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Pioniergemeinschaften: Die Quantified-Self- und Maker-Bewegung als kollektive Akteure tiefgreifender Mediatisierung

Fachliche Zuordnung Publizistik und Kommunikationswissenschaft
Empirische Sozialforschung
Förderung Förderung von 2017 bis 2023
Projektkennung Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 394861196
 
Erstellungsjahr 2024

Zusammenfassung der Projektergebnisse

Das Ziel des Projekts war die Untersuchung der Maker- und Quantified Self-Bewegung in Deutschland und Großbritannien sowie deren Rolle für eine fortschreitende, tiefgreifende Mediatisierung. Im Projekt konnte die Online-Vernetzung beider Pioniergemeinschaften rekonstruiert und gezeigt werden, inwieweit diese von einer Organisationselite aus der San Francisco Bay Area kuratiert werden. Diese setzt einen rahmenden Diskurs, der enge Bezüge zur „kalifornischen Ideologie“ hat. Beide Pioniergemeinschaften haben unterschiedliche Modelle der Kuratierung, einerseits durch ein Franchising (Maker), andererseits durch eine juristisch nicht durchgesetzte Trademark (Quantified Self). Mittel der Kuratierung sind insbesondere Events (Tagungen, Faires), Publikationen (Online, Print) und der Aufbau lokaler Gruppen und Spaces. Der so geschaffene Selbstverständnisdiskurs setzt einen Rahmen für die Identifikation und Legitimation der Pioniergemeinschaften als „Bewegung“. Die Praxis in den lokalen Gruppen und Spaces wird dann aber von den Projekten ihrer Mitglieder bestimmt, die im Gegensatz zu den sehr weitreichenden Imaginationen auf das eigene „Basteln“ (Maker) und die eigene „Persönlichkeitsentwicklung“ (Quantified Self) gerichtet sind. Wo die Projekte einen größeren (wirtschaftlichen) Umfang annehmen, zielen sie vor allem auf eine eigene Selbstständigkeit und Gemeinschaftsaktivitäten. Es zeigt sich also eine große Diskrepanz zur der „Ideologie“ der Pioniergemeinschaften: der Neuerfindung der Wirtschaft (Maker) und der Persönlichkeitsentwicklung (Quantified Self). Besonders deutlich wird dies in der Corona-Pandemie, in der der gesellschaftliche wie eigene Anspruch an die Maker war, „alternative“ Möglichkeiten der Entwicklung von medizinischem Gerät zu realisieren. De facto war aber schon die Serienproduktion von Schutzschilden mit den Mitteln der Maker – die auf Prototyping und Einzelanfertigung zielen – kaum machbar. Der Einfluss der beiden Pioniergemeinschaften auf die tiefgreifende Mediatisierung vollzieht sich so auf vermittelte Weise, nämlich über verbundene Imaginationen gesellschaftlicher Veränderung: In Deutschland und Großbritannien wurde die Maker-Bewegung in der Tendenz „utopisch“ als orientiert auf Innovation, Lernen und Teilen dargestellt, die Quantified Self Bewegung eher „dystopisch“ als orientiert auf Selbstoptimierung und Überwachung. In beiden Fällen werden Technologien aber eine große Wirkmächtigkeit unterstellt und so Muster der kalifornischen Ideologie reproduziert. Bei all dem zeigt sich an den untersuchten beiden Pioniergemeinschaften ein typischer Lebenszyklus, der sich in drei Phasen konkretisiert: der Formierung mit einer „proklamierenden“ Konstitution in der San Francisco Bay Area, dem Hoch mit einer breiten, länderübergreifenden Medienaufmerksamkeit als auch einer Vielzahl lokaler Gruppen und Spaces sowie dem Ausklang mit einer „Veralltäglichung“ des Pionierhaften.

Projektbezogene Publikationen (Auswahl)

 
 

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