Written Online Interviews in Qualitative Social Research
Final Report Abstract
Im Projekt wurde sich mit der Frage beschäftigt, ob qualitative Interviews, die schriftlich ohne gleichzeitige (Bildschirm-) Präsenz der Beteiligten im Internet stattfinden, gewinnbringend für interpretative Forschungsziele sein können. Fokussiert wurde dabei auf die beiden Grundformen offener Interviews: Das biografisch-narrative Interview auf der einen und das Leitfadeninterview auf der anderen Seite, da hiermit prinzipiell unterschiedliche Wissens- und Textformen angesteuert werden. Projektziel war es zu klären, ob und unter welchen Bedingungen man sowohl für das narrative als auch das Leitfadeninterview auf eine gemeinsame Situationspräsenz verzichten kann oder ob sich bei schriftlichen Online-Interviews von einer ganz neuen Interviewmethode ausgehen lässt. Um dies zu untersuchen, wurden narrative und Leitfadeninterviews schriftlich online durchgeführt und methodologisch wie auch inhaltlich mit qualitativen Analyseverfahren ausgewertet. Herausgefunden wurde, dass für narrative Interviews auf die unmittelbare Interaktion und die gemeinsame Anwesenheit in der Interviewsituation nicht verzichtet werden kann, wenn man von einem narrativen Interview und nicht von Felddokumenten oder offen erfragten Allgemeinaussagen sprechen möchte. Leitfadeninterviews bauen sich dagegen nicht durch die Rückbindung an die gemeinsame Interviewsituation, sondern durch starke Dialogizität auf, die im Schriftlichen kaum besondere Transformationsleistungen, d. h. sich grundlegend vom Face to Face-Interview unterscheidende Techniken erfordert. Das narrative Interview ist als solches also nicht ins Schriftmedium übertragbar, wohingegen der für das Leitfadeninterview zentrale Aufbau von Argumentationen, Episoden und Szenarien grundsätzlich auch auf Distanz organisiert werden können, ohne dass zwingend neue Techniken entwickelt werden (müssen). Erreicht werden konnte daher, dass sich das schriftliche Online-Interview – anders als im bisherigen Forschungsstand – auf das Leitfadeninterview begrenzen und nicht als neue, d. h. für eigene Fragestellungen entwickelte und mit besonderen Strategien ausgestattete Interviewmethode bezeichnen lässt. Umgekehrt kann das Leitfadeninterview vor diesem Hintergrund nicht mehr ohne weiteres per se als Face to Face-Interview verstanden werden. Dies mag auch erklären, warum sich in der auf Online-Interviews bezogenen Forschungspraxis kaum sozialtheoretische und epistemologische Reflexionen zum Schreib- wie auch anderweitig mediatisierten Handeln finden lassen: Das Leitfadeninterview lässt sich kaum in ganz bestimmten Settings konstitutiv verankern und speziell darüber definieren. Dass eine Methode "medienresistent" sein soll, ist überraschend, da auch fragmentarische Mikrotechniken des Schreibens andere Daten oder Daten anders generieren werden als das Miteinandersprechen. Geprüft wurde im Projekt aber das Erreichen von Forschungszielen in der qualitativen Interviewforschung und hier haben sich in Bezug auf das Leitfadeninterview kaum Zwecke ergeben, die sich die Potentiale entweder der unmittelbaren Face to Face- oder der asynchronen schriftlichen Interaktion konstitutiv zunutze machen. Dies bedeutet nicht, dass das Potential des Schreibens methodologisch nicht noch ausgebaut und spezifisch verwendet werden könnte. Nur sind hier vermutlich ethnografische (auch von Forscher:innen initiierte) Dokumente vielversprechender als Interviewverfahren.
Publications
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Asynchronous Online Communication for Qualitative Research. SAGE Research Methods Foundations. SAGE Publications Ltd.
Schiek, D. & Ullrich, C.G.
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Qualitative Sozialforschung in Krisenzeiten: Fachgebiet oder Notprogramm? SOZIOLOGIE 51 (1) 2022: 20-31
Schiek, D., Schindler, L. & Greschke, H.
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Schriftliche Online-Interviews in der qualitativen Sozialforschung: zur methodologischen Begründung einer neuen Forschungspraxis [41 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 23 (3), Art. 5
Schiek, D.
