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Implizites Wissen: Eine dispositionalistische Theorie

Antragsteller Dr. Lars Dänzer
Fachliche Zuordnung Theoretische Philosophie
Förderung Förderung von 2018 bis 2022
Projektkennung Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 398591551
 
Erstellungsjahr 2023

Zusammenfassung der Projektergebnisse

Was ist implizites Wissen? Oder konkreter gefragt: Wie sollten wir beispielsweise die Behauptung vieler Sprachwissenschaftler*innen verstehen, dass wir alle über implizites Wissen der grammatischen Regeln unserer Muttersprache verfügen, obwohl wir diese Regeln (normalerweise) nicht benennen können? Einer etablierten philosophischen Auffassung zufolge sind solche Zuschreibungen von implizitem Wissen substantielle Hypothesen über die Struktur der Informationsverarbeitung in unserem Gehirn. Im Zentrum des vorliegenden Projekts stand dagegen die These, dass sich Zuschreibungen von implizitem Wissen letztlich als Zuschreibungen von komplexen Dispositionen im Denken und Handeln verstehen lassen. Die zentralen Ergebnisse des Projektes kreisen um diese These und räumen unterschiedliche Hürden für eine dispositionalistische Auffassung von implizitem Wissen aus dem Weg. (1) Der dispositionalistischen Auffassung steht (scheinbar) die weithin geteilten Annahme entgegen, implizites Wissen gehöre zum Bereich des “Subpersonalen” im Gegensatz zum Bereich des “Personalen”. Um diesem Einwand zu begegnen hat das Projekt eine sorgfältige Untersuchung und Explikation der notorisch unklaren Unterscheidung ”personal vs. subpersonal” vorgelegt, aus dessen Basis sich zeigen lässt, dass der Einwand auf einer begrifflichen Verwirrung beruht. (2) Ein weiterer Einwand gegen die dispositionalistische Auffassung von implizitem Wissen beruht auf Ned Blocks einflussreichem “Blockhead”-Gedankenexperiment. Anhand eines imaginären humanoiden Roboters will Block zeigen, dass für Intelligenz—und damit auch für kognitive Zustände wie implizites Wissen—die Struktur der internen Informationsverarbeitung ausschlaggebend ist und komplexe Verhaltensdispositionen nicht ausreichen. Das Projekt hat eine sorgfältige Analyse und Kritik dieses Gedankenexperiments vorgelegt und den Blockhead-Einwand damit entkräftet. (3) Die dispositionalistische Auffassung von implizitem Wissen muss von der Idee Gebrauch machen, dass das Wissen von Menschen “fragmentiert” ist, wobei unterschiedliche Fragmente eine jeweils unterschiedliche Rolle in der kognitiven Ökonomie ihres Besitzers spielen. Die bisherige Literatur zu kognitiver Fragmentierung beruht allerdings auf der Annahme, dass diese Rolle immer in der Anleitung von Handlungen bestehen. Implizites Wissen manifestiert sich dagegen oft nicht in Handlungen, sondern in automatischen, „intuitiven” Urteilen und Überzeugungen (etwa darüber, ob ein Satz grammatikalisch ist oder nicht). Das Projekt hat darum eine Verteidigung der These vorgelegt, dass bestehende Theorien von kognitiver Fragmentierung zu erweitern sind: Neben handlungsanleitenden Fragmenten müssen auch Fragmente angenommen werden, deren Rolle sich darauf beschränkt, automatische Inferenzen zu ermöglichen.

Projektbezogene Publikationen (Auswahl)

 
 

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