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Formen und Funktionen auktorialer Epitexte im literarischen Feld der Gegenwart

Fachliche Zuordnung Germanistische Literatur- und Kulturwissenschaften (Neuere deutsche Literatur)
Förderung Förderung von 2019 bis 2026
Projektkennung Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 425796101
 
Erstellungsjahr 2025

Zusammenfassung der Projektergebnisse

Das Projekt wurde in Kooperation mit einer Arbeitsgruppe an der Universität Innsbruck (Prof. Dr. Thomas Wegmann, gefördert vom FWF, lead agency) durchgeführt und untersuchte die Bedeutung von Epitexten (im Sinne Gérard Genettes) für die Konstitution und Inszenierung gegenwärtiger Autor*innenschaft, einem in der gut etablierten Paratextforschung weithin unterbelichteten Feld. Während die Arbeitspakete der Kooperationspartner ritualisierte Epitexte wie Literaturpreisreden und fingierte Epitexte wie Autor*inneninterviews als (auto-)fiktionale Werkbestandteile untersuchten, zielte das Siegener Arbeitspaket auf die Erforschung so genannter performativer Epitexte: gemeint sind damit alle Formen spontan-mündlicher Selbstmitteilung von Autor*innen im Rahmen öffentlicher Lesungen - in unserem Falle von Lyrik-Lesungen: d.s. auktoriale Sprechakte vor, während und nach der Werklesung, z. B. auch solche im Rahmen eines Publikums- oder Moderatorengesprächs als festem Lesungsbestandteil, d.h. mit ausdrücklichem Bezug zu dem Teil der Autor*innenperformanz, der aus dem Vortrag des eigenen Werkes besteht. Zu diesem Zweck wurden in der Anforschungsphase des Projekts und im Rahmen der Laufzeit Audio-Mitschnitte von öffentlichen Lyriklesungen angefertigt und daran der Zusammenhang dieser Formen auktorialer Selbstmitteilung mit dem Werkvortrag analysiert. In einer Datenbank auf der Projekthomepage werden diese Mitschnitte auf Anfrage der scientific community zur Nachnutzung zur Verfügung gestellt. Die Mitschnitte dokumentieren das Phänomen, dass es kontemporär praktisch keine Lyriklesungsformate gibt, die gänzlich ohne performativen Epitext auskommen. Häufig übersteigt der Anteil dieser auktorialen Rahmungskommunikation zeitlich die Dauer des Werkvortrags deutlich. Unsere Forschung führt das auf die besondere Herausforderung, bisweilen sogar 'Zumutung' zurück, die eine Lyriklesung für die Zuhörenden darstellt: ein möglicherweise unbekanntes Gedicht zeitunsouverän zu hören (d.h. ohne die Möglichkeit der instantanen Re-Lektüre des ganzen Gedichts oder einzelner Stellen wie beim Leseakt). Die Analyse der Mitschnitte hat eine der Hypothesen des Projekts im Wesentlichen bestätigt: dass erst der performative Epitext aus dem Munde des Autors bzw. der Autorin, gleichsam als Antidot, die Zumutung eines Werkvortrags von Gedichten kommensurabel zu machen scheint. Das impliziert ein stark gewandeltes Anforderungsprofil für Lyrikschaffende, da die Praxisform der Lesung für die gegenwärtigen Lyriker*innen ökonomisch erwiesenermaßen mittlerweile weit wichtiger als der Verkauf von Büchern ist. Für die Zuhörenden hat der performative Epitext im Rahmen von Lyriklesungen vor allem Instruktionscharakter und formuliert eine Art Hör-Vorschrift, -Hinsicht oder Stimulans, die den Besucher*innen der Gedichtlesung ein auktorial verbürgtes Interpretament zum Verständnis des Werks offeriert oder die Hörenden in Auslegungsspannung versetzt. Der ungerahmte Werkvortrag allein scheint derzeit kein Garant mehr, die Zuhörenden in eine solche Auslegungsspannung zu versetzen.

Projektbezogene Publikationen (Auswahl)

 
 

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