Die »Tomba della Regina« von Sirolo-Numana (Prov. Ancona, Italien). Der herausragende Grabkomplex einer picenischen Frau des späten 6. Jahrhunderts v. Chr. als Schlüsselfund für die Vorgeschichte Europas
Zusammenfassung der Projektergebnisse
Das Projekt widmete sich der endgültigen Restaurierung und wissenschaftlichen Auswertung der „Tomba della Regina“ von Sirolo-Numana (Prov. Ancona, Italien), der repräsentativste und berühmteste Grabkomplex des Picenums sowie eines der reichsten Gräber des 6. Jhs. v.Chr. in der europäischen Vorgeschichte. Das Projekt wurde vom 01.06.2018 bis zum 31.07.2021 durchgeführt und erfolgreich abgeschlossen. In diesem Zeitraum war es zum ersten Mal möglich, das gesamte Grabinventar der "Tomba della Regina" zu sichten und sowohl fotographisch als auch graphisch zu dokumentieren. Diese Arbeitsphase hat zur Identifizierung wichtiger Funde geführt und hat die Identifikation und Rekonstruktion bisher unbekannter Objekten ermöglicht. Parallel zur Materialaufnahme konnte die gesamte, noch zum größten Teil unpublizierte Grabungs- und Restaurierungsdokumentation digitalisiert werden. Diese ist sowohl für die Rekonstruktion der Grabungs- und Restaurierungsphasen als auch für die Kontextualisierung vieler Objekte von enormer Bedeutung. Entscheidend für die planmäßige Durchführung des Forschungsvorhabens waren die Restaurierung und Konservierung einer sorgfältigen Auswahl an Funden aus dem Grab. Die Ergebnisse der Restaurierung haben in erheblichem Maße zur soliden wissenschaftlichen Auswertung des Grabkontextes beigetragen. Zu den wichtigsten Überraschungen der Restaurierung zählen drei Prachtfibeln mit Bein- und Bernsteinverkleidung, ein eiserner Kandelaber und ein eisernes Set von Schlachtgeräten. Besondere Aufmerksamkeit bei der wissenschaftlichen Auswertung des Grabes wurde der akribischen Untersuchung der Gruben A und B geschenkt. Die Identifizierung einer kleinen Certosafibel legt die Datierung des Grabes am Ende des 6. Jhs. v. Chr. fest, was im Einklang mit der jüngsten attischen Keramik aus der Grube B steht. Die Erforschung des Bestattungsrituals im Vergleich zu älteren Frauengräbern der Nekropole offenbarte einen ausgeprägten Konservatismus und andere Praktiken - wie die Thesaurierung besonderer Objekte -, die als deutliche Zeichen der einer Oberschicht in der Gesellschaft sowie als Ausdruck der eigenen Identität zu deuten sind. Dabei spielten Frauen offensichtlich keine sekundäre Rolle, wie die "Tomba della Regina" exemplarisch beweist. Mehrere Schmuckelemente und Trachtbestandteile können als Status-, Alter- und Rangindikatoren interpretiert werden. Deutliche Machtsymbole fehlen, aber die zwei Wagen und der gesamte Inhalt der Grube B weisen auf eine ausgeprägte Präsenz und Sichtbarkeit der Verstorbenen in der Öffentlichkeit hin. Mehrere Funde im Grabinventar deuten auf weitreichende Kontakte hin. Neben den Kontakten zu Etrurien und Griechenland können jetzt anhand der Präsenz bestimmter Objekte im Grabinventar auch weitere Verbindungen zu Nord-, Süditalien und zum Balkangebiet postuliert werden. Nach dem Abschluss des Forschungsprojekts kann man die „Tomba della Regina” als symbolischen Höhepunkt und gleichzeitig Wendepunkt einer Phase zwischen dem 6. Und dem 5. Jh. v. Chr. betrachten, in der sich Numana zu einem der wichtigsten Akteure im internationalen Szenario entwickelte. Vor allem dieser Grabkontext liefert neue, wichtige Erkenntnisse, um die bereits vermutete Rolle des Picenums als mögliches Bindeglied zwischen den verschiedenen Kulturräumen besser zu verstehen. Im Frühjahr 2022 wird eine Auswahl der restaurierten Funde im Antiquarium Statale von Numana zum ersten Mal ausgestellt. Als Beleg für die Relevanz des Projekts und die Resonanz des Themas auch in der Öffentlichkeit soll erwähnt werden, dass ein Dokumentarfilm für die TV-Sender ZDF und Arte im Laufe des Jahres 2021 gedreht wurde.
Projektbezogene Publikationen (Auswahl)
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Il vasellame bronzeo nel Piceno. Linee di sviluppo e casi di studio. Ocnus 28, 2020, 127-143
G. Bardelli
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Prunk, Ritual und Tradition im Picenum. Zwei Prachtfibeln mit Bein- und Bernsteinverkleidung aus der „Tomba della Regina” von Sirolo-Numana (Prov. Ancona). Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts – Römische Abteilung 126, 2020, 39-77
G. Bardelli & I. A. Vollmer
