Imaginary Landscapes als Medien gesellschaftlicher Ordnungsentwürfe in der Moderne
Zusammenfassung der Projektergebnisse
Im 19. Jahrhundert erfuhr Mobilität eine neue Qualität. War sie bis dahin für die weitaus meisten Menschen eher mit Mühen und Kosten verbunden, erweiterten erst Dampfschiffe, dann Eisenbahnen den Radius erheblich. Die Reisen dienten in der Regel jedoch dem Erreichen eines Ziels. Proto-touristische Reisen waren nur einer bürgerlichen Minderheit vorbehalten. Wandern galt als Fortbewegungsart armer Menschen. Mit dem Aufstieg des Fahrrades, der Verkürzung der Arbeitszeit, der Einführung des Urlaubs und dann dem Siegeszug des Automobils veränderte sich das seit Ende des 19. Jahrhunderts grundlegend. Reisen wurde für immer breiteren Kreisen erschwinglich. Zugleich sollte es auf doppelte Weise einer nationalen Selbstfindung dienen. Unter Slogans wie "Know Your Country" sollten die Angehörigen einer Nation ihr Land bereisen, um es kennen zu lernen. Die Kenntnis der heterogenen Nation war ein unabdingbarer Baustein des inneren nation building, das erst im 20. Jahrhundert abgeschlossen wurde. Zum anderen sollten insbesondere Städter in vermeintlich weitgehend unberührte Landschaften reisen, um sich gegen die Zumutungen der industriellen Moderne zu wappnen. Landschaften dienten als "Sanatorium der Nation" (Ralph Tuchtenhagen). Die Reisemittel wurden seit jeher kontrovers diskutiert und gesellschaftspolitisch aufgeladen. Bereits das Dampfschiff mit etwa 10 Stundenkilometern Reisegeschwindigkeit und erst recht die Eisenbahn böten nur noch Eindrücke aus zweiter Hand. dieselbe Kritik galt später dem Auto, während das Wandern eine unmittelbare Primärerfahrung erlaube. Befürworter des Autos hoben die Möglichkeit hervor, an jedem beliebigen Punkt verweilen zu können. Sowohl in den USA als auch Deutschland wurden nach dem Ersten Weltkrieg Parkways und Autobahnen so in die Landschaft eingebettet, dass die Windschutzscheibe einen Panoramablick ermöglichte, so dass die Landschaft in immer neuen und überraschenden Perspektiven wahrgenommen werden konnte. Die Fahrer sollten die unterschiedlichen Räume der Nation regelrecht er-fahren und - auch dank einer "landschaftstypischen" Gestaltung der einzelnen Abschnitte - erleben. Fernwanderwege dagegen sollten ein anderes Naturerlebnis ermöglichen, das einen unmittelbaren, nicht durch Technik mediatisierten Kontakt zwischen Mensch und Natur zu versprechen schien. Beide Erfahrens- und Bewegungsformen wurden moralisch aufgeladen; die Konflikte wurden besonders an spezifischen Interferenzpunkten sichtbar, nämlich da, wo sich Wanderwege und Straßen kreuzten. In dem Projekt wurden ausgewählte Straßenprojekte (Schwarzwaldhochstraße, Deutsche Alpenstraße, Reichsautobahnen, der Blue Ridge Parkway) sowie Wanderwege (Schwarzwald-Höhenwege, Wegeverbund des Deutschen Alpenvereins, der Pacific Crest Trail, der Appalachian Trail) untersucht. Dabei wurde nicht nur das komplexe Verhältnis von Reisen, Nation und Landschaft in den Blick genommen, sondern insbesondere auch soziale Schichtungen, Distinktionsbemühungen, Geschlechterdifferenzen sowie rassische Hierarchien in den Blick genommen. Auto- und Gebirgswanderungen blieben lange Zeit männliche, bürgerliche, weiße Unternehmungen; Macht als Kategorie spielte nicht bloß im "Dritten Reich" eine Rolle.
