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The treatment gap in mental health care in a rural German region: from a concept of social milieu to a group-specific intervention. An interdisciplinary model study using epidemiological data

Subject Area Public Health, Healthcare Research, Social and Occupational Medicine
Empirical Social Research
Clinical Psychiatry, Psychotherapy, Child and Adolescent Psychiatry
Term from 2019 to 2022
Project identifier Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Project number 417704155
 
Final Report Year 2022

Final Report Abstract

In einer mehrstufigen Vorstudie sollten Aspekte sozialer Milieus identifiziert werden, die ein besonders hohes Risiko psychiatrischer Unterversorgung tragen. Nach der Analyse von soziodemografischen Determinanten einer psychiatrischen Unterversorgung in der ländlichen und strukturschwachen Modellregion Vorpommern anhand vorhandener Daten einer aktuellen epidemiologischen Erhebung (SHIP-Trend-1; Stufe 1) wurden Probanden mit depressiver Symptomatik in Bezug auf die Inanspruchnahme psychiatrischer Hilfe (Risikogruppe ohne Inanspruchnahme; Kontrollgruppe mit Inanspruchnahme) nachuntersucht (Stufe 2). Mit Hilfe eines leitfadengestützten Interviews („Grounded Theory“) wurden relevante implizite und explizite Werte und Lebensstile in Bezug auf psychische Gesundheit und psychiatrische Hilfsangebote erfasst. Nach Fertigstellung des Interviewleitfadens musste die Interviewdurchführung aufgrund der Covid-19-Pandemie über 5 Monate pausiert werden. Die ungeplante Verzögerung wurde für eine systematische Literaturrecherche und erste narrative Übersichten genutzt. Ergebnisse der quantitative Datenanalyse (Stufe 1) zeigen, dass ältere Bevölkerungsgruppen mit Depressionen im lebensgeschichtlichen Rückblick seltener professionell behandelt wurden. Zudem weisen Subanalysen darauf hin, dass sich der Prozess der Inanspruchnahme zwischen den Altersgruppen unterscheidet. Hier könnten möglicherweise altersgruppenspezifische Konstrukte wie Werte, sozialer Kontext und Einstellungen wirksam sein. In zwei deutschsprachigen narrativen Übersichtsarbeiten wurde das soziale Milieu als ein potenziell nützliches Instrument in der psychiatrischen Einstellungs- und Versorgungsforschung sowie in der Sozialpsychiatrie vorgestellt und untersucht. Umfangreiche Nachuntersuchungen mit leitfadengestützten Interviews von 20 Proband*innen der SHIP-Erhebung wurden qualitativ ausgewertet, um milieu-relevante Aspekte im Zusammenhang mit der Inanspruchnahme professioneller psychiatrischpsychotherapeutischer Hilfsangebote zu verstehen. Viele Interviewteilnehmer*innen äußerten entwertende, unklare und stereotype Vorstellungen gegenüber psychischen Problemen, Psychotherapie und Psychotherapeut*innen/Psychiater und gaben große Befürchtungen in Bezug auf hierarchische Strukturen, Abhängigkeitsverhältnisse und unerwünschte Wirkungen von Psychotherapie an. Stigmatisierende Einstellungen und traditionell maskuline Wertvorstellungen zeigten sich ebenfalls als eine wichtige Versorgungsbarriere. Auffällig war, dass viele Befragte im ländlichen Raum angaben, sich bei ihren Hausärzt*innen auch bei psychischen Problemen ausreichend gut behandelt zu fühlen. Eine Integration von werte- und milieusensitiven Fragestellungen in mehrere Repräsentativbefragungen ist bereits erfolgt und bedarf weiterer Analysen. Auch wenn synthetische Bemühungen zu einem sozialen Milieubegriff einer ländlichen Hochrisikopopulation der Komplexität der Ergebnisse nicht vollständig gerecht werden, scheinen komplexe Interventionen mit einer milieuspezifischen Angebotskommunikation zur Untersuchung von zielgruppenspezifischen Behandlungsformen vor allem von älteren Männern mit traditionell maskulinen Wertorientierungen im Sinne der Projektergebnisse möglich und sinnvoll.

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