Weibliche Herrschaftspartizipation in der Frühen Neuzeit. Regentschaften im Heiligen Römischen Reich in westeuropäischer Perspektive
Zusammenfassung der Projektergebnisse
Die Regentschaft für einen noch minderjährigen Herrscher war in der Vormoderne eine vielfach praktizierte Form der Regierung. Von der Forschung wurden Regentschaften jedoch vor allem als kurze Unterbrechungen oder Übergangslösungen der dynastischen Herrschaftskontinuität angesehen und dementsprechend wenig beachtet. Neue Impulse kamen von der Frauen- und Geschlechtergeschichte, da Regentschaften eine der wenigen Möglichkeiten zur direkten weiblichen Herrschaftspartizipation darstellten. Eine systematische, territorial und geschlechtsspezifisch vergleichende Untersuchung des Phänomens stand allerdings noch aus. Das Projekt zielte zum einen auf die Erarbeitung einer Monographie, die derzeit als Dissertation mit dem Titel „tutela et administratio. Vormundschaftsregentschaften in Savoyen und Württemberg, 15.–17. Jahrhundert“ abgeschlossen wird. Zum anderen ging es um die Konzeption und Erarbeitung des „Handbuchs der Regentschaften in den Territorien des Heiligen Römischen Reiches 1495–1806“, das im Frühjahr 2025 erscheint und erstmals einen systematischen Überblick über die vormundschaftlichen Regentschaften im Reich gibt. Eine der zentralen Erkenntnisse des Projekts ist, dass Vormundschaftsregentschaften im Alten Reich als Rechtsinstrument deutlich verbreiteter waren, als bislang angenommen. Zudem konnte, im Gegensatz zu der in der historischen Geschlechterforschung verbreiteten Auffassung, nachgewiesen werden, dass Vormundschaftsregentschaften nicht bevorzugt von den Müttern der minderjährigen Thronfolger geleitet wurden. Die erhobenen Daten ergaben vielmehr eine beinahe geschlechterparitätische Verteilung, wenn die Regentschaften von Familienangehörigen übernommen wurden. Waren keine Verwandten beteiligt, wurden Regentschaften ausschließlich von Männern geführt. Eine weitere zentrale Erkenntnis ist, dass Vormundschaftsregentschaften nicht nur in den weltlichen, sondern auch in geistlichen Territorien und in Sekundogenituren auftraten. Zudem wurde deutlich, dass eine über die Frühe Neuzeit hinweg durchgängig auftretende Hierarchisierung der Vormünder ein Konstrukt der bisherigen Forschung darstellt. Auch die von der älteren Forschung betonte Relevanz von Testamenten, Erbverträgen und kaiserlichen Bestätigungen ist für die Ordnung von Regentschaften zu relativieren. Viel wirkmächtiger zeigten sich hier die nach dem Ableben des Herrschers ausgehandelten Vormundschaftsverträge sowie die Zustimmung der Landstände als konstitutives Element für die Vormundschaftsordnung. Die Projektergebnisse können als Grundlage für weitere Forschungen zur Landes- und Reichsgeschichte dienen. Perspektiven eröffnet das Projekt insbesondere hinsichtlich der Erforschung von Territorialität und Dynastie sowie der frühneuzeitlichen Geschlechterverhältnisse. Während das Handbuch zu weiteren territorial vergleichenden Forschungen anregt, setzt die Dissertation erstmals in diesem Forschungskontext einen sowohl regional als auch geschlechtsspezifisch vergleichenden Ansatz um.
Projektbezogene Publikationen (Auswahl)
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Formen und Funktionen weiblicher Herrschaftspartizipation im Heiligen Römischen Reich am Beispiel der Herzoginnen von Kleve (1417–1609). Transkulturelle Annäherungen an Phänomene von Macht und Herrschaft, 213-252. V&R unipress.
Rutz, Andreas
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Beten für den Gatten. Zur Inszenierung von Weiblichkeit in den Briefen Sibylles von Jülich-Kleve-Berg an Johann Friedrich von Sachsen (1546 bis 1553). Neues Archiv für Sächsische Geschichte, 90, 43-64.
Rutz, Andreas
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Frauen und Männer zwischen Bibel und Biologismus. Geschlechterdiskurse von der Antike bis ins 19. Jahrhundert, in: Hirschfelder, Dagmar (Hrsg.): Frauenkörper. Der Blick auf das Weibliche von Albrecht Dürer bis Cindy Sherman, Petersberg 2021, S. 32–47
Rutz, Andreas
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Macht der Mätresse und die Ohnmacht der Ehefrau. Zur Darstellung von Frauen in der DEFA-Produktion „Sachsens Glanz und Preußens Gloria“ (1985/87). Neues Archiv für sächsische Geschichte, 92, 415-444.
Rutz, Andreas
