Dinge in der Literatur des Mittelalters – historische Formen der Ding-Mensch-Relation
Zusammenfassung der Projektergebnisse
Materielle Dinge (verstanden als unbelebte, stofflich kompakte und abgrenzbare sowie prinzipiell mobile Entitäten) sowie die menschliche Sicht auf sie und der Umgang mit ihnen sind in den mediävistischen Disziplinen der letzten Jahrzehnte vielfach untersucht worden. Unser Netzwerk arbeitete zunächst an der Kontaktstelle von Dingen und Texten (Themenheft „Textual Thingness / Textuelle Dinghaftigkeit“, MEMO – Medieval and Early Modern Material Culture Online, 2020). Darauf aufbauend zielte die Zusammenarbeit darauf, die verschiedenen in der Literatur-, Geschichts- und Kulturwissenschaft bereits vorhandenen Ansätze der Dingforschung zu vermitteln und zu vertiefen. Zu diesem Zweck stellte das Netzwerk drei grundsätzliche Möglichkeiten des Weltbezugs der Menschen in den Fokus – (1) Perzeption und Kognition; (2) Emotionen und Begehren; (3) Kommu-nikation und Handlung – und fragte dabei nach der jeweiligen Rolle der Dinge: Was machen wir mit ihnen, was machen sie mit uns? Entsprechend der drei Möglichkeiten des Weltbezugs wurden drei Workshops organisiert, deren Ergebnisse in einem gemeinsamen Sammelband publiziert sind (Nicht unbedingt. Mensch-Ding-Beziehungen in mediävistischer Sicht, Berlin 2024). Die genannten Möglichkeiten des Weltbezugs werden dabei nicht nur vom menschlichen Individuum her gedacht, sondern – und dies wurde im Verlauf der Netzwerkarbeit dominant – in Bezug auf die historischen Gesellschaften und deren Wandel. In der Auseinandersetzung mit möglichen historischen Makronarrativen erwiesen sich die von Niklas Luhmann umrissenen Subsysteme der modernen Gesellschaft, welche sich nämlich als Diskursfelder bereits im Mittelalter abzeichnen, als produktive Kategorien der exemplarisch arbeitenden Beiträge: Betrachtet wird, welche Rolle Dinge in den Bereichen der Religion, der Wirtschaft, der Kunst, der Wissenschaft und Technik sowie der Liebe spielten. Leitend für unsere Diskussionen waren zwei Hypothesen: erstens, dass Dinge im Mittelalter tendenziell stärker religiös aufgeladen und weniger eindeutig als in der Moderne z. B. als sakrale Objekte, Konsumartikel, Kunstwerke oder Gebrauchsgegenstände zu klassifizieren waren; zweitens, dass Dinge im Mittelalter qua religiöser Aufladung eine Macht über den Menschen besaßen, die ihnen in der Moderne abgeht. Daraus folgt die Frage nach dem Status der Dinge in der mittelalterlichen Gesellschaft auf der Skala zwischen den Polen der Subjekt- und Objektposition und die Frage nach einer tendenziellen Verschiebung hin zu Letzterem im Verlauf der Neuzeit. Das Potential der Dinge, sei es in der Naturkunde (vgl. das desiderium na-turae), sei es im sakralen Bereich, dem Pol der Subjektposition näher zu stehen, war – so machte unsere Arbeit deutlich – in der Vormoderne stärker ausgeprägt. Gleichzeitig, so ergab unsere Arbeit ebenfalls, ist die Hypostasierung einer den Dingen innewohnenden Kraft (oder auch: Magie) sowie der unhistorische Gebrauch des Fetischbegriffs in vielen Forschungsansätzen zu kritisieren. Der zentrale Untersuchungsgegenstand – fiktionale Dinge in mittelalterlicher Literatur – bietet die Chance, dem gesellschaftlichen Imaginären einer ferngerückten Epoche auf die Spur zu kommen. Denn selbstverständlich kann die beobachtbare Skala von Subjekt- und Objektposition von Dingen stets nur auf der Ebene dieses Imaginären situiert sein. In fiktionalen Texten tritt dies keinesfalls als einseitige ‚Spiegelung‘ des zeitgenössischen Realitätsempfindens zutage; vielmehr instigiert die Netzwerkarbeit zukünftige Forschung, die wechselseitigen Bedingtheiten von Fiktionalität einerseits und vom vorgeordneten gesellschaftlichen Imaginären sowie von den materiellen Voraussetzungen einer historischen Kultur andererseits zu eruieren.
