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Differenzielle Mechanismen kognitiver Leistungsbeeinträchtigungen durch aufgabenirrelevante Hintergrundschalle bei Kindern und Erwachsenen

Fachliche Zuordnung Allgemeine, Kognitive und Mathematische Psychologie
Akustik
Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie
Förderung Förderung von 2018 bis 2023
Projektkennung Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 401278266
 
Erstellungsjahr 2022

Zusammenfassung der Projektergebnisse

In diesem Gemeinschaftsprojekt aus Entwicklungspsychologie, Kognitionspsychologie und Akustik wurden Beeinträchtigungen von Arbeitsgedächtnisleistungen durch aufgabenirrelevante Hintergrundgeräusche analysiert. Ziel war es, durch systematische Variation von Geräusch‐, Aufgaben‐ und Personvariablen die in der Literatur dominierenden Annahmen zu prüfen, wonach (1) geräuschbedingte Leistungsbeeinträchtigungen entweder aus Aufmerksamkeitsdistraktionen (Attention‐capture Account) oder aus spezifischen Interferen‐ zen zwischen automatischen Prozessen der Schallverarbeitung und intentionalen Prozessen der Aufgabenbe‐ arbeitung resultieren, und (2) die reliable Beeinträchtigung der seriellen Kurzzeitgedächtnisleistung durch Schallsequenzen mit changing‐state Charakteristik durch spezifische Interferenzen zwischen automatisch generierten Reihenfolgeinformationen bezüglich der auditiven Tokens und dem willentlichen Memorieren der Item‐Reihenfolge durch Rehearsal zustande kommt (Changing‐state Account). Zudem sollte geprüft werden (3), ob sich die Geräuschwirkungen unterscheiden, wenn anstelle der üblichen, monaural‐diotischen Schallpräsentation eine realitätsgetreue, binaurale Darbietung komplexer Geräuschszenarien erfolgt. Im Gegensatz zu den Vorhersagen des Changing‐state Account zeigten die in diesem Projekt durchgeführten Experimente mit Kindern und Erwachsenen übereinstimmend, dass serielles Behalten weder eine notwendige noch eine hinreichende Bedingung für das Auftreten einer Leistungsstörung durch changing‐state Sprachsequenzen darstellt. Vielmehr weisen die Befunde darauf hin, dass die Störwirkung von Hintergrundsprache auf Aufgaben beschränkt ist, die das Speichern und/oder Verarbeiten phonologischer Information im Arbeitsge‐ dächtnis erfordern. Diese Schlussfolgerungen basieren auf folgenden experimentellen Ergebnissen: Eine serielle, nicht‐phonologische Aufgabe (serielles Wiedergeben visuell‐räumlicher Items) wurde durch Sprachsequenzen (changing‐state Silbenfolgen) nicht gestört, während phonologische Aufgaben mit und ohne Seriation (serielles Wiedergeben bzw. Klassifikation der Anlaute bildlich präsentierter Wörter) signifikant und gleichermaßen stark beeinträchtigt wurden. Eine nicht‐serielle Aufgabe, die anstelle einer phonologischen eine semantische Klassifikation der bildlich dargestellten Wörter erforderte, wurde dagegen durch die Sprachsequenzen nicht beeinträchtigt. Bezüglich der seriellen Wiedergabe‐Aufgabe zeigte sich zudem, dass die Einschränkung des seriellen Rehearsals durch schnelle Itempräsentation den Störeffekt der Silbenfolgen nicht verminderte. Die hier gezeigte Aufgabenspezifität der Sprachgeräuschwirkungen ist auch mit Attention‐capture Account unvereinbar. Gegen diesen spricht zudem, dass die beobachteten Störwirkungen in keinem Zusammenhang zur Aufmerksamkeitskontrolle der Probanden (erfasst anhand der Arbeitsgedächtniskapazität) standen, dass Gemische aus bedeutungshaltigen nichtsprachlichen Geräuschen (Umweltgeräusche wie Telefonklingeln und Hundegebell; Bürogeräuschszenarien) weder bei Kindern noch bei Erwachsenen eine Störung der seriellen Wiedergabeleistung für sprachliche Items bewirkten, und dass die Störwirkung von sprachhaltigen Klassenraum‐ bzw. Bürogeräuschszenarien nicht verstärkt wurde, wenn anstelle der simplen, monaural‐diotischen Präsentation eine realitätsgetreue, binaurale Schallpräsentation erfolgte. Weder bei Kindern noch bei Erwachsenen ließen sich Unterschiede in der Störwirkung zwischen monaural‐diotisch und binaural präsentier‐ ten sprachhaltigen Geräuschszenarien feststellen. Insgesamt sprechen die Ergebnisse dafür, dass die reliable Störwirkung von sprachlichen Hintergrundschallen aus spezifischen Interferenzen mit dem Speichern und/oder Verarbeiten phonologischer Information im Arbeitsgedächtnis resultiert.

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