Wissen im Entzug. Zur Emergenz und Funktionslogik der Dunkelziffer im 19. Jahrhundert
Zusammenfassung der Projektergebnisse
Ziel des Forschungsprojektes war es, eine Geschichte unter der „Durchwaltung unter dem Vorzeichen der Gefahr“ zu schreiben. Die Wirkmächtigkeit des Postulats der fehlenden Daten erwies sich hierin als konstitutiv: Der Terminus „Dunkelziffer“ ruft einen eigenartigen Schauer hervor. Wissen und Nichtwissen sind in diesem Begriff gleichermaßen präsent. Es galt, den bis dato unterdefinierten Terminus insbesondere hinsichtlich seiner Wirkmächtigkeit zu verorten: (1) Worin der ‚reale‘ Gehalt des Verweises auf eine Dunkelziffer besteht, ist per se unklar. Der Begriff entzieht sich einer eindeutigen Definition. An der vulnerablen Grenze der statistischen Erfassbarkeit markiert die Rede von der Dunkelziffer (2) ein Versprechen, geheimnisumwitterte, kaum durchdringbare und gefahrenbesetzte Vorkommnisse zumindest in groben Zügen abschätzen zu können. Zugleich ist ein grelles Licht auf nur wenig auslotbare Abgründe menschlichen Daseins geworfen. Darüber hinaus umfasst der Verweis auf die Gefahren des Nichtwissens weitere Charakteristika: Dem dringlichen Verdacht auf in ihrer Dimension unbekannte Vorkommnisse, zumal von Experten eingebracht, ist (3) kaum zu entgegnen. Das Argument der ‚Realität‘ dieses Wissensdefizits lässt sich auf vielfältige Weise einsetzen. So lässt der Verweis auf eine Dunkelziffer (4) unschwer Ängste schüren und mediale Aufmerksamkeit erlangen. Ebenso ist der Blick auf das, was als bedrohlicher Rest im Schatten der Statistik verbleibt, eine dringliche Aufforderung für Maßnahmen entweder (5) präventiver oder auch (6) repressiver Natur. Diesen geht (7) ein forcierter Wissenserwerb in den jeweiligen dunklen und weitgehend unbekannten Gefilden notwendigerweise voran. Die Rede von einer zumeist „hohen Dunkelziffer“ ist (8) stets ein Appell, er verlangt zumindest implizit nach dringlicher Intervention. Zudem lassen die konsultierten historischen Quellen keineswegs zuletzt darauf schließen, dass ein Verweis auf nichtnachweisbare und sich jeglicher Kontrolle entziehende Geschehnisse (9) ein Stück weit „im Dunklen“ bleiben soll: Die Zirkularität der Argumentation zwischen einer ‚Realität‘ der Bedrohung der öffentlichen Sicherheit und der in Stellung gebrachten Expertise ließ, wie die drei Fallstudien jeweils ausdrücklich zeigen, die Dringlichkeit des jeweiligen Vorgehens unschwer positionieren.
Projektbezogene Publikationen (Auswahl)
-
"Aktenmäßige Geschichten" und "Vigilanten". Zur Geschichte der Dunkelziffer im frühen 19. Jahrhundert, in: SIAK Journal 4/2020, 75-86.
Sophie Ledebur
-
Data at the doorstep. Science in Context, 34(4), 411-421.
Schlicht, Laurens; Ledebur, Sophie & Echterhölter, Anna
-
Evidence of undercounting: Collecting data on mental illness in Germany (c. 1825-1925). Science in Context, 34(4), 459-478.
Ledebur, Sophie
-
Knowledge of the Unknown. Crime, Histoire & Sociétés, 25(1), 55-84.
Ledebur, Sophie
-
Repression, Prävention und die Dunkelziffer: Zur geheimen Prostitution und dem unbekannten Ausmaß der syphilitischen „Durchseuchung“ in Berlin im 19. Jahrhundert. Österreichische Zeitschrift für Soziologie, 48(2), 173-195.
Ledebur, Sophie
