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Säkularisierung erzählen. Studien zu Anfang und Ende des Säkularisierungsnarrativs in der skandinavischen Literatur 1900/2000

Fachliche Zuordnung Allgemeine und vergleichende Literaturwissenschaft; Kulturwissenschaft
Förderung Förderung von 2018 bis 2023
Projektkennung Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 406072830
 
Erstellungsjahr 2023

Zusammenfassung der Projektergebnisse

Im Kontext der Literaturwissenschaften und besonders der skandinavistischen Literaturwissenschaft hat das Projekt Neuland betreten, indem es Säkularisierung nicht als historischen Prozess versteht, den man aus Quellen bestätigen oder bestreiten kann, sondern als ein Narrativ, das man seiner Natur entsprechend narratologisch rekonstruieren muss. An belletristischen Texten kann man nachvollziehen, wie das Narrativ um 1900 etabliert wird und wie es um 2000 um- bzw. abgebaut wird. Mit anderen Worten: Sie beziehen sich nicht einfach referentiell auf historische Prozesse, sondern ermächtigen eine bestimmte Deutung von Geschichte, d.h. sie schreiben Geschichte(n), in deren Logik Säkularisierung überhaupt erst als Lösung verstanden werden kann. Um 1900 kursieren zwei übliche Grundvarianten des Säkularisierungsnarrativs, die miteinander konkurrierten: Die Evolutionsgeschichte erzählt Säkularisierung entlang der Logik des teleologischen Geschichtsdenkens des 18. und 19. Jahrhunderts. In dieser Logik ist Säkularisierung nicht ein Bruch mit der religiösen Vergangenheit, sondern ihre Erfüllung; Atheismus bildet die letzte Stufe in einer Evolution der Religion, die als Abfolge von Erkenntnisgewinnen vorzustellen ist, die schließlich im Humanismus gipfelt. Die Subtraktionsgeschichte hingegen erzählt Säkularisierung als scharfen Schnitt zwischen sakral begründeter Vormoderne und säkularer Moderne. In ihr wird der säkular-atheistische Zustand nicht als Position, sondern allein als Subtraktion aller religiöser Perspektiven konzipiert; ihrem Selbstverständnis nach ist Säkularität ein Neustart, eine tabula rasa, die endlich einen vorurteilslosen Blick auf die Welt erlaubt. Diese beiden Konzeptualisierungen dominieren den belletristischen Diskurs, obwohl sie in keiner Weise selbstverständlich sind, wurden Religionen im transhistorischen Vergleich und besonders im religionsproduktiven 19. Jahrhundert doch gerade zu Motoren der Entsakralisierung politischer Macht, moderner Individualisierung und Enttraditonalisierung. Die Publikationen des Projekts untersuchen Texte um 1900, die unter den Stichpunkten 'Narrative Muster und Medien', 'Figuren der De- und Resakralisierung', 'Abbau von Patriarchat und Autorität', 'Judentum und Säkularisierung' systematisiert werden können. An der Art und Weise, wie Weihnachten zwischen 1850 und 2000 erzählt wird, werden Veränderungen des säkularen Selbstverständnisses deutlich. Das Fest dient im Kontext der Moderne nicht mehr vorrangig der religiösen Selbstversicherung, sondern wurde zur Sakralisierung ganz unterschiedliche Surrogate instrumentalisiert, die die Zumutungen der Moderne kompensieren sollten, etwa nationaler Identitäten oder der Kernfamilie. Betrachtet man das Säkularisierungsnarrativ in skandinavischer Belletristik um 2000, fällt auf, dass seine narrative Konstruktion überraschend konstant bleibt, nur dass nun nicht mehr wie um 1900 die lutherische Staatskirche und die Erweckungsbewegungen als identitätsstiftendes Feindbild des Säkularismus herhalten müssen, sondern der Islam. Die Belletristik beteiligt sich zum Teil an dieser Umwidmung, doch die anspruchsvollen Texte rekonstruieren und hinterfragen diese sich neu gebenden alten Diskurse. Sie zwingen dazu anzuerkennen, dass sich etablierte Diskriminierungsmuster, die man ursprünglich der Religion zugeschrieben hat, unter säkularistischen Vorzeichen fortschreiben. Der Paternalismus hat sich gerade muslimischen Frauen gegenüber ins Gewand einer feministischen Befreiung gekleidet, in der Konstruktion des Islam erneuern sich Muster des Orientalismus und Xenophobie wird als Abwehr des religiös Anderen betrieben. Assoziiert an das Projekt war eine weitere Dissertation, die im Kontext des IGRK "Grenzräume in der Ostseeregion" entstanden ist und sich skandinavisch-jüdischer Gegenwartsliteratur widmet. Mit ihr und der Untersuchung zum Islam liegen nun Untersuchungen vor, die die aktuelle Literatur über die beiden wichtigsten Minderheitsreligionen in Skandinavien kartieren.

Projektbezogene Publikationen (Auswahl)

 
 

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