„Making up people“ in der Weltgesellschaft: Analysen zur Institutionalisierung globaler Personenkategorien
Empirische Sozialforschung
Zusammenfassung der Projektergebnisse
Personenkategorien, wie z.B. „Menschen mit Behinderungen“, „Schwarze Menschen“, „Indigene“ oder „LGBTIQ* Menschen“ sind aus aktuellen politischen Debatten kaum noch wegzudenken. Während der Bedeutungsgewinn derartiger Kategorien oftmals (kritisch) als Ausdruck einer Partikularisierung gedeutet wird, stand im Mittelpunkt unseres Projekts die globale, grenzüberschreitende Dimension von Personenkategorien. Wir gingen davon aus, dass die Sortierung von Menschen anhand von Geschlecht, Herkunft oder Körperfunktionen gerade nicht an nationalen Grenzen endet, sondern einen universalistischen und damit auch – zumindest potenziell – globalen Anspruch hat. Entsprechend sind einige dieser globalen Personenkategorien auch in internationalen Organisationen verankert und mit völkerrechtlichen Erwartungen verknüpft, die wiederum nationale Gesetzgebungen beeinflussen. Ziel des Projekts war es, die Herstellung und Institutionalisierung solcher globaler Personenkategorien im Kontext der internationalen Politik zu rekonstruieren und nach Bedingungen und Mechanismen für den (Miss-)Erfolg solcher Prozesse zu suchen. Hintergrundannahme hierbei ist ein wissenssoziologisches Verständnis von Personenkategorien als Ergebnis voraussetzungsvoller sozialer Prozesse, über die bestimmte Ähnlichkeiten betont und als bedeutender eingestuft werden als Unterschiede zwischen den jeweiligen Einheiten. Dass das gelingt, ist gar nicht selbstverständlich – schon gar nicht im Kontext internationaler Politik, wo verschiedene nationale Deutungsangebote und Unterscheidungsgewohnheiten, aber auch Interessen und Strukturbedingungen im Spiel sind. Als Datengrundlage dienten Dokumente internationaler politischer Organisationen (vor allem der UN), Experteninterviews sowie teilnehmende Beobachtungen bei UN-Sitzungen, auf deren Basis die Institutionalisierungsgeschichten von insgesamt fünf ausgewählten Fallbeispielen rekonstruiert wurden: „Persons with disabilities“, „Indigenous peoples“, „People of African Descent“, „LGBTI people“ und „poor people“. Mit Blick auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Kategorien sowie die Erfolgsbedingungen der Etablierung lassen sich zusammenfassend folgende Ergebnisse feststellen: Erstens sind die untersuchten Personenkategorien in unterschiedlichem Umfang etabliert und rechtlich kodifiziert. Während z.B. die Kategorie „Menschen mit Behinderungen“ ohne große Widerstände auf die ganze Welt übertragen wurde und Gegenstand einer eigenen Konvention ist, sind die „LGBT and gender diverse persons“ politisch derart umstritten, dass eine globale Verrechtlichung kaum möglich ist. Zweitens konnte der Anschluss an den Menschenrechtsdiskurs als zentrale Triebfeder für die globale Durchsetzung von Personenkategorien identifiziert werden. Die Kategorien unterscheiden sich jedoch mit Blick darauf, wann und wie sie an menschenrechtliches Denken angeschlossen wurden (z.B. durch Fokussierung auf die Gemeinsamkeit von Diskriminierungserfahrungen oder durch den Begriff der Menschenwürde). Mit dieser menschenrechtlichen Rahmung ist drittens auch die Umdeutung und Aufwertung der Kategorie durch die Betroffenen verbunden, die sich u.a. in identitätspolitischen Forderungen nach Anerkennung von Differenz und dem Ausgleich früherer Benachteiligungen manifestiert. Gelingt eine solche Umdeutung nicht (wie z.B. im Fall der „poor people“) ist auch die Etablierung und Verrechtlichung einer Personenkategorie eher unwahrscheinlich.
Projektbezogene Publikationen (Auswahl)
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Gleiches Recht für alle? Ein Doppelinterview zum Verhältnis von Indigenenrechten und allgemeinen Menschenrechten, in: Matices - Zeitschrift für Lateinamerika, Spanien und Portugal 94
Bennani, Hannah
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“Making up people”1globally. Die Institutionalisierung globaler Personenkategorien am BeispielIndigener VölkerundMenschen mit Behinderungen. Zeitschrift für Soziologie, 47(5), 306-331.
Bennani, Hannah & Müller, Marion
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Die Normativität der Vielfalt: Cultural diversity und die Institutionalisierung der globalen Personenkategorien race, gender und disability. Ethnographie und Diversität, 23-54. Springer Fachmedien Wiesbaden.
