Die Entwicklung des graphischen Symbolverständnisses vor dem Schriftspracherwerb: Dimensionen der Symbol-Objekt-Relation
Zusammenfassung der Projektergebnisse
Die Entwicklung des Symbolverstehens ist ein wesentlicher Teil menschlicher Enkulturation und spiegelt auf die Entfaltung essentieller kognitiver Fähigkeiten. Weit vor Schuleintritt sind Kinder jedoch bereits kompetente Rezipienten graphischer Kommunikation. Dieses Projekt betrachtet die frühe Entwicklung des Symbolverstehens in drei Studienreihen. Die erste Studienreihe widmete sich dem Verständnis von Deixis im grafischen Bereich, also der Referenz mittels Pfeilen und Markierungen. Erste Erhebungen (N = 72) zeigten, dass Kinder bereits im Alter von 34 Monaten Pfeile und Markierungen verstehen. Eine zweite Studie (N = 96) verwendete eine Testbedingung mit einem Dreieckssymbol, das auf einen Gegenstand zeigte, aber näher bei einem anderen lag. Dies erlaubte uns, zwei verschiedene Interpretationen (Markierungs- vs. Richtungsinterpretation) gegeneinander zu testen. Wir erwarteten, dass bei ambigen Stimuli jüngere Kinder die Markierungsinterpretation und ältere Kinder die Richtungsinterpretation bevorzugen würden. Tatsächlich wählten in diesem Suchspiel Kinder bis zum Alter von 37 Monaten die Option, die dem Hinweis am nächsten lag, während Kinder ab 50 Monaten systematisch der Richtung folgten. Eine Folgestudie (N = 48) konnte darüber hinaus zeigen, dass Kinder im Alter von 41 Monaten das Lesen von Pfeilen so verinnerlicht haben, dass sie mit Leichtigkeit jede nicht-konventionelle asymmetrische Form als Richtungsanzeige beziehungsweise Pfeil lesen können. Eine zweite Studienreihe untersuchte, wann Kinder spontan Bedeutung in unkonventionellen Zeichen entdecken können, deren Symbol-Referenz-Beziehung auf Ikonizität, parspro-toto oder Analogien der Form, Anzahl, Größe und räumlichen Beziehungen basiert. In drei Studien mit insgesamt 288 Teilnehmern und zwölf Stimulus-Kategorien wurde die Entwicklung des Verständnisses von sieben Symbol-Referenz-Beziehungen im Vorschulalter nachgezeichnet. Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass Kinder zuerst direkte Repräsentationen verstehen und dann zunehmend auch weniger ikonische Darstellungen. Mit fünfzig Monaten ist die Fähigkeit, Analogien zu erkennen, so ausgeprägt, dass Symbole in jeder erhobenen Kategorie spontan erschlossen werden. Um die Einflüsse kognitiver Fähigkeiten und konventionellen Wissens im Vorschulalter auf individueller Ebene zu untersuchen, wurden die reliabelsten Items aus der zweiten Studienreihe in einer Testbatterie kombiniert, und zusammen mit Aufgaben zum Wortschatz, dem Wissen über konventionelle Symbole und pragmatischer Fähigkeiten untersucht. Die Ergebnisse dieser dritten Studie (N = 224) unterstreichen vor allem die domänenübergreifende Bedeutung pragmatischer Fähigkeiten. Zusammen mit einer weiteren Studie (N = 144), die vergleicht, wie Kinder Analogieaufgaben in kommunikativen und nicht kommunikativen Kontexten lösen, und einer weiteren Studie (N = 96), zu bewegten graphischen Darstellungen, bereichert dieses Projekt die Forschungsliteratur um eine der aktuell umfassendsten und methodisch kohärentesten Annäherungen an das Symbolverstehen im Vorschulalter.
Link zum Abschlussbericht
https://doi.org/10.23668/psycharchives.21246
Projektbezogene Publikationen (Auswahl)
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Young Children's Comprehension of Deixis in the Graphic Domain [Conference presentation]. DGPS, Hildesheim
Kachel, G.
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Young children’s spontaneous comprehension of symbolobject-relationships based in analogies and visual relations [Conference presentation]. Culture Conference, Zurich
Kachel, G.
