Unterm Radar des Gesetzes. Außergerichtliches, administratives Strafsystem zur Verurteilung sozialer und politischer Abweichung in der Sowjetunion, 1917-1953
Zusammenfassung der Projektergebnisse
Das Projekt hat herausgearbeitet, dass der sowjetische Partei-Staat ein neuartiges System entwickelte hat, das darauf gerichtet war, soziale und politische Abweichung schon in ihrem Entstehungsprozess zu bekämpfen, und zwar illegal auf außergerichtlichem und administrativem Wege. Das System diente dazu, unterhalb des Gesetzeskodexes zu handeln. Zu erfassen und zu neutralisieren waren einerseits gesellschaftliche Netzwerke und Vergemeinschaftung jenseits von Staat und Partei im vorpolitischen, nicht institutionalisierten Raum und andererseits die sozialen Parallelwelten der nicht organisierten Kriminalität, der Kontakte zum kriminellen Milieu, des Hooliganismus, des Bettlertums, der Herumtreiberei, der Arbeitslosen, Schwarzarbeiter, Lizenzlosen, Schmuggler, Schwarzmarkthändler, Grenzverletzer und anderer geringer sozialer Abweichung. Dienstvergehen sind auch noch hinzuzuzählen. Die Fokussierung auf Milieubekämpfung und strukturelle Kontrolle war nicht zur Mäßigung der Macht oder zum Schutz oder Ergänzung der sozialistischen Rechtsordnung gedacht. Im Gegenteil ging es im Namen von Sozialverteidigung und Loyalitätserzeugung um einen systematischen Ausbau staatlicher Interventionsbefugnisse jenseits strafrechtlich relevanter Bereiche auf der Grundlage eines reinen Verwaltungsakts. Die Erzeugung von Loyalität, bis hin zu „Kadavergehorsam“, und nicht die Bekämpfung von Gesetzeswidrigkeit stand dabei im Vordergrund. Im verwaltungsgeschichtlichen Sinne hat das Projekt analysiert, wie das außergerichtliche System aufgebaut war und funktioniert hat. Außerdem hat es seinen Wandel im Zeitraum von 1922-1953 dokumentiert.
Projektbezogene Publikationen (Auswahl)
-
The Origins of Stalin’s Mass Operations. The Secret Police and the Soviet System, 24-47. University of Pittsburgh Press.
Junge, Marc; Savin, Andrei & Tepliakov, Aleksei
