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Lazarus - Literarische Latenzen in romanischen Literaturen des 20. Jahrhunderts

Fachliche Zuordnung Europäische und Amerikanische Literatur- und Kulturwissenschaften
Förderung Förderung von 2018 bis 2022
Projektkennung Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 417476153
 
Erstellungsjahr 2022

Zusammenfassung der Projektergebnisse

Das Projekt konnte nachweisen, dass in Frankreich und Spanien nach dem Zweiten Weltkrieg sowohl in literarischen als auch in literaturtheoretischen Texten besonders häufig Lazarus-Figuren auftreten. Diese zeitlichen Kristallisationen sind bemerkenswert: Offenbar geht vom biblischen Wiedergänger eine besondere Faszination aus, die in historischer Perspektive einzigartig ist. Als Rückkehrer aus dem Totenreich fördert Lazarus in den romanischen Nachkriegsliteraturen traumatische Erfahrungen zutage, die sich einer alltäglichen Versprachlichung entziehen und nur im Medium der Literatur sagbar sind. Lazarus wird in den unmittelbaren Jahren nach dem Spanischen Bürgerkrieg und dem Zweiten Weltkrieg zu einer Metapher für Kriegsheimkehrer, KZ-Überlebende, Gefolterte, Exilanten und andere Wiedergänger des kollektiven Gedächtnisses. Gegen nationalstaatliche Mythenbildungen rücken in literarischen Texten der späten 1940er bis frühen 1970er Jahre jene Opfer ins Blickfeld, die aus dem öffentlichen Diskurs verdrängt werden. Anhand kulturwissenschaftlicher Theorien zu Latenz und Erinnerungsabwehr kann nachgewiesen werden, wie fiktionale Texte zumindest Spuren des Verdrängens und Verstummens bezeugen und so den Rahmen des Sagbaren erweitern können. Im Medium Literatur und anhand des biblischen Widergängers Lazarus werden drängende Fragen der Nachkriegszeit verhandelt: Wie kann man das Grauen kommunizieren? Wie können Traumatisierte wieder in die Gesellschaft eingegliedert werden? Wie soll man angesichts von Millionen Toten weiterleben? Die Besonderheit der untersuchten Texte besteht darin, dass sie quer zu offiziellen geschichtspolitischen Narrativen stehen und stattdessen Empathie mit den Opfern von Krieg und Verfolgung schaffen. Überraschend ist die ungeheuer hohe Rekurrenz von Lazarus-Figuren in allen untersuchten Gattungen (Lyrik, Drama, Prosa) und sogar in der französischen Literaturtheorie. Darüber hinaus erwies sich auch der Blick auf die Predigten der Kirchenväter und die Vulgarisierungsprozesse der Bibel als äußerst interessant: Lazarus stellt als Widergänger ein besonderes theologisches Problem dar (Wiederkehr der Toten in die Welt der Lebenden) und wird daher allegorisch umgedeutet. Auch die hohe Rekurrenz in der zeitgenössischen Popkultur ist überraschend und für nachfolgenden Untersuchungen anschlussfähig.

Projektbezogene Publikationen (Auswahl)

 
 

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