischen Bezugspunkte – seines gesamten Denkens verstanden werden. Um diese Lücke zu schließen, sind inzwischen verschiedene Beiträge zu den drei Phasen des Denkens Pareysons erschienen und die Primärliteratur in deutscher Sprache zugänglich gemacht worden. Dies ermöglicht heute auch ein besseres Verständnis des „schwachen Denkens“ (Vattimo, Eco) sowie anderer möglicher Varianten der „Ontologie des Unerschöpflichen“ und ihre Anwendung auf die religiöse Erfahrung (Ciancio, Givone, Perone). Ein kritisch-theoretischer Gewinn für die Philosophie besteht darin, die Frage nach dem „Ende der Metaphysik“ bzw. „der Philosophie“ im Ausgang von einer ontologisch fundierten Hermeneutik neu zu bedenken und zwar jenseits der Alternative von „Urbanisierung“ und „Radikalisierung“ der „Heideggerschen Provinz“ (J. Habermas). Ein kritisch-theologischer Gewinn für die katholische Theologie besteht darin, die Frage nach dem Verhältnis von Wahrheit und Freiheit bzw. Interpretation jenseits einer „Hypostasierung“ der Tradition neu zu bedenken. Eine Folge dieser tendenziellen Hypostasierung der Tradition, die sich noch bei Gadamer findet, ist die Unmöglichkeit, eine autonome Kritik an dem zu formulieren, worauf die Tradition keine Antwort hat. Diese Frage ist kirchenpolitisch heute hochaktuell. Die philosophische Hermeneutik Pareysons kennt Auswege aus dieser Sackgasse und ermöglicht es, die Suche nach der Wahrheit in den Religionen auf neue Wege zu führen. Dieses DFG-Projekt hat sowohl in Deutschland als auch in Italien ein gewisses Echo in den Medien und in der Wissenschaft gefunden: Die Welt (5.1.2022); Kölner Stadt-Anzeiger (22.08.19), Frankfurter Rundschau (22.08.19); im italienischen Fernsehen: Sendung: RAI Cultura – Filosofia: Luigi Pareyson. L’attualità e la fecondità del suo pensiero (14.9.2021); Sendung: RAI Cultura – Filosofia: Stare nel circolo ermeneutico nella maniera giusta. Oltre Gadamer. (20.10.2023); in einer Radio-Sendung von: Il posto delle parole: Sulla filosofia del forse (15.08.2021). 2023 wurde mir der Italienische Staatspreis für Philosophie 2023 („Premio Nazionale di Filosofia – Le figure del pensiero“) verliehen. Mein Buch „Der Sprung in den Glauben. Von der existenziellen Relevanz des Christentums“ (Herder 2023), das im Anschluss an Pareyson eine eigene Phänomenologie christlich-religiöser Erfahrung darstellt, wurde von den beiden katholischen Büchereiverbänden in Deutschland, dem Michaelsbund (für Bayern) und dem Borromäusverein (außerhalb Bayerns), zum „Religiösen Buch des Monats“ (Juli 2023) gewählt.
Projektbezogene Publikationen (Auswahl)
-
Der doppelte Auftakt des Gottesgedankens in der Moderne. Das Spiel von Endlich und Unendlich bei René Descartes und Blaise Pascal. In: Zeitschrift für Katholische Theologie 140 (2018) 380-391.
Gianluca De Candia
-
Heiteres Spiel am Abgrund der Wahrheit. Das „schwache Denken“ bei Umberto Eco und Gianni Vattimo und dessen Hintergrund in der Philosophie von Luigi Pareyson. In: Annuario filosofico 34 (2018), 330-346.
Gianluca De Candia
-
Vom unmöglichen zum potenziellen Christentum. Luigi Pareyson und die Philosophie als Hermeneutik der religiösen Erfahrung. In: Theologie und Philosophie 93 (2018), 555-562.
Gianluca De Candia
-
Il forse bifronte. L’emergenza della libertà nel pensiero di Dio, Mursia, Milano- Udine 2021, 173 S.
Gianluca De Candia
-
Vom Staunen der Vernunft. Aschendorff Verlag, Münster 2021, 158 S
Luigi Pareyson, Gianluca De Candia, Gianni Vattimo & Giuseppe Riconda
-
Das „schwache Denken“ als Ontologie dessen, was geschieht. In: Der Glaube im Denken, hrsg. von M. Breul und A. Langenfeld, Herder Verlag 2023, 411- 419.
Gianluca De Candia
-
Die Existenzphilosophie und Karl Jaspers, Mimesis Verlag, Mailand- Udine 2023, XCII + 276 S.
Luigi Pareyson, Giovanni Battista Demarta & Gianluca De Candia
-
Wahrheit und Interpretation, herausgegeben und übersetzt von Gianluca De Candia, eingeleitet von Claudio Ciancio und Ugo Perone, Philosophische Bibliothek Bd. 761, Felix Meiner Verlag, Hamburg 2023, 370 S.
Luigi Pareyson & Gianluca De Candia
-
Ästhetik. Theorie der Formativität, Mimesis Verlag, Mailand-Udine, März 2024, CXXII + 422 S.
Luigi Pareyson, Giovanni Battista Demarta & Gianluca De Candia
