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Völker- und Rassenkunde in Stein Die fotografische Erfassung altägyptischer Menschendarstellungen und die ethnohistorische Kartographie des Altertums im 19. und frühen 20. Jahrhundert

Antragsteller Dr. Felix Wiedemann
Fachliche Zuordnung Neuere und Neueste Geschichte (einschl. Europäische Geschichte der Neuzeit und Außereuropäische Geschichte)
Wissenschaftsgeschichte
Förderung Förderung von 2018 bis 2024
Projektkennung Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 397354083
 
Erstellungsjahr 2024

Zusammenfassung der Projektergebnisse

Publikationen aus dem Bereich der sogenannten Rassenwissenschaften aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert weisen einen überraschend hohen Anteil an Abbildungen antiker Bildwerke auf. Die Objekte – griechische Götter- und Heldenstatuen, römische Porträtbüsten, Tempelreliefs und Wandmalereien aus Ägypten und dem Alten Orient etc. – stammten aus sehr unterschiedlichen historischen und kulturellen Kontexten und wurden auf unterschiedliche Art interpretiert bzw. „gelesen“. Einige fungierten als Repräsentationen idealer „Rassenschönheit“, von anderen versprach man sich Informationen über das physische Erscheinungsbild zentraler historischer Akteure aus der Vergangenheit. Die rassenwissenschaftliche Deutung historischer Bildwerke bezeichne ich als „anthropologische Lektüre“: Von der Annahme ausgehend, dass sichtbare physische Differenzen zwischen bildlich verschieden dargestellten Menschengruppen sich als (intendierte) Repräsentationen verschiedener sogenannter Völker oder Rassen begreifen ließen, versprach man sich Aufschluss über die anthropologischen Verhältnisse in der Vergangenheit. So schien es nicht nur möglich, kollektive historische Akteure („Völker“) anthropologisch zu klassifizieren, sondern auch, die Konstanz sogenannter Rassentypen durch die Zeit hindurch aufzuzeigen und die Evidenz des Rassenkonzepts zu untermauern. Das wissenschafts-, medien- und ideologiegeschichtliche Forschungsvorhaben verfolgte eine mehrschichtige Fragestellung und zielte auf Entstehung, Grundlagen und leitende Prämissen der anthropologischen Lektüre. Dabei zeigte sich, dass es sich um ein interdisziplinäres Verfahren handelte, das in den Kunst- und Altertumswissenschaften des 19. und 20. Jahrhunderts ebenso etabliert war wie in den Rassenwissenschaften. Ausgangspunkt der Untersuchung war die Rekonstruktion von zwei fotoarchäologischen Expeditionen nach Ägypten, die explizit mit dem Ziel entsandt worden waren, für die anthropologische Lektüre geeignete Aufnahmen altägyptischer Menschendarstellungen zu erstellen. Die dabei entstandenen Aufnahmen spielten nicht nur eine zentrale Rolle bei der Konstruktion und Absicherung ethno- und biohistorischer Erzählungen zur Geschichte des antiken Mittelmeerraums und des Alten Orients. Ihre prominente Verwendung in Debatten um die Herkunft und anthropologische Zugehörigkeit von rezenten Bevölkerungsgruppen zeugte zudem von einer unmittelbaren gesellschaftspolitischen Relevanz. In einem zweiten Schritt wurden die epistemischen Grundlagen und die medienhistorischen Voraussetzungen des Verfahrens herausgearbeitet. Denn die Überzeugungskraft der Methode basierte grundlegend auf bildästhetischen Prämissen und kunsthistorischen Narrativen, die sich auf den europäischen Klassizismus zurückführen lassen und hing wesentlich von den Konjunkturen visueller Beweisverfahren ab, die im Zuge der rasanten Entwicklung der Reproduktionstechniken seit dem späten 18. Jahrhundert einer ständigen Transformation unterworfen waren.

Projektbezogene Publikationen (Auswahl)

 
 

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