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Theorie und Empirie der transformativen Philanthropie im Anthropozän

Fachliche Zuordnung Empirische Sozialforschung
Humangeographie
Förderung Förderung von 2019 bis 2024
Projektkennung Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 421574288
 
Erstellungsjahr 2024

Zusammenfassung der Projektergebnisse

Das Forschungsprojekt ›Theorie und Empirie der transformativen Philanthropie im Anthropozän‹ startete mit der Beobachtung, dass Stiftungen seit dem Ende des 20. Jahrhunderts zahlreicher, vermögender und ambitionierter geworden sind. Statt vorentschiedene Gemeinwohlideen lediglich zu finanzieren, beanspruchen sie eine herausragende Position bei der Gestaltung des Gemeinwohls. Ihre Unabhängigkeit ermögliche es ihnen, gesellschaftliche Problemlagen frühzeitig zu erkennen und so zu bearbeiten, dass die Probleme nicht oder nur in milderer Form auftreten. Diese Selbstpositionierung von Stiftungen ist bereits in den Anfängen der modernen Philanthropie im 19. Jahrhundert angelegt, beschleunigt sich aber gegenwärtig aufgrund günstiger Möglichkeitsbedingungen: Die Vermögensungleichheiten erreichen vielerorts historisch unbekannte Ausmaße, die Hoffnungen auf die Leistungsfähigkeit der Zivilgesellschaft sind groß und zur Bewältigung der sogenannten großen gesellschaftlichen Herausforderungen wird nach neuen Akteurskonstellationen gerufen. Auch das Anthropozän bietet in diesem Sinn eine günstige Bedingung für das Florieren einer Philanthropie, die als transformative Philanthropie zu bezeichnen ist, weil sie im Kern auf die dauerhafte Veränderung gesellschaftlicher Strukturen abzielt. Diese Problembeschreibung wirft unmittelbar die Frage auf, was der Fall der transformativen Philanthropie im Anthropozän ist und führt zu der organisationstheoretisch relevanten Frage, ob und wie die beabsichtigten Transformationen überhaupt möglich sind, wenn doch gilt, dass Organisationen keine Systeme außerhalb ihrer selbst positiv instruieren können. Im Ergebnis zeigt das Forschungsprojekt, dass sich eine transformative Philanthropie wesentlich um die Legitimität ihrer Programmatiken kümmern muss. Stiftungen mögen im Unterschied zu anderen Organisationen relativ ressourcenunabhängig sein, doch der Zwang zur Gabe sowie die steuerliche und normative Bindung an die Politik samt gesellschaftlich geteilter Vorstellungen vom Gemeinwohl schränkt ihre Freiheiten ein. Wenn Stiftungen unter diesen Umständen Transformationen bewirken wollen, so müssen sie sich verstärkt um die Legitimität ihrer Ziele und Programme kümmern. Nicht um Ressourcen für sich und das eigene Überleben zu sichern, sondern um Mitstreiter:innen zu gewinnen, die sich freiwillig auf den Weg der Stiftung einlassen. Beim Kleinarbeiten und Umsetzen der auf den ersten Blick machtvollen Ambitionen büßt eine transformative Philanthropie massiv an Steuerungskapazitäten ein. Ein hierfür paradigmatisches Beispiel ist das Programm ›100 Resilient Cities‹ der Rockefeller Foundation. Angetreten mit dem Ziel, Städte im Anthropozän resilienter zu machen, sorgte die Stiftung zunächst für wissenschaftliche, politische und pragmatische Legitimität, indem sie Resilienzforschung förderte, mit einem Debattenbuch über Resilienz an die Öffentlichkeit trat und eine normative Entscheidungstheorie für Stadtverwaltungen zum Aufbau von Resilienz in Auftrag gab. Bei der Entwicklung von urbanen Resilienzstrategien konnte sie die in Gaben innewohnende Macht nutzen, Verhaltensverpflichtungen von Städten provozieren und anfangs autoritär entscheiden, um ihre Vorstellungen durchzusetzen. Doch weil ihr Erfolg letztlich von der Mitwirkung der Stadtverwaltungen und anderer urbaner Akteur:innen abhing und diese zunehmend wissender, souveräner und sich ihrer Macht bewusster wurden, schwand die Macht der Stiftung. Transformative Philanthropie, so lässt sich generalisieren, basiert auf Machtambitionen, verlangt aber nach einer umfassenden Legitimität, die nur von außen attribuiert werden kann, und kann letztlich nur erfolgreich sein, wenn Macht diffundiert. Stiftungen, die das nicht erkennen, werden mit ihren Zielen eher scheitern als reüssieren. ›Welt verbessern, Steuern sparen – Was ist Philanthropie?‹: Planet Wissen, BR & ARD alpha.

Projektbezogene Publikationen (Auswahl)

 
 

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