Lohngerechtigkeit in der europäischen Rechtsgeschichte
Zusammenfassung der Projektergebnisse
Im Rahmen des Projekts konnten verschiedene normative Maßstäbe für die Bestimmung der gerechten Vergütung für geleistete Arbeit in historischer Perspektive ermittelt werden. Dabei wurde deutlich, dass seit der Frühen Neuzeit in verschiedenen Konstellationen Löhne an Kriterien gemessen wurden, welche sowohl in der Person des Dienstleistenden, als auch in allgemeinen politischen oder ökonomischen Begleitumständen der Leistungserbringung liegen konnten. Auf der Ebene des Dienstleistenden konnte dessen real erbrachte Leistung (im Rahmen einer vertraglichen Äquivalenzbeziehung) oder seine Qualifikation (Erfahrungen oder beruflicher Status) als Lohnmaßstab herangezogen werden. Allgemein spielte die Marktprägung des Lohns eine Rolle, oder seine Regelung durch politische Akte der Obrigkeit oder Regierung. Überraschenderweise war diese auch in Epochen vor Entstehung der Privatrechtsgesellschaft, die oft mit starker staatlicher Regulierung von Löhnen in Form von Taxordnungen in Verbindung gebracht werden, nicht immer das vorrangige Lohngerechtigkeitskriterien. Weitere Bestimmungsfaktoren für gerechten Lohn, in denen politisch-kollektive und individuell orientierte Regelungsmotive zusammenfielen, waren die Erfüllung von Subsistenzanforderungen für arbeitende Menschen oder ihre Familien. Entgegen der ursprünglichen Erwartung spielten diese in der religiösen Wirtschaftsethik von Spätmittelalter und Früher Neuzeit nicht die Hauptrolle. Religiöse Autoren versuchten den Lohn weder in ein enges Korsett ständisch-obrigkeitlicher Regelungen zu zwängen, noch sahen sie ihn als bloßes Instrument von Armutsverhinderung. Schutz vor Armut durch Lohn war allerdings ein Motiv der Lohngerechtigkeit, das sich bis in die Gewerbegerichtsbarkeit des 20. Jahrhunderts zog. Auch haben die Forschungen ergeben, dass neben der grundsätzlichen Legitimation des Lohns die Modalitäten seiner Gewährung eng mit der Gerechtigkeitsebene verknüpft und oft Gegenstand intensiver juristischer Erörterungen waren. Zahlungszeitpunkte, die Frage des Naturallohns (gerecht oder zulässig?) oder die Differenzierung verschiedener Gehaltsbestandteile (Lohn, Provision, Gratifikation) spielten eine praktisch relevante Rolle. Erstmalig konnte das Projekt solche Beobachtungen zum Arbeitslohn mit der Alimentation als unterschiedliches normatives Konzept der Vergütung von Dienstleistungen in rechtshistorischer Perspektive gegenüberstellen. Deutlich wurden hier Variationen des Versorgungsgedankens im Kontext der Statusvorstellungen des öffentlichen Dienstes, welche dem Thema eine weitere bislang völlig unerforschte Dimension erschließen konnten. In diesem Sektor zeigte sich auch die Auswirkung von kulturell geprägten Vorstellungen von Arbeit, welche als ethisch-moralischer Faktor die Auffassungen über Lohngewährung bis ins 20. Jahrhundert mitprägten. Inwiefern Arbeit als „Dienst“ sublimiert wurde, oder als bloß flexibles marktabhängiges Vertragsverhältnis galt, war ein Unterscheidungsfaktor mit weitreichenden Konsequenzen auch für die Lohngewährung. Gezeigt werden konnte, dass Analysen der Legitimität des Lohns nicht bei dessen Gewährung stehen bleiben, sondern sich auch auf dessen Behalten-Dürfen beziehen sollten. Gerade bei der Frage der Nutzungsmöglichkeit des Lohns in Bezug auf die Ehefrau zeigte sich, wie gesellschaftliche Rollenbilder und Gestaltungsansprüche individueller Lebenschancen über rechtliche Regelungen des Zugriffs auf Arbeitslohn vermittelt werden konnten.
Projektbezogene Publikationen (Auswahl)
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Vom Arbeitsschutz zur Verteilungsgerechtigkeit. Der dauerprovisorische Achtstundentag in der Weimarer Republik, AuR 67 (2019), G17-G20
T. Pierson
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Kein gerechter Lohn, aber Schmerzensgeld. Zwangsarbeiterentschädigung als Zivilrechtsproblem am Beispiel Wollheim ./. IG Farben i.L., in: A. Jehn/A. Kirschner/N. Wurthmann (Hgg.), IG Farben zwischen Schuld und Profit. Abwicklung eines Weltkonzerns (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen 91), Marburg 2022, 227-262
T. Pierson
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Alimentationsgerechtigkeit. Nomos Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG.
Pierson, Thomas