Projektbezogene Publikationen (Auswahl)
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Dubious Actions Coming to Light: The Role of ‘Talking’ Gems as Indicators of Virtuousness, in: MEMO 7 (2020): Textual Thingness / Textuelle Dinghaftigkeit, S. 97-107. Pdf-Format
Florian Nieser
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Inventories as Material and Textual Sources for Late Medieval and Early Modern Social, Gender and Cultural History (14th-16th centuries), in: MEMO 7 (2020): Textual Thingness /Textuelle Dinghaftigkeit, S. 22-46. Pdf-Format
Christina Antenhofer
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Marshall, Sophie: An Armour of Sound. ‘Sancte Sator’ (‘Carmen ad Deum’) and its German Gloss, in: MEMO 7 (2020): Textual Thingness / Textuelle Dinghaftigkeit, S. 47-67. Pdf-Format
Sophie Marshall
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Performative Ding-Bedeutung: Der Stricker und sein metaphysisches Dinge-Verständnis in seiner Kleinepik (‚Von Edelsteinen‘, ‚Der wunderbare Stein‘, ‚Der Hahn und die Perle‘), in: MEMO 7 (2020): Textual Thingness /Textuelle Dinghaftigkeit, S. 68-80
Silvan Wagner
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Text as Thing. The Dog Lead in Albrecht’s ‚Jüngerer Titurel‘. in: MEMO 7 (2020): Textual Thingness / Textuelle Dinghaftigkeit, S. 81-96
Tamara Elsner
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Textual Thingness / Textuelle Dinghaftigkeit. MEMO – Medieval and Early Modern Material Culture Online 7 (2020).
Justin Vollmann
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Textuelle Dinghaftigkeit. Eine Einleitung. in: MEMO 7 (2020): Textual Thingness / Textuelle Dinghaftigkeit, S. 1-11. Pdf-Format
Justin Vollmann
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Architektonische Ordnungen: Parzival und Tristan. Zwei Versuche zum aggregativen Potential ästhetischer Objekte
Hartmut Bleumer & Joana Thinius
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Das Ding der Gesellschaft. Eine Einleitung
Justin Vollmann & Sophie Marshall
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Die Entzauberung der Gabe. Der Blick auf Praktiken als Schlüssel zur Agency der Dinge
Christina Antenhofer
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Dinge und Zeichen. Zur Semiose des Zeichens Tau (Τ) auf Heimrichs von Narbonne Waffenrock in Wolframs Willehalm (406,2–407,9) und zu den Diskursen am Thüringer Hof
Harald Haferland
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Du pist der, der mir mein taschen kan leren. Die Macht des Weins in den Nürnberger Weingrüßen
Silvan Wagner
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Lokis dinghafte Angst und das Begehren der Materie in der Prosa-Edda
Sophie Marshall
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Nicht unbedingt - Mensch-Ding-Beziehungen in mediävistischer Sicht. Berlin Schwabe.
Marshall, Sophie & Vollmann, Justin
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Out of the Box. Gabenlogik und gewalt im Schlegel
Thalia Vollstedt
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Papier – Werkzeug – Wissen
Christina Lechtermann
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The Making of an Icon. Kult und Transzendenzkommunikation in Strickers Der Gevatterin Rat
Mona Schlatter
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Thomas von Aquin, der begehrliche Erzähler und das begehrte Ding
Justin Vollmann
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Was machen Dinge mit den Menschen? Überlegungen zu emotional besetzten Mensch-Ding-Beziehungen
Rüdiger Schnell
