Computerisierung und Wissensproduktion in ost- und westdeutschen Sicherheitsbehörden, 1960-1990
Zusammenfassung der Projektergebnisse
Das Forschungsprojekt „Computerisierung und Wissensproduktion in ost- und westdeutschen Sicherheitsbehörden, 1960-1990“ untersuchte, wie sich die Einführung von Computertechnologie auf die Arbeitsweise, Organisation und Wissensverarbeitung von Polizei- und Nachrichtendiensten in der DDR und der Bundesrepublik auswirkte. Ziel des Projekts war es herauszufinden, welche Veränderungen der Einsatz der elektronischen Datenverarbeitung (EDV) in diesen Behörden ausgelöst hat. Dabei ging es nicht nur um technische Neuerungen, sondern vor allem um deren Auswirkungen auf interne Machtstrukturen, Wissenshierarchien und Arbeitsabläufe. Ein zentrales Ergebnis ist, dass die Digitalisierung auf beiden Seiten der Mauer vor allem durch praktische Herausforderungen vorangetrieben wurde - insbesondere durch die Überforderung mit den rasant wachsenden Informationsbeständen ("Informationsflut") und die Notwendigkeit, Reisende und andere überwachte Personen effizient zu erfassen und zu kontrollieren. Die Antwort bestand in der Einführung maschinenlesbarer Dateien und auch von Datenbanksystemen, deren Umsetzung jedoch häufig an technische und organisatorische Grenzen stieß. Widerstände kamen oft aus den eigenen Reihen - etwa aus den Auswertungseinheiten, die ihre komplexe Arbeit durch die Standardisierung der Daten bedroht sahen. Das Projekt zeigt auch, dass die Digitalisierung nicht automatisch zu einer Modernisierung der Strukturen führte. Zwar wurden neue IT-Abteilungen geschaffen, doch der Aufbau von technischem Know-how gestaltete sich schwierig, nicht zuletzt aufgrund von Sicherheitsbedenken gegenüber externem Personal. Die Behörden investierten in die Ausbildung eigener IT- Spezialisten, arbeiteten aber gleichzeitig mit Firmen wie Siemens oder IBM zusammen - selbst das MfS beschaffte auf konspirativen Wegen westliche Computertechnik und ließ sie von westdeutschen Mitarbeitern warten und programmieren. Bemerkenswert ist auch, wie ähnlich die Entwicklung in Ost und West in vielen Aspekten verlief. Beide Seiten setzten auf zentrale Informationsverarbeitung, kämpften gegen zentrifugale Tendenzen und technische Hemmnisse und versuchten, ihre Organisation den neuen Möglichkeiten anzupassen. In der Bundesrepublik führte die wachsende Datenschutzdebatte ab Mitte der 1970er Jahre jedoch zu einer stärkeren Reglementierung des EDV-Einsatzes - im Gegensatz zur DDR, wo die technische Machbarkeit im Vordergrund stand. Aus heutiger Sicht ist das Projekt hoch relevant, weil es die historischen Wurzeln heutiger digitaler Sicherheitsinfrastrukturen beleuchtet. Es zeigt, wie eng staatliche Kontrolle und Informationstechnologie seit Jahrzehnten miteinander verwoben sind - und wie sich Fragen, die uns heute im Zusammenhang mit Datenschutz, Überwachung und IT-Kompetenz in Behörden beschäftigen, bereits in der Vergangenheit stellten. Die Forschung bietet damit eine wichtige historische Perspektive auf aktuelle Debatten um den Umgang mit sensiblen Daten in Sicherheitsbehörden.
Projektbezogene Publikationen (Auswahl)
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Südfrüchte im Stahlnetz. Der polizeiliche Zugriff auf nichtpolizeiliche Datenspeicher in der Bundesrepublik, 1967-1989, in: Frank Bösch (Hg.): Wege in die digitale Gesellschaft
Computernutzung in der Bundesrepublik 1955–1990, Göttingen 2018, S. 39-63
Bergien, Rüdiger
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Vortrag Kraftfahrzeugdaten als „Lebensfrage“. Von der Motorisierung der Gesellschaft zur Digitalisierung der Inneren Sicherheit, gehalten auf dem Workshop „Zeitgeschichte der Sicherheit, Politikfelder, Akteure und Handlungslogiken im geteilten Deutschland“, 10.9.2018
Rüdiger Bergien
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Programmieren mit dem Klassenfeind. Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 67(1), 1-30.
Bergien, Rüdiger
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Vortrag. “Scientification, Data Processing and Information Transfer in Secret Services”, gehalten auf der Tagung “The Knowledge of Intelligence: Scientification, Data Processing and Information Transfer in Secret Services, 1945– 1990, 28./29.6.2019, ZZF in Potsdam
Rüdiger Bergien & Debora Gerstenberger
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Vortrag “Counter Intelligence und Computer. Die EDV-Einführung in westdeutschen Nachrichtendiensten als transatlantischer Wissenstransfer“, gehalten auf dem Workshop Technikwissen und Wissenstechniken im deutschen Militär seit 1890, 15./16.4.2021
Rüdiger Bergien
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Intelligence Agencies, Technology and Knowledge Production. Routledge.
Bergien, Rüdiger; Gerstenberger, Debora & Goschler, Constantin
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Programming with the Class Enemy: The Stasi, Siemens, and IT Knowledge Transfer during the Cold War. German Yearbook of Contemporary History, 6(1), 52-84.
Bergien, Rüdiger & Crowe, Sinéad
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Software für Pullach. Technikwissen Und Wissenstechnik, 243–264.
Bergien, Rüdiger
