Lateinamerika als Utopie Europas. Gemeinschaften im Zeichen instabiler Ordnung
Allgemeine und vergleichende Literaturwissenschaft; Kulturwissenschaft
Zusammenfassung der Projektergebnisse
Gegenstand des Projekts waren deutschsprachige Lateinamerika-Utopien des 19. und 20. Jahrhunderts, die den Kontinent in Reaktion auf europäische Krisenerfahrungen entwarfen und dabei auch die Grenzen zwischen "Alter" und "Neuer" Welt verhandelten. Im Zentrum standen insbesondere Entwürfe von exterritorialer Gemeinschaft: Sie wurden als Bausteine einer transkulturellen Utopie-Geschichte lesbar, die noch ein Forschungsdesiderat darstellt. Im Zusammenhang mit ökonomisch und politisch bedingter Emigration, mit Unterdrückung und Zensur im Umkreis des Vormärz und der Rezeption lateinamerikanischer Emanzipationsbestrebungen im 19. Jahrhundert, sowie später mit dem antifaschistischen und dem jüdischen Exil nach 1933 wurden utopische Gegenbilder zu den gesellschaftlichen Realitäten in den deutschsprachigen Ländern aufgezeigt. Praktiziert wurde eine Fokusverschiebung von der Repräsentation von Alterität hin zu Konfigurationen eines anderen Europas, das sich in Beziehung setzt zu "Lateinamerika" als imaginärem Topos oder auch als historischem Aussageort. Entsprechend seiner disziplinären Verankerung in der kulturwissenschaftlichen Germanistik und der Vergleichenden Literaturwissenschaft konzentrierte sich das Projekt auf die Perspektiven deutschsprachiger Schriftsteller*innen, berücksichtigte jedoch auch hispanische Diskurse und Kon- Texte. Ein zentrales Anliegen war es, das den Texten der Autor*innen eingeschriebene (post- )koloniale Verhältnis in (Re-)Lektüren zu visibilisieren und explizieren. Untersucht wurde, wie das utopische Schreiben den kolonialen Diskurs mit erzeugte, spiegelte oder auch dekonstruierte. Obwohl alle der untersuchten Texte, die "Lateinamerika" mit utopischen Versatzstücken verhandeln, auf die eine oder andere Weise am kolonialen Diskurs partizipieren, ist der Zusammenhang von Utopie und Kolonialismus im deutschsprachigen Raum bisher kaum untersucht worden. Da die Genese der Gattung aber in die Zeit der "Entdeckung" Amerikas fällt, wurde diese Nähe zum Anlass genommen, grundlegende und über den "Lateinamerika"-Topos hinausgehende Erkenntnisse zu Utopie und Kolonialismus in einer im Oktober 2022 veranstalteten Bremer Tagung zu bündeln, deren Ergebnisse 2024 publiziert wurden. Eine weitere Forschungslinie ergab sich aus der Beobachtung, dass es sich bei den Autor*innen meist um zeitweilig aus der Nation Ausgeschlossene oder von ihr marginalisierte Figuren handelte - zum Korpus zählten Heinrich Heine, Alfred Döblin, Hilde Domin, Anna Seghers und Vilém Flusser, neben spanischen Autoren mit transnationalem Hintergrund (Max Aub, Máximo José Kahn). Daher wurde in der Schlussphase der Fokus auf utopische Positionen jüdisch-diasporischer Akteure zwischen Europa und Lateinamerika gelegt, denen die zweite Tagung im Januar 2024 in Berlin gewidmet war (Publikation im Erscheinen). Somit lieferte das Projekt Einsichten zu literarischen Lateinamerika-Konstruktionen, in die zugleich Entwürfe eines geographisch ausgelagerten, imaginären anderen Europas eingelagert sind und die Fragen transkultureller Konvivenz aufwerfen. Methodologisch wurden hermeneutische, diskursanalytische Verfahren und postkoloniale Ansätze genutzt, um die globale Dimension utopischen Schreibens aufzudecken und damit auch der Germanistik neue Anknüpfungspunkte zur Verflechtung zu erschließen.
Projektbezogene Publikationen (Auswahl)
-
Ante un horizonte tenebroso. Alfred Döblin en búsqueda de una Nueva Judea. Miscelánea de Estudios Árabes y Hebraicos. Sección Hebreo, 69, 63-76.
