Differenzielle Mechanismen kognitiver Leistungsbeeinträchtigungen durch aufgabenirrelevante Hintergrundschalle bei Kindern und Erwachsenen
Akustik
Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie
Zusammenfassung der Projektergebnisse
In diesem Gemeinschaftsprojekt aus Entwicklungspsychologie, Kognitionspsychologie und Akustik wurden Beeinträchtigungen von Arbeitsgedächtnisleistungen durch aufgabenirrelevante Hintergrundgeräusche analysiert. Ziel war es, durch systematische Variation von Geräusch‐, Aufgaben‐ und Personvariablen die in der Literatur dominierenden Annahmen zu prüfen, wonach (1) geräuschbedingte Leistungsbeeinträchtigungen entweder aus Aufmerksamkeitsdistraktionen (Attention‐capture Account) oder aus spezifischen Interferen‐ zen zwischen automatischen Prozessen der Schallverarbeitung und intentionalen Prozessen der Aufgabenbe‐ arbeitung resultieren, und (2) die reliable Beeinträchtigung der seriellen Kurzzeitgedächtnisleistung durch Schallsequenzen mit changing‐state Charakteristik durch spezifische Interferenzen zwischen automatisch generierten Reihenfolgeinformationen bezüglich der auditiven Tokens und dem willentlichen Memorieren der Item‐Reihenfolge durch Rehearsal zustande kommt (Changing‐state Account). Zudem sollte geprüft werden (3), ob sich die Geräuschwirkungen unterscheiden, wenn anstelle der üblichen, monaural‐diotischen Schallpräsentation eine realitätsgetreue, binaurale Darbietung komplexer Geräuschszenarien erfolgt. Im Gegensatz zu den Vorhersagen des Changing‐state Account zeigten die in diesem Projekt durchgeführten Experimente mit Kindern und Erwachsenen übereinstimmend, dass serielles Behalten weder eine notwendige noch eine hinreichende Bedingung für das Auftreten einer Leistungsstörung durch changing‐state Sprachsequenzen darstellt. Vielmehr weisen die Befunde darauf hin, dass die Störwirkung von Hintergrundsprache auf Aufgaben beschränkt ist, die das Speichern und/oder Verarbeiten phonologischer Information im Arbeitsge‐ dächtnis erfordern. Diese Schlussfolgerungen basieren auf folgenden experimentellen Ergebnissen: Eine serielle, nicht‐phonologische Aufgabe (serielles Wiedergeben visuell‐räumlicher Items) wurde durch Sprachsequenzen (changing‐state Silbenfolgen) nicht gestört, während phonologische Aufgaben mit und ohne Seriation (serielles Wiedergeben bzw. Klassifikation der Anlaute bildlich präsentierter Wörter) signifikant und gleichermaßen stark beeinträchtigt wurden. Eine nicht‐serielle Aufgabe, die anstelle einer phonologischen eine semantische Klassifikation der bildlich dargestellten Wörter erforderte, wurde dagegen durch die Sprachsequenzen nicht beeinträchtigt. Bezüglich der seriellen Wiedergabe‐Aufgabe zeigte sich zudem, dass die Einschränkung des seriellen Rehearsals durch schnelle Itempräsentation den Störeffekt der Silbenfolgen nicht verminderte. Die hier gezeigte Aufgabenspezifität der Sprachgeräuschwirkungen ist auch mit Attention‐capture Account unvereinbar. Gegen diesen spricht zudem, dass die beobachteten Störwirkungen in keinem Zusammenhang zur Aufmerksamkeitskontrolle der Probanden (erfasst anhand der Arbeitsgedächtniskapazität) standen, dass Gemische aus bedeutungshaltigen nichtsprachlichen Geräuschen (Umweltgeräusche wie Telefonklingeln und Hundegebell; Bürogeräuschszenarien) weder bei Kindern noch bei Erwachsenen eine Störung der seriellen Wiedergabeleistung für sprachliche Items bewirkten, und dass die Störwirkung von sprachhaltigen Klassenraum‐ bzw. Bürogeräuschszenarien nicht verstärkt wurde, wenn anstelle der simplen, monaural‐diotischen Präsentation eine realitätsgetreue, binaurale Schallpräsentation erfolgte. Weder bei Kindern noch bei Erwachsenen ließen sich Unterschiede in der Störwirkung zwischen monaural‐diotisch und binaural präsentier‐ ten sprachhaltigen Geräuschszenarien feststellen. Insgesamt sprechen die Ergebnisse dafür, dass die reliable Störwirkung von sprachlichen Hintergrundschallen aus spezifischen Interferenzen mit dem Speichern und/oder Verarbeiten phonologischer Information im Arbeitsgedächtnis resultiert.
Projektbezogene Publikationen (Auswahl)
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Background speech interferes with verbal short‐term memory: On the differential influence of speech‐like quality (Sinewave Speech) and phono‐ logical content. 62th Conference of Experimental Psychologists (TeaP), Jena, Deutschland
Georgi, M., Leist, L., Klatte, M. & Schlittmeier, S.
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Auditory streaming and short‐term memory: Ef‐ fects of talker variability on serial recall and auditory distraction. Psycholinguistics in Flanders (PiF), Kai‐ serslautern, Germany
Jelelati, A., Leist, L., Lachmann, T. & Klatte, M.
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Differential effects of irrelevant speech and environmental sounds on short‐term memory in children and adults. 13th ICBEN Congress on Noise as a Public Health Problem, Stockholm, Schweden
Leist, L., Lachmann, T. & Klatte, M.
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Phonologically reduced speech sounds inter‐ fere with verbal but not with phonological short‐term memory: Further support for the phonological‐ interference hypothesis. 63th Conference of Experimental Psychologists (TeaP), Ulm, Deutschland
Georgi, M., Leist, L., Klatte, M. & Schlittmeier, S.
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Sound in occupied open-plan offices: Objective metrics with a review of historical perspectives. Applied Acoustics, 177, 107943.
Yadav, Manuj; Cabrera, Densil; Kim, Jungsoo; Fels, Janina & de, Dear Richard
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Effects of irrelevant speech and word length on immediate serial recall: What role of rehearsal? 64th Conference of Experimental Psychologists (TeaP), Köln, Germany
Jelelati, A., Leist, L., Lachmann, T. & Klatte, M.
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Investigating the Disturbance Impact of Background Speech on Verbal and Visual-Spatial Short-Term Memory: On the Differential Contributions of Changing-State and Phonology to the Irrelevant Sound Effect. Auditory Perception & Cognition, 6(1-2), 52-71.
Georgi, Markus; Leist, Larissa; Klatte, Maria & Schlittmeier, Sabine J.
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Irrelevant speech impairs serial recall of verbal but not spatial items in children and adults. Memory & Cognition, 51(2), 307-320.
Leist, Larissa; Lachmann, Thomas; Schlittmeier, Sabine J.; Georgi, Markus & Klatte, Maria
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Studying the effect of in‐ creased plausibility of open‐plan office noise simulation on auditory distraction. 24th International Con‐ gress on Acoustics (ICA), Gyeongju, Korea
Yadav, M., Georgi, M., Leist, L., Klatte, M., Schlittmeier, S. & Fels, J.
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Toward Child-Appropriate Acoustic Measurement Methods in Primary Schools and Daycare Centers. Frontiers in Built Environment, 8.
Loh, Karin; Yadav, Manuj; Persson, Waye Kerstin; Klatte, Maria & Fels, Janina
