Grenzen des Komischen? Satire und gesellschaftlicher Wandel in Deutschland und Frankreich am Beispiel der Zeitschriften Pardon/Titanic und Hara-Kiri/Charlie Hebdo (1960/1962-2017)
Zusammenfassung der Projektergebnisse
Das Forschungsprojekt hat am Beispiel der Zeitschriften pardon/ Titanic und Hara-Kiri/ Charlie Hebdo herausgearbeitet, wie sich Satire als Sonde für gesellschaftliche Entwicklungen nutzen lässt. Vor dem Hintergrund unterschiedlicher Traditionen in Bezug auf den gesellschaftlichen Stellenwert von Satire in Deutschland und Frankreich wurde dabei deutlich, dass die französischen Zeitschriften – anders als ihre deutschen Pendants – durchgehend eine Haltung einnahmen, die sich als aufklärerisch und laizistisch verstanden und im Falle von Charlie Hebdo bis heute verstehen und das Recht auf uneingeschränkte Meinungs- und der Kunstfreiheit radikal verteidig(t)en. Im Gegensatz zu pardon und Titanic hatten die französischen Satirezeitschriften damit einen zwar hochgradig umstrittenen, gleichwohl aber festen und klar definierten (Nischen)Platz in der französischen Öffentlichkeit. Doch das uneingeschränkte Festhalten an dieser Linie lies die Zeitschriften in Bezug auf Themen von Sexismus und Diskriminierung ihre selbst beanspruchte Stellung als Avantgarde klar verlieren. Stattdessen spiegelten sich stärker als über die Titanic in Deutschland in Frankreich über Charlie Hebdo die Auseinandersetzungen innerhalb der Linken um den Umgang mit Religion(en) und Laizität auf der einen und Meinungsfreiheit auf der anderen Seite. Die deutschen Zeitschriften waren zwar grundsätzlich auch einem linken, sich als tendenziell religions- bzw. kirchenkritisch verstehenden Milieu entsprungen ohne daraus jedoch eine dezidiert politische Programmatik wie die französischen Zeitschriften zu entwickeln und zu verteidigen. Vielmehr ging es um die Komik als solche, die mit Nonsens und Metakomik bestehende Verhältnisse ins Absurde führte und somit in Frage stellte. Vor allem die Titanic verteidigte eher ihren Anspruch darauf, die satirische Avantgarde zu verkörpern. Vor diesem Hintergrund erwies es sich auch als nicht überraschend, dass die 2016 gegründete deutsche Ausgabe von Charlie Hebdo nach nur einem Jahr des Bestehens ihr Erscheinen wieder einstellen musste. So war nach den Solidarisierungsbekundungen nach dem islamistischen Attentat auf die französische Satireredaktion nach nur einem Jahr das Interesse an dem Blatt auch in Deutschland wieder abgeebbt.
Projektbezogene Publikationen (Auswahl)
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Der Streit um die Mohammed-Karikaturen. Grenzen der Komik, 241-270. Aisthesis Verlag.
Gabriel-Kinz, Carina
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Provokation oder Kampf um republikanische Werte? Charlie Hebdo und die Grenzen des Sag- und Zeigbaren im sogenannten „Karikaturenstreit“, in: Frank Becker/ Antonia Gießmann-Konrads (Hg.), Grenzen des Sag- und Zeigbaren. Humor im Bild von 1900 bis heute, Darmstadt, S. 173-203
Gabriel-Kinz, Carina
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Satirische Darstellungen sexualisierter Gewalt in kirchlichen Einrichtungen und ihre Auswirkungen auf die öffentliche Debatte in Deutschland und Frankreich, in: Jörg Requate/ Dirk Schumann/ Petra Terhoeven (Hg.), Die (Un)Sichtbarkeit der Gewalt. Medialisierungsdynamiken seit dem späten 19. Jahrhundert (Veröffentlichungen des Zeitgeschichtlichen Arbeitskreises Niedersachsen 37), Göttingen, S. 170-189
Gabriel-Kinz, Carina
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»Le seul candidat sérieux«. Abgrenzen, Entgrenzen, Begrenzen, 129-146. transcript Verlag.
Requate, Jörg
