Prozesse der Subjektivierung und Selbst-Bildung von mit Familie geflüchteten Mädchen in Deutschland
Zusammenfassung der Projektergebnisse
Im Mittelpunkt des DFG-Projekts „Prozesse der Subjektivierung und Selbst-Bildung von mit Familie geflüchteten Mädchen in Deutschland“ stand die Untersuchung der gesellschaftlichen Positionierung von als geflüchtet adressierten jungen Frauen. Dabei lag ein besonderes Augenmerk auf ihrer Erfahrung alltäglicher Formen der Grenzziehung in der deutschen Gesellschaft. Als geflüchtet adressierte junge Frauen werden in der medialen Darstellung, in politischen Debatten, aber auch in vielen wissenschaftlichen Arbeiten häufig im Hinblick auf ihre (zugeschriebene) Vulnerabilität betrachtet. Wenig beachtet wird bislang jedoch, wie solche Formen der Zuschreibung an sie herangetragen werden und von wem. Darüber hinaus wurde bislang nicht untersucht, welche Perspektiven und Umgangsformen sie selbst in Auseinandersetzung mit an sie herangetragenen Zuschreibungen entwickeln. Dementsprechend wurden im Projekt sowohl junge Frauen als auch Personen, die im Alltag Zuschreibungen an sie herantragen, im Hinblick auf ihre gesellschaftliche Positionierung befragt. Dabei stellte sich heraus, dass viele von ihnen – unabhängig von ‚Herkunftsländern‘ und ihrer persönlichen Biographie – die Erfahrung teilen und kritisieren, auch nach mehreren Jahren des Aufenthalts im Alltag noch als ‚geflüchtete Frauen‘ angesprochen zu werden. In den meisten Fällen geht diese Ansprache mit einer Marginalisierung einher; andere Identifikationsmöglichkeiten und Selbstbezeichnungen werden dabei nicht beachtet. Im Laufe der Forschung kristallisierten sich drei Bereiche heraus, die für ihre gesellschaftliche Positionierung als ‚geflüchtete Frauen‘ eine zentrale Rolle spielen: ihre strukturellen Einordnungen (z.B. Asylrecht und Wohnvorschriften), persönliche Interaktionen mit Freund*innen, Kolleg*innen oder Lehrer*innen (u.a. Ansprache als ‚Opfer der Umstände‘ bzw. potentielle Care-Arbeiterin) sowie ihre Begegnungen mit und Ansprache durch Akteur*innen der Sozialen Arbeit (als potentielle ‚neue‘ Zielgruppe). Gerade letzterer Bereich wurde in der ethnologischen Forschung bislang kaum untersucht. In allen drei Kontexten spielt die Bezugnahme auf etablierte Bilder der marginalisierten ‚anderen Frau‘ in der deutschen Gesellschaft direkt oder indirekt eine wichtige Rolle. Darüber hinaus war ein zentrales Ergebnis, dass die besondere Subjekt-Position ‚der geflüchteten Frau‘ im Nachgang des „lange(n) Sommer(s) der Migration“ (Hess et al. 2017) gerade durch die simultane VerAnderung von als geflüchtet adressierten jungen Frauen auf struktureller Ebene, in persönlichen Interaktionen und seitens der Sozialen Arbeit ‚funktioniert‘. Nicht zuletzt spielt ihre eigene Rezeption (sowohl Ablehnung als auch Übernahme) ihrer Kategorisierung als ‚geflüchtete Frau‘ eine zentrale Rolle für die ‚erfolgreiche‘ Herstellung und Reproduktion dieser Subjekt-Position.
Projektbezogene Publikationen (Auswahl)
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Die Verwicklung der Ethnologin im Feld. Perspektiven für eine (selbst-)kritische Betrachtung ethnologischen Forschens zu Flucht, in: Maren Sacherer (Hg.), Überfällig – Überflüssig. Beiträge der Studierendentagung 2019, Wien: Univ. Wien, S. 68-74
Odierna, Beatrice
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„Bilder der Handlungsmacht ‚geflüchteter Frauen‘“ in Sozialer Arbeit«, in: DDS März 2022, S. 9-10
Odierna, Beatrice
