Haiti and Modern Revolution. Narratives of Globality, Irreversibility and Subaltern Agency in the German-speaking World since 1791
Final Report Abstract
Das Projekt versuchte sich erstmals an einer Darstellung deutschsprachiger Narrative der Haitianischen Revolution von 1791 bis in die Gegenwart. Wegen der im Vergleich geringeren Bedeutung von Drama und Lyrik wurde im Verlauf des Projekts der Fokus auf Prosatexte gelegt. Diese Eingrenzung half auch, das Projekt trotz der Herausforderungen der Corona-Pandemie während seiner Laufzeit abzuschließen. Dabei wurde die These herausgearbeitet, dass anhand der Haitianischen Revolution wesentliche Momente eines modernen Verständnisses von Revolutionen – globale Bedeutung, lineare Zeitdynamik und Handlungsmacht subalterner Subjekte – verhandelt wurden. Die narratologische Analyse wurde mit postkolonialen und mehr als geplant zunehmend intersektionalen Überlegungen verbunden. So konnte die Verflechtung kolonialer und rassistischer Herrschaft mit weiteren Herrschaftsverhältnissen (Geschlecht, Klasse, Antisemitismus) erfasst werden, wie sie etwa bei Kleist, Heyden, Mügge und Seghers für Erzählungen der Haitianischen Revolution konstitutiv ist. So veränderten diese das Bild von people of color als Akteur_innen und die Bewertung der Sklaverei. Überraschend war in der Analyse die große Breite der deutschsprachigen Auseinandersetzung mit der der Haitianischen Revolution – auch im Projektverlauf wurden noch neue Texte (z.B. der Roman von Heyden) ‚entdeckt‘ – bei einer gleichzeitig großen Beharrungskraft grundlegender Narrative. Diese konnte gerade durch den Vergleich von Texten aus dem 19. und dem 20. Jahrhundert herausgearbeitet werden. Dabei blieben beispielsweise Narrative der Imitation (der Französischen Revolution in Haiti) ebenso langfristig virulent wie solche der Avantgarde (Haitis für Europa) oder der Figur des außergewöhnlichen ‚Großen Mannes‘ unter den people of color wie auch Erzählungen von deren allgemeiner Emanzipation. Insofern ist – im Unterschied zu den bis ins späte 20. Jahrhundert verbreiteten Narrativen des Fortschritts – die Geschichte der Narrative gerade nicht als linearer Prozess zu begreifen, sondern als konflikthafter Wechsel von Konjunkturen mit wiederkehrenden wie auch in unterschiedlichen Texten und historischen Kontexten variierenden Momenten. Dieser so nicht erwartete Befund betrifft auch die Spezifik des ‚deutschen‘ Verhältnisses zur haitianischem Sklav_innenbefreiung. Anders als in der Forschung bislang angenommen zeigte sich hier eine Tendenz zu deren nationaler Vereinnahmung in erster Linie im Vorfeld der deutschen Nationsgründung inklusive Kolonialreich sowie des Nationalsozialismus. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und teils wieder nach 1945 wurde Haiti eher zur Projektionsfläche im deutschsprachigen Raum unerfüllter revolutionärer Hoffnungen. In der literarischen Form dominierte in den untersuchten Prosatexten bis in späte 20. Jahrhundert hinein auch ein ‚prosaischer‘ und der historischen Authentifizierung verpflichteter Stil, wie er in Genres wie der historischen Novelle (Kleist, Seghers), dem historischen Roman (Mügge, Otten) oder auch historisierender Abenteuerromane (Voß, Heyden) zum Tragen kam. Diese Tendenzen mit Erzählungen der Haitianischen Revolution in anderen Gattungen (Drama, Lyrik), Medien (bes. Bilder) und anderen Sprachräumen ins Verhältnis zu setzen, bleibt eine Aufgabe künftiger Forschung.
Publications
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The Chronotope of Revolution. ‘Volcanic’ Narrations of the Haitian Revolution. Karib – Nordic Journal for Caribbean Studies, 4(1).
Kappeler, Florian
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Revolution der Verwandtschaft. Beziehungsweisen in Heinrich von Kleists Die Verlobung in St. Domingo. GENDER – Zeitschrift für Geschlecht, Kultur und Gesellschaft, 11, 11-25.
Kappeler, Florian
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Reverberations of the Haitian Revolution: Media, Narratives and Political Debates, 1791–1863. Reverberations of Revolution, 115-133. Edinburgh University Press.
Kappeler, Florian
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„Medienrevolution. Die Zeitschrift Minerva zwischen Aktualität und Archiv." In: Monika Schmitz-Emans/Nora Ramtke/Volker Mergenthaler (Hrsg.): Lektüreabbruch - Anschlusslektüren: Journale lesen. Wehrhahn Verlag: Hannover 2021, S. 83-101
Florian Kappeler
