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Qualitätsentwicklungen im Erziehungs- und Bildungswesen: Varianten eines reflexiven Mechanismus. Über den Erkenntnisgehalt von Erfahrungen mit Qualitätssicherungsverfahren im pädagogisch organisierten System des lebenslangen Lernens.

Fachliche Zuordnung Bildungssysteme und Bildungsinstitutionen
Erziehungswissenschaftliche Sozialisations- und Professionalitätsforschung
Förderung Förderung von 2019 bis 2022
Projektkennung Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 428976926
 
Erstellungsjahr 2022

Zusammenfassung der Projektergebnisse

Auf der Basis einer zielgerichteten Detailanalyse der Erfahrungsbestände von Führungskräften und des operativ tätigen Personals sowie organisationaler Selbstbeschreibungen in vier ausgewählten Bereichen des Erziehungs- und Bildungswesens (Elementarbereich, Sekundarstufe II, Sozialarbeit/Sozialpädagogik und Erwachsenenbildung) in vier Bundesländern (Bayern, Brandenburg, Nordrhein-Westfalen und Hamburg) können wir mit Blick auf das Thema Qualität folgendes Resümee ziehen: Die Diversifikation der Arbeit an der Qualität stellt einen wichtigen Indikator für die sich immer deutlicher abzeichnende Tendenz der Formierung eines pädagogisch organisierten Systems des lebenslangen Lernens dar. Indem die pädagogischen Organisationen der unterschiedlichen Bereiche simultan auf Qualität rekurrieren, konstituieren und reproduzieren sie ein bildungsbereichsübergreifendes Relevanzsystem. Dabei handelt es sich um einen evolutionären Prozess, der sich unterhalb der Schwelle öffentlicher Aufmerksamkeit abspielt(e). Ebenso wie Niklas Luhmann gehen wir davon aus, dass reflexive Mechanismen für eine derartige Tendenz der Systemkonstitution mitverantwortlich sind. Im vorliegenden Fall tragen die formalisierten und naturwüchsigen Verfahren der Qualitätsarbeit dazu bei, dass pädagogische Organisationen auf breiter Front das Prinzip des lebenslangen Lernens auf sich selbst anwenden und sich somit permanent Veränderungszumutungen aussetzen. Zugleich klären die vorhandenen Daten über die Bedingungen der Möglichkeit von Qualitätsarbeit auf, die keineswegs in jeder Institution gegeben sind. Zu diesen Bedingungen zählt eine ausreichende Verfügbarkeit über Personal sowie über räumliche, sachliche und zeitliche Ressourcen. Parallel hierzu zeichnet sich in den organisatorischen und beruflichen Selbstbeschreibungen eine tiefe Ambivalenz ab: Qualität wird weder ausschließlich positiv noch negativ gesehen; vielmehr zeichnet sich eine Gleichzeitigkeit von Affirmation und Kritik ab. Den evolutionären Errungenschaften, d.h. dass die Arbeit an der Qualität einen reflexiven Mechanismus darstellt und Qualität ein stilbildendes Moment in den organisationalen Selbstbeschreibungen ist, steht eine enorme Unsicherheit und ein großer Bedarf an Orientierung mit Blick auf die sachlogischen Grenzen der Qualitätskategorie gegenüber. Die Analyse der Selbstbeschreibungen unterstreicht eindringlich die Diffusität auf allen Ebenen: Qualität stellt einen Containerbegriff dar, dem zwar eine zentrale Funktion attestiert wird, dem aber auch das Moment der Beliebigkeit inhärent ist, was sich insbesondere anhand der geradezu notorischen Vermischung von Professionalität und Qualität zeigt. Darüber hinaus konnte im QUEB-Projekt nachgewiesen werden, dass es drei Formen von Qualitätsarbeit gibt: die Nutzung einschlägiger Qualitätsmanagementsysteme (OMS), der Vollzug einer systematischen Qualitätsentwicklung, die einer strategischen Planung, Durchführung und Evaluation unterworfen ist sowie die Realisierung punktueller Qualitätsarbeit, welche eher sporadisch und situativ zum Tragen kommt. Dabei lautet ein zentrales Ergebnis: Es kommt stets auf die lokale und organisationsbezogene Anwendung der jeweiligen Verfahren an – die bloße Nutzung eines QMS ist keine Garantie für eine „gute“ Organisation. Ursprünglich war die Arbeit an der Qualität dem Credo des Verbraucher*innenschutzes untergeordnet; angesichts der Unübersichtlichkeit und Vielfalt der QMS scheint diese Intention zwar oberflächlich verschwunden zu sein. Gleichwohl besitzt sie in der Gestalt einer gesteigerten Klientelorientierung aber eine gewisse Kontinuität. Obwohl das Projekt vor allem an den bildungsbereichsübergreifenden Konvergenzen interessiert war, sind auch einige Segmentspezifika entdeckt worden, wobei grundsätzlich festgestellt werden kann, dass die Unterschiede zwischen Organisationen größer sind als die Divergenzen zwischen den Segmenten. Unter anderem zeichnet sich in unserem Datenmaterial etwa ab, dass die unterschiedlichen Finanzierungsmodalitäten der Segmente einen deutlichen Einfluss auf die Gestalt der Qualitätsarbeit haben Da das Projekt zur komparativen pädagogischen Berufsgruppen- und Organisationsforschung zählt, diesem Ansatz aber noch nicht die notwendigen Begrifflichkeiten für einen bildungsbereichsübergreifenden Vergleich zur Verfügung standen, musste die Studie auch grundlagentheoretisch Beiträge liefern. In der Projektlaufzeit wurde beispielsweise ein generalisiertes Modell für pädagogische Organisationen vorgestellt und der Vorschlag unterbreitet, die Komplementärrolle im pädagogischen Funktionssystem (d.h. das Publikum bzw. die Adressat*innen- und Zielgruppen) mit der abstrakten Kategorie des pädagogisch Anderen zu belegen.

Projektbezogene Publikationen (Auswahl)

 
 

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