Formen und Funktionen auktorialer Epitexte im literarischen Feld der Gegenwart
Zusammenfassung der Projektergebnisse
Das Projekt wurde in Kooperation mit einer Arbeitsgruppe an der Universität Innsbruck (Prof. Dr. Thomas Wegmann, gefördert vom FWF, lead agency) durchgeführt und untersuchte die Bedeutung von Epitexten (im Sinne Gérard Genettes) für die Konstitution und Inszenierung gegenwärtiger Autor*innenschaft, einem in der gut etablierten Paratextforschung weithin unterbelichteten Feld. Während die Arbeitspakete der Kooperationspartner ritualisierte Epitexte wie Literaturpreisreden und fingierte Epitexte wie Autor*inneninterviews als (auto-)fiktionale Werkbestandteile untersuchten, zielte das Siegener Arbeitspaket auf die Erforschung so genannter performativer Epitexte: gemeint sind damit alle Formen spontan-mündlicher Selbstmitteilung von Autor*innen im Rahmen öffentlicher Lesungen - in unserem Falle von Lyrik-Lesungen: d.s. auktoriale Sprechakte vor, während und nach der Werklesung, z. B. auch solche im Rahmen eines Publikums- oder Moderatorengesprächs als festem Lesungsbestandteil, d.h. mit ausdrücklichem Bezug zu dem Teil der Autor*innenperformanz, der aus dem Vortrag des eigenen Werkes besteht. Zu diesem Zweck wurden in der Anforschungsphase des Projekts und im Rahmen der Laufzeit Audio-Mitschnitte von öffentlichen Lyriklesungen angefertigt und daran der Zusammenhang dieser Formen auktorialer Selbstmitteilung mit dem Werkvortrag analysiert. In einer Datenbank auf der Projekthomepage werden diese Mitschnitte auf Anfrage der scientific community zur Nachnutzung zur Verfügung gestellt. Die Mitschnitte dokumentieren das Phänomen, dass es kontemporär praktisch keine Lyriklesungsformate gibt, die gänzlich ohne performativen Epitext auskommen. Häufig übersteigt der Anteil dieser auktorialen Rahmungskommunikation zeitlich die Dauer des Werkvortrags deutlich. Unsere Forschung führt das auf die besondere Herausforderung, bisweilen sogar 'Zumutung' zurück, die eine Lyriklesung für die Zuhörenden darstellt: ein möglicherweise unbekanntes Gedicht zeitunsouverän zu hören (d.h. ohne die Möglichkeit der instantanen Re-Lektüre des ganzen Gedichts oder einzelner Stellen wie beim Leseakt). Die Analyse der Mitschnitte hat eine der Hypothesen des Projekts im Wesentlichen bestätigt: dass erst der performative Epitext aus dem Munde des Autors bzw. der Autorin, gleichsam als Antidot, die Zumutung eines Werkvortrags von Gedichten kommensurabel zu machen scheint. Das impliziert ein stark gewandeltes Anforderungsprofil für Lyrikschaffende, da die Praxisform der Lesung für die gegenwärtigen Lyriker*innen ökonomisch erwiesenermaßen mittlerweile weit wichtiger als der Verkauf von Büchern ist. Für die Zuhörenden hat der performative Epitext im Rahmen von Lyriklesungen vor allem Instruktionscharakter und formuliert eine Art Hör-Vorschrift, -Hinsicht oder Stimulans, die den Besucher*innen der Gedichtlesung ein auktorial verbürgtes Interpretament zum Verständnis des Werks offeriert oder die Hörenden in Auslegungsspannung versetzt. Der ungerahmte Werkvortrag allein scheint derzeit kein Garant mehr, die Zuhörenden in eine solche Auslegungsspannung zu versetzen.
Projektbezogene Publikationen (Auswahl)
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„Nora Gomringers ‚Monster und Mädchen‘“ (Vortrag im Rahmen des Seminars Living Poetry an der Universität Siegen, 24.1.2020).
Manz, Nora
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"Einander lesen. Sprachliche Konventionen und Innovationen in Lyrik und Wissenschaft“ (Podiumsgespräch im Rahmen der Internationalen Konferenz eins: zum andern. Ein Gesprächsexperiment zwischen Lyrik und Wissenschaft am 17.9.2021 in der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, München).
Döring, Jörg; Steffen Popp & Christian Uetz
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Wie analysiert man die Lesung eines geschriebenen Gedichts?. Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik, 51(1), 147-170.
Döring, Jörg
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„Woraus besteht eine zeitgenössische Lyriklesung?“ (Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung Literarischer Betrieb in Tschechien, Österreich und Deutschland am 2.11.2022 an der Masaryk Universität Brno, Tschechien).
Döring, Jörg
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Konferenzberichte. Zeitschrift für Germanistik, 33(2), 467-481.
Jörg Döring
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Formen und Funktionen auktorialer Epitexte im literarischen Feld der Gegenwart. De Gruyter.
Wegmann, Thomas; Döring, Jörg; Manz, Nora; Mayr, Max & Obererlacher, Anna
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„Influencer, Artist, Entrepreneur“ – Kunstfigur Stefanie Sargnagel. Formen und Funktionen auktorialer Epitexte im literarischen Feld der Gegenwart, 241-272. De Gruyter.
Manz, Nora & Obererlacher, Anna
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„Irgendwo außerhalb des Buches“ – Auktorialer Epitext im literarischen Feld der Gegenwart: Einleitung. Formen und Funktionen auktorialer Epitexte im literarischen Feld der Gegenwart, 1-26. De Gruyter.
Döring, Jörg; Manz, Nora; Mayr, Max; Obererlacher, Anna & Wegmann, Thomas
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„Not for sale: writer’s shoes, still worn. Dichterinnenobjekte als auktorialer Epitext“, in: Edition Paratexte, H. 1 (2024), S.66–69. ISBN: 978-3-00-077843-8.
Döring, Jörg
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479IV.3 Performative Epitexts in Poetry Readings. Poetry in the Digital Age, 479-490. De Gruyter.
Döring, Jörg
