Württemberg and Montbéliard: Knowledge and Administration in the 18th Century
Final Report Abstract
Das Projekt hatte zum Ziel am Beispiel der zu Württemberg gehörenden französischsprachigen Grafschaft Montbéliard informationsbasierte Distanzherrschaft in einem innereuropäischen Kontext als Übersetzungsprozess zu interpretieren und dabei die verschiedenen Perspektiven auf frühneuzeitliche herrschaftliche Prozesse zu beleuchten. Zu diesem Zweck wurde das Handeln einer Untertanin, eines Amtmannes und eines Herzogs aus dem Zeitraum 1723 bis 1793 (einer Phase der direkten Herrschaft von Stuttgart aus) mikrohistorisch untersucht. Bei den Untertanen wurde deutlich, dass sie sehr aktiv waren und ihre Möglichkeiten ausreizten. Sie eigneten sich rechtlich-administrative Schreibtechniken an, entwickelten ausgeklügelte Narrative und instrumentalisierten den obrigkeitlichen Allwissenheitsanspruch für ihre Zwecke, indem sie voraussetzten, dass die Herrscher ein noch umfassenderes Bild der Angelegenheit hätten. Anhand der Beamten wurde ersichtlich, wie sie sich den Herrschaftsraum aneigneten. Im Rahmen von Grenzfestlegungen stellten sie nicht nur Grenzsteine auf, sondern dokumentierten das Verhalten der Bevölkerung und passten den Inhalt von Archivalien zu vergangenen Ereignissen den jeweiligen aktuellen Bedürfnissen an. Die dabei entstandenen Karten dienten zur Dokumentation, aber auch als künstlerische Geschenke, um die Aufmerksamkeit der Herzöge zu gewinnen. Anhand der Herzöge konnte gezeigt werden, wie diese sich gegenüber den hereinströmenden Informationsfluten durch bildliche Selbstdarstellungen, Reisen sowie den geschickten Einsatz ihrer eigenen Handschrift als handelnd inszenierten. Durch die tiefere Auseinandersetzung mit Schriftstücken einzelner Personen wurde deutlich, dass hinter der gleichförmig anmutenden Oberfläche individuelle Handlungsarten zum Vorschein kommen. Die Menschen setzten Sprachen, Schreibformen, Stilrichtungen und kalligraphische Details ein, um ihren eigenen Standpunkt voranzutreiben und reizten ihre Möglichkeiten jeweils aus. Informationen waren dadurch stetig im Wandel und den individuellen Bedürfnissen ausgesetzt. Was richtig und wirklich war, wurde dabei stets neu ausgehandelt. Das Projekt konnte damit den Mehrwert einer Auseinandersetzung mit Übersetzungsprozessen verdeutlichen. Sie sensibilisieren für das alltägliche Handeln der Menschen und wie diese versuchten bestimmte Inhalte anderen zu vermitteln und wiederum Fremdes selbst verstanden. Die ständigen alltäglichen Prozesse der Aneignung und Vermittlung, die meist in der Art und Weise, wie Schreiben verfasst wurden stecken, geraten dabei ins Brennglas der Analyse. Aus den in Archiven verwahrten Schriftstücken wurden so Überreste vergangener Schreibpraktiken sowie Überbleibsel von Momenten des Vermittelns und Verstehens.
Publications
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Lokale Verhältnisse dokumentieren. Administrative Berichtspraxis als Übersetzungsprozess, Berlin, Humboldt-Universität, Workshop Berichte(n) – Prozesse, Narrative und Funktionen einer administrativen Kleinform, 12. April 2019.
Louis-David Finkeldei
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Württemberg and Montbéliard. Knowing and Administrating in a French-speaking Lutheran Composite Monarchy, Cambridge, St. John’s College, 6th Cambridge-Tübingen Workshop on the history of religion in the medieval and early modern world, 2.-3. September 2019.
Louis-David Finkeldei
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Charles Christophe Bouthenot (1759-1839): „J’ai travaillé avec mon cher père“. Étude d’un manuscrit des archives municipales de Montbéliard, Montbéliard, Société d’émulation, 25. September 2021.
Louis-David Finkeldei
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Mömpelgard und Mysore: Guter Fürstendienst zwischen Mitteleuropa und Indien, Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, „Die Welt im Dorf“: Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für die Erforschung des 18. Jahrhunderts, 9.-10. September 2021.
Louis-David Finkeldei
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Württemberg und Montbéliard. Eine Distanzherrschaft im 18. Jahrhundert, Tübingen, Doktoranden- und Examenskolloquium des Instituts für Geschichtliche Landeskunde Tübingen, 8. Juni 2021.
Louis-David Finkeldei
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„J’ai travaillé avec mon cher père“. Vivre et administrer à Montbéliard au XVIIIe siècle; in: Bulletin et Mémoire de la Société d’Émulation de Montbéliard 144 (2022), S. 22-57.
Louis-David Finkeldei
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„Maître par moi-même“. Herzog Carl Eugen von Württemberg in seinen eigenhändigen Schreiben, Stuttgart, Vortrag für den Württembergischer Geschichtsund Altertumsverein, 27. Januar 2022.
Louis-David Finkeldei
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Berichten, Begutachten und Versenden: Verwaltungskommunikation zwischen Württemberg und Mömpelgard im 18. Jahrhundert. Zeitschrift für Württembergische Landesgeschichte, 80, 291-310.
Finkeldei, Louis-David
