The Voices of British Child Migrants: A New Approach Toward Analysing the 19th- and 20th-Century Child Migration Schemes
Final Report Abstract
Kinder und Jugendliche sind für die Geschichtswissenschaft schwer zu fassen. Sie hinterlassen nur selten Selbstzeugnisse, die in Archiven überliefert werden. Das Forschungsprojekt "The Voices of British Child Migrants" hat "Voice" (Stimme), ein Begriff aus den Subaltern Studies, als Analysekonzept überarbeitet, um sein volles Potential für die Untersuchung von jungen Menschen und anderer marginalisierter Figuren in der Geschichte nutzbar zu machen. Das im Projekt entwickelte Konzept von Voice unterscheidet vier miteinander verbundene Transformationsprozesse – das Erheben, Aufzeichnen, Archivieren und Ausgraben von Stimmen –, um die verschiedenen Faktoren zu verstehen, die jeden Schritt in der Erstellung historischer Aufzeichnungen und wissenschaftlicher Schriften beeinflussen. Es betrachtet zudem verschiedene Dimensionen und Formen von Stimme: die Dimensionen von Klang bzw. äußerer Form, Narrativ und Praxis sowie die Formen von Mitsprache, Sprechen, Singen, Schreiben und Performance. Dabei spielte die Analyse von Schweigen, verstanden als Informationsträger statt als Informationslücke, eine zentrale Rolle. Das Projekt hat praktische wie methodische Grenzen und Möglichkeiten auf der Suche nach marginalisierten Stimmen aufgezeigt und auf Muster des zum Schweigen Bringens in der Vergangenheit und in der gegenwärtigen Forschungspraxis aufmerksam gemacht. Mithilfe des überarbeiteten Voice-Konzeptes konnten im Projekt die britischen child migration schemes aus einer neuen Perspektive untersucht werden. Im Rahmen dieser Programme wurden zwischen 1869 und 1970 rund 90,000 britische Kinder und Jugendliche ohne ihre Eltern nach Kanada und Australien migriert. Das Projekt hat gezeigt, dass die Dekolonialisierung einen bisher in der Forschung vernachlässigten Einfluss auf die Erfahrungen der child migrants und ihre Identitätsbildung hatte. Das Projekt konnte zudem durch die Analyse verschiedener Muster des zum Schweigen Bringens die Diskrepanz zwischen positiven Befunden zum Wohlergehen von child migrants in zeitgenössischen Quellen und späteren Erinnerungen von Ausbeutung und Missbrauch erklären. In diesem Zusammenhang konnte das Projekt verschiedene in der Forschung angenommenen Chronologien präzisieren: Die Geschichte der child migration schemes spiegelt nicht die in der Historiografie beschriebenen Entwicklungen im Bereich der Fürsorge in Großbritannien wieder. Die Professionalisierung und die Fokussierung auf die Mutter-Kind-Bindung, welche als die prägenden Faktoren für die britische Kinderfürsorge nach 1945 gelten, hatten auf die child migration schemes und das Erleben der child migrants wenig Einfluss. Darüber hinaus zeigt das Projekt, dass sich die Kinderrechte nicht, wie lange angenommen, linear von Schutz- hin zu Partizipationsrechten entwickelten. Mitte des 20. Jahrhunderts kam es zu einer massiven Einschränkung der Partizipationsrechte im Namen des Schutzes von jungen Menschen und zur Bewahrung einer bestimmten Vorstellung von Kindheit. Als Analysekonzept soll Voice ähnliches Erkenntnispotential für die Geschichte verschiedenste Gruppen bieten.
Publications
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„Knowledge Sharing among British Child Migrants in Canada, 1869–1950.“ Migrant Knowledge (22. Juni 2021)
Susanne Quitmann
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Voicing Imperial Order, Identity, and Resistance: The Singing of British Child Migrants. Ordinary Oralities, 153-170. De Gruyter.
Quitmann, Susanne
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Reconceptualising Voice: An Exploratory Case Study of British Child Migrants (1869–1970). Dissertation. München, Ludwig-Maximilians-Universität München, 2024.
Susanne Quitmann
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„‘Astride two cultures, I have roots in none.‘ The dis:connecting experiences of British child migrants (1869–1970)“. global dis:connect: A world between globalization and deglobalization. Produziert vom Käte Hamburger Kolleg global dis:connect (08. Mai 2024).
Susanne Quitmann