Maeding, Linda
-
Diaspora und (Post-)Digitalität, Internationaler Workshop, Universität Bremen, 28.-29. August 2020. Tagungsbericht, Quo vadis, Romania? (56), Special Issue „Romania und Diaspora“, pp. 146-151. ISSN: 1022-3169. [OA]
Borst, Julia & Maeding, Linda
-
The Crisis of ‘Community’: Revisions of a Concept in German-Jewish Thought after 1933. Oxford German Studies, 49(1), 72-85.
Maeding, Linda
-
‚Der böse Geist Europas‘. Unzeitgemäße Betrachtungen aus dem lateinamerikanischen Exil von Gustav Regler und Paul Zech. In: Sonja Arnold, Lydia Schmuck (Hg.): Romanisch-germanische ZwischenWelten: Exilliteratur als Zeugnis und Motor einer vernetzten Welt. Berlin/Bern: Peter Lang, pp. 197-213. ISBN: 978-3631732786.
Maeding, Linda
-
„Lo que podría haber sido. Utopía y diáspora en Max Aub y Alfred Döblin“. In: Juan de Dios Bares, Faustino Oncina Coves (Hg.): Utopías y ucronías. Una aproximación históricoconceptual. Barcelona: Edicions Bellaterra, pp. 251-71. ISBN: 978-8472909472.
Maeding, Linda
-
Introduction to the Special Issue on ‘Textures of Diaspora and (Post-)Digitality: A Cultural Studies Approach’. Journal of Global Diaspora & Media, 3(1), 3-11.
Adenekan, Shola; Borst, Julia & Maeding, Linda
-
¿Una desgracia personal? Condición judía y exclusión social en Hannah Arendt“. In: Juan Manuel Forte, Nuria Sánchez Madrid (Hg.): Precariedad, exclusión, marginalidad. Una historia conceptual de la pobreza. Zaragoza: Prensas de la Universidad de Zaragoza, pp. 177- 190. ISBN 978-84-1340-3861.
Maeding, Linda
-
„Un futuro ya viejo. Proyecciones literarias en el seno del Imperio Austro- Húngaro (1902-1932)“. In: Faustino Oncina (Hg.): ¿Tiene porvenir el futuro?. Valencia: Plaza y Valdés, pp. 163-178. ISBN: 978-84-17121-372.
Maeding, Linda
-
Postkoloniale Germanistik und Konflikte im globalen Kontext. De Gruyter.
Dunker, Axel; Hofmann, Michael & Yowa, Serge
-
„Total oder totalitär? Insel-Gemeinschaften in utopischer/dystopischer Gegenwartsliteratur“. In: Georg Pichler, Christina Jurcic, Francisca Roca, Marisa Siguan (Hg.): Inseln als literarischer und kultureller Raum. Utopien, Dystopien, Narrative der Reise. Berlin u.a.: Peter Lang, pp. 289-299. ISBN 978-3-631-88211-5.
Maeding, Linda
-
Lateinamerika. Handbuch Literatur und Reise, 324-326. J.B. Metzler.
Maeding, Linda
-
Marie Louise Pratt liest Richard Francis Burton. Handbuch Literatur und Reise, 110-114. J.B. Metzler.
Maeding, Linda
-
Utopie: Postkoloniale Lektüren. Poetiken, Räume, Gemeinschaftsentwürfe. Postkoloniale Studien in der Germanistik. Aisthesis Verlag.
Stelzer, Philipp; Brown, Timothy; Riechers, Hans-Christian; Gerstner, Jan; Vijayakumaran, Jana; Pohl, Peter C.; Vilar, Loreto; Yowa, Serge & Esposito, Gianluca
-
„Hilde Domins Wohnungen. Zur Selbstwerdung einer Intellektuellen zwischen Exil und Remigration“, in: Marisa Siguan, Loreto Vilar, Rosa Pérez Zancas (Hg.): Das eigene Zimmer. Studien zu Autorinnen und Werken des deutschen, österreichischen und spanischen Exils. Berlin u.a.: Peter Lang, pp. 105-118. ISBN: 978-3631887387.
Maeding, Linda
-
„Whatever Happened to History? Cultural Recycling and Notions of the Past since Postmodernism”. In: Llamas Ubieto, Miriam, Vollmeyer, Johanna (Hg.): Cultural Recycling in the Postdigital Age. Bern u.a.: Peter Lang, pp. 97-116. ISBN: 978-3034345477.
Maeding, Linda
