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Lateinamerika als Utopie Europas. Gemeinschaften im Zeichen instabiler Ordnung

Antragstellerin Dr. Linda Maeding
Fachliche Zuordnung Germanistische Literatur- und Kulturwissenschaften (Neuere deutsche Literatur)
Allgemeine und vergleichende Literaturwissenschaft; Kulturwissenschaft
Förderung Förderung von 2018 bis 2024
Projektkennung Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 404354183
 
Erstellungsjahr 2024

Zusammenfassung der Projektergebnisse

Gegenstand des Projekts waren deutschsprachige Lateinamerika-Utopien des 19. und 20. Jahrhunderts, die den Kontinent in Reaktion auf europäische Krisenerfahrungen entwarfen und dabei auch die Grenzen zwischen "Alter" und "Neuer" Welt verhandelten. Im Zentrum standen insbesondere Entwürfe von exterritorialer Gemeinschaft: Sie wurden als Bausteine einer transkulturellen Utopie-Geschichte lesbar, die noch ein Forschungsdesiderat darstellt. Im Zusammenhang mit ökonomisch und politisch bedingter Emigration, mit Unterdrückung und Zensur im Umkreis des Vormärz und der Rezeption lateinamerikanischer Emanzipationsbestrebungen im 19. Jahrhundert, sowie später mit dem antifaschistischen und dem jüdischen Exil nach 1933 wurden utopische Gegenbilder zu den gesellschaftlichen Realitäten in den deutschsprachigen Ländern aufgezeigt. Praktiziert wurde eine Fokusverschiebung von der Repräsentation von Alterität hin zu Konfigurationen eines anderen Europas, das sich in Beziehung setzt zu "Lateinamerika" als imaginärem Topos oder auch als historischem Aussageort. Entsprechend seiner disziplinären Verankerung in der kulturwissenschaftlichen Germanistik und der Vergleichenden Literaturwissenschaft konzentrierte sich das Projekt auf die Perspektiven deutschsprachiger Schriftsteller*innen, berücksichtigte jedoch auch hispanische Diskurse und Kon- Texte. Ein zentrales Anliegen war es, das den Texten der Autor*innen eingeschriebene (post- )koloniale Verhältnis in (Re-)Lektüren zu visibilisieren und explizieren. Untersucht wurde, wie das utopische Schreiben den kolonialen Diskurs mit erzeugte, spiegelte oder auch dekonstruierte. Obwohl alle der untersuchten Texte, die "Lateinamerika" mit utopischen Versatzstücken verhandeln, auf die eine oder andere Weise am kolonialen Diskurs partizipieren, ist der Zusammenhang von Utopie und Kolonialismus im deutschsprachigen Raum bisher kaum untersucht worden. Da die Genese der Gattung aber in die Zeit der "Entdeckung" Amerikas fällt, wurde diese Nähe zum Anlass genommen, grundlegende und über den "Lateinamerika"-Topos hinausgehende Erkenntnisse zu Utopie und Kolonialismus in einer im Oktober 2022 veranstalteten Bremer Tagung zu bündeln, deren Ergebnisse 2024 publiziert wurden. Eine weitere Forschungslinie ergab sich aus der Beobachtung, dass es sich bei den Autor*innen meist um zeitweilig aus der Nation Ausgeschlossene oder von ihr marginalisierte Figuren handelte - zum Korpus zählten Heinrich Heine, Alfred Döblin, Hilde Domin, Anna Seghers und Vilém Flusser, neben spanischen Autoren mit transnationalem Hintergrund (Max Aub, Máximo José Kahn). Daher wurde in der Schlussphase der Fokus auf utopische Positionen jüdisch-diasporischer Akteure zwischen Europa und Lateinamerika gelegt, denen die zweite Tagung im Januar 2024 in Berlin gewidmet war (Publikation im Erscheinen). Somit lieferte das Projekt Einsichten zu literarischen Lateinamerika-Konstruktionen, in die zugleich Entwürfe eines geographisch ausgelagerten, imaginären anderen Europas eingelagert sind und die Fragen transkultureller Konvivenz aufwerfen. Methodologisch wurden hermeneutische, diskursanalytische Verfahren und postkoloniale Ansätze genutzt, um die globale Dimension utopischen Schreibens aufzudecken und damit auch der Germanistik neue Anknüpfungspunkte zur Verflechtung zu erschließen.

Projektbezogene Publikationen (Auswahl)

 
 

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