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Wallfahrtsarchitektur als Erfahrungsraum: Sakraltopographie und visuelle Präsentation von Gnadenstätten in der Frühen Neuzeit (Stiftskirche Heilig-Kreuz Polling; Schönenbergkirche Ellwangen)

Antragstellerinnen / Antragsteller Privatdozent Dr. Ulrich Fürst; Dr. Yvonne Northemann, seit 1/2025
Fachliche Zuordnung Kunstgeschichte
Förderung Förderung von 2019 bis 2025
Projektkennung Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 426654414
 
Erstellungsjahr 2025

Zusammenfassung der Projektergebnisse

Schönenbergkirche Ellwangen: Im konfessionellen Zeitalter steigerten Wallfahrtskirchen in Konkurrenz zueinander ihr Angebot medial lancierter Gnadenstätten, die Gläubigen Erfahrungsräume göttlicher Gnade bereiten sollten. Am Beispiel der Kirche Unserer Lieben Frau auf dem Schönenberg bei Ellwangen (1682) wird erstmals umfassend dargestellt, wie hierfür eine seit 1639 bestehende Loreto-Kapelle auf originäre Weise in die Apsis hinter dem Hochaltar eines Wandpfeiler-Emporen-Saals inkorporiert wurde. Quellen-, Architektur- und Bildanalysen sowie zahlreiche Vergleiche machen deutlich, wie architektonisches „Umhüllen“ als Methode zur Absonderung und Veranschaulichung des wunderreichen Orts konsequent verfolgt wurde. Für eine gemischtkonfessionelle Umgebung entstand im Zusammenspiel von typologischen Mustern, örtlichen Verehrungspraktiken und Topographien ein singulärer Gnadenraum der frühen barocken Wallfahrtsarchitektur, der zugleich als Initialbau des sog. „Vorarlberger Münsterschemas“ gilt. Das Projekt untersuchte diese bislang vernachlässigte raumtypologische Prägung sowie Ausstrahlung des Schönenbergs und analysiert Kirche und Kapellenbau erstmals in einer Zusammenschau. Die beiden in ihrer Erscheinung kontrastierenden Räume sind visuell durch das für die Loreto-Kapelle topische Engelsfenster verbunden, das von dem Hochaltar eingefasst wird. Hieraus ergaben sich wechselseitige Bezüge, die zentrale heilsgeschichtliche Mysterien räumlich und bildkünstlerisch erfahrbar machen und in ihrer Wirkung intensivieren. Die Kapelle wird dabei nicht als das Kleine im Großen inszeniert, sondern als das dem Neuen kausal Vorausgehende. Zeitgenössische Quellen ermöglichten einen differenzierten Blick auf Bauakteure und Gestalter der Wallfahrt, rituelle Handlungen und Festapparate, Sakraltopographien, räumliche Zugänglichkeiten und Funktionen. Zu jener Zeit sind ähnlich komplexe architektonische und rituelle Inkorporationen nur bei italienischen Beispielen zu finden und führten zu den Wurzeln der Loreto-Rezeption zurück, wobei neben der Santa Casa in Loreto die Kirche S. Maria della Carità in Brescia die für Ellwangen herausgearbeiteten Parameter bestätigte. Stiftskirche in Polling: Ausgehend von bestehenden Defiziten im Verständnis von Wallfahrtsarchitektur befragt die Studie die im Quellenmaterial thematisierte Qualität eines gnaden- und wunderreichen Orts nach ihren medialen Komponenten und ihren funktionalen Parametern. In der Zusammenschau von festlichen wie individuellen Ritualen mit den bau- und bildkünstlerischen Angeboten war das Phänomen Wallfahrtskirche als ein Erfahrungsraum zu beschreiben, der eine tatsächlich wirksame Gegenwart des Heiligen plausibel machen sollte. Eine zentrale Fallstudie zur Stiftskirche Heilig Kreuz in Polling weist in einer Verbindung von beschreibender Analyse und Quellenrecherche eine differenzierte Sakraltopographie nach. Dabei stellen sich Presbyterium und Hochaltar als Schaubühne der Wallfahrt dar, die Sakristei als ergänzende Reliquien-Schatzkammer und Memorialort. Für Formate von Stiftermemoria und Reliquienkult waren weitere separate Kapellen eingerichtet. Weitere Orte für Handlungen der Laienfrömmigkeit bot der festliche Saal des Langhauses. An den Ergebnissen der Pollinger Analyse setzen vertiefende Querschnitte zum bayerisch-süddeutschen Wallfahrtswesen an, um bislang vernachlässigte Komponenten von Wallfahrt neu zu erschließen. Pontifikalämter an der oberen Altarstelle erweisen auch in prominenten Fällen wie Vilgertshofen, Andechs und Biberbach den Typus Doppelaltar als Schaubühne hochrangiger Festliturgie. Weitere Fallstudien gehen dem Ritual der Heiltumsweisung in frühneuzeitlichen Innenräumen nach und den bisher kaum beachteten Reliquienkapellen (Stiftskirche Scheyern, St. Ulrich und Afra in Augsburg, Ebersberg etc.), öffentlichen Kultorten für die individuelle Andacht als ein Gegenprogramm zu den Heiltumskammern der fürstlichen Residenzen. Bestimmen ließ sich auch der Anteil von Bruderschaften und damit Bindung und Partizipation der Laien als wichtige Faktoren des Erfahrungsraums Wallfahrtskirche.

Projektbezogene Publikationen (Auswahl)

  • Schwellenraum der Inkarnation: die Santa Casa bei S. Abbondio, Cremona. – In: Donetti, Dario; Gründler, Hana; Richter, Mandy (Hg.): Viaggio nel Nord Italia. Studi di cultura visiva in onore di Alessandro Nova. Florenz 2022, S. 129–133
    Jöchner, Cornelia
  • Stavbení úloha a funkce v baroku. Poutní chór s dvojitým oltářem v bavorských poutních kostelech / resumé p řednášky[Bauaufgabe und Funktion im Barock. Der Wallfahrtschor mit Doppelaltar in bayerischen Wallfahrtskirchen. Resümee zur Forschung]. – In: Kroupa, Jiři; Horáková, Tereza; Řezníčková, Veronika (Hg.): Zadání, umlecká úloha a funkce v architektuře a ve výtvarném umění. Brno 2022, S. 43–54
    Fürst, Ulrich
  • Die Santa Casa auf dem Schönenberg bei Ellwangen. Gnadenerfahrung und Katechese. – In: INSITU. Zeitschrift für Architekturgeschichte 15 (2023), Heft 1, S. 85–98
    Northemann, Yvonne
  • DIE STERN-JAGD NEPOMUCENISCHER LICHTMETAPHORIK IM SYNERGISMUS KÜNSTLERISCHER MEDIEN. Johannes von Nepomuk, 39-58. Hollitzer Verlag.
    Fürst, Ulrich
  • Wallfahrtsarchitektur als Erfahrungsraum. Die Stiftskirche Heilig Kreuz in Polling im Szenario süddeutscher Gnadenstätten des Barock (Studien zur christlichen Kunst 13). Regensburg 2024. ISBN: 978-3-7954-3877-7
    Fürst, Ulrich
  • Wallfahrtsarchitektur als Erfahrungsraum. Die architektonische und rituelle Inkorporation einer Loreto-Kapelle in der Schönenbergkirche bei Ellwangen (Studien zur christlichen Kunst 14). Regensburg 2025. (erscheint im Frühsommer) ISBN: 978-3-7954-3878-4
    Jöchner, Cornelia & Northemann, Yvonne
 
 

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