Müller, Marion
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Global beobachten und vergleichen. Soziologische Analysen zur Weltgesellschaft, Frankfurt/M: Campus
Bennani, Hannah; Cramer, Sophia; Martin Bühler & Andrea Glauser
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Globale Personenkategorien in der internationalen Politik – Einheitsimagination, Spannungen und Ambivalenzen, Vortrag beim 40. Kongress der DGS „Gesellschaft unter Spannung“, Sektionsveranstaltung der Sektion Soziologische Theorie: „Kollektive Identitäten: Soziologische Theorie, Analyse, Kritik.“ (15.09.2020)
Bennani, Hannah
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Globale Personenkategorien und die Pluralisierung der Menschenrechte: Zur „Vermenschenrechtlichung“ indigener Völker und Menschen mit Behinderungen, in: Bennani, Hannah u. a. (Hrsg.): Global beobachten und vergleichen. Soziologische Untersuchungen zur Weltgesellschaft. Frankfurt am Main/New York: Campus, S. 243-282
Bennani, Hannah & Müller, Marion
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„Die globale Institutionalisierungsgeschichte der Personenkategorie Menschen mit Behinderungen“, Forschungskolloquium „Analytische Perspektiven auf Gesellschaft und Bildung“ von Prof. Melanie Kuhn, Pädagogische Hochschule Heidelberg (18.10.2020)
Fritz, Annelen
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„Globale Personenkategorien in der internationalen Politik – Einheitsimagination, Spannungen und Ambivalenzen“, Vortrag beim 40 Kongress der DGS, Sektionsveranstaltung der Sektion Soziologische Theorie: „Kollektive Identitäten: Soziologische Theorie, Analyse, Kritik“, online (9/2020)
Bennani, Hannah
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„Pandemie und Kategorisierung: Überlegungen zu Humandifferenzierungen im Kontext von Corona“, Vortrag im Forschungskolloquium Allgemeine Soziologie und Makrosoziologie an der Universität Konstanz, online (19.5.2020)
Bennani, Hannah
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„Triage und organisierte Personenbewertungen“, Vortrag beim Workshop „Organisierte Personenbewertungen“, online (26.11.2020)
Bennani, Hannah & Kette, Sven
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„Vergleich und Vermessung. Zur Herstellung globaler Personenkategorien im Medium der Zahl“, Vortrag im Rahmen des Workshops „Ältere und neuere Formate sozialer Beobachtung – Kategorisierung, Vergleich, Vermessung und Bewertung“, Humboldt Universität Berlin (15.1.2020)
Bennani, Hannah & Müller, Marion
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Belonging and the pluralization of human rights, Roundtable-Beitrag im Workshop Shifting Orders – Belonging in Transition, Universität Tübingen (15.10.2021)
Bennani, Hannah
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LGBT in der Weltgesellschaft - Erste Ergebnisse aus einem soziologischen Forschungsprojekt, in: Stadtmuseum Tübingen (Hrsg.): Queer durch Tübingen. Katalog des Stadtmuseums Tübingen
Müller, Marion
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Von „Frauen“, „Menschen mit Behinderungen“ und „Indigenen“. Globale Personenkategorien in der internationalen Politik, in: Blättel-Mink, Birgit (Hrsg.): Gesellschaft unter Spannung. Verhandlungen des 40. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie 2020
Bennani, Hannah
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Zu den Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie auf die Ausgestaltung der politischen Kategorie ‚Menschen mit Behinderungen‘ auf UN-Ebene, Vortrag beim gemeinsamen Kongress der DGS/ÖG "Die Post-Corona-Gesellschaft? Pandemie, Krise und ihre Folgen", Ad- Hoc-Gruppe "Von alten und neuen 'Risikogruppen': (Globale) Personenkategorien und die Corona- Pandemie", digital (25.08.2021)
Fritz, Annelen
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“The global history of institutionalisation of the category of persons with disabilities”, Retreat des “Interdisciplinary research network UnKUT” der Universität Tübingen (1.08.2021)
Fritz, Annelen
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„Old and new ‚risk groups‘ – On the categorical order of priorization frameworks for COVID-19 vaccination“, Vortrag bei der Konferenz „Studying Diversity after the Reflexive Turn“ der Interdisziplinären Forschungsplattform Global Encounters, Universität Tübingen (9.7.2021)
Bennani, Hannah & Müller, Marion
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„What gets counted counts – Zur Quantifizierung globaler Personenkategorien am Beispiel Menschen mit Behinderungen und LGBTI People“, Vortrag im Forschungsnetzwerk Wissensgeltung der Universität Heidelberg, online (4.06.2021)
Bennani, Hannah
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„Who are we and how many?“ – Zur statistischen Konstruktion globaler Personenkategorien. KZfSS Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 73(S1), 223-252.
Bennani, Hannah & Müller, Marion
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"Identitätspolitik in der Corona-Pandemie: Zur (Ir-)Relevanz von race, class und gender bei der Erstellung von Impfpriorisierungen", Plenum 2: Innergesellschaftliche Pluralisierungen und Polarisierungen: Gruppen, Identitäten, Millieus, beim DGS-Kongress 2022, Bielefeld (29.09.2022)
Müller, Marion
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"Leichte Sprache" als Konzept diversitätsorientierter Wissenschaftskommunikation. Vortrag auf der Konferenz: Interdisciplinary Network for Studies Investigating Science and Technology, Berlin (1.10.2022)
Fritz, Annelen & Masarovic, Felix
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"People of African descent": Zur globalen Ausdehnung von Personenkategorien. Vortrag bei der Auftakttagung des Sonderforschungsbereich 1482 "Humandifferenzierungen". Empirische Sondierungen, Universität Mainz (1.07.2022)
Müller, Marion & Sommer, Nicole
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"Race und die Erfindung von People of African descent oder: wie aus race doch noch eine globale Personenkategorie wurde". Vortrag im Kolloquium des Sonderforschungsbereiches 1288 : Praktiken des Vergleichens, Universiät Bielefeld (14.12.2022)
Müller, Marion
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Alte und neue Ungleichheiten: Gender, Race und Class in den Priorisierungsempfehlungen zur COVID-19 Impfung. Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung "Gender und Diversität als Forschungszugänge: Beiträge zur Versachlichung der Diskussion", Zentrum für Genderund Diversitätsforschung, Universität Tübingen (23.05.2022)
Müller, Marion
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Behinderung klassifizieren. Zur Kontingenz und Normativität von Körperbewertungen in der International Classification of Functioning, Disability and Health. Österreichische Zeitschrift für Soziologie, 47(3), 247-268.
Bennani, Hannah
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Die International Classification of Functioning, Disability and Health – zur klassifizierenden Herstellung von Behinderung, Vortrag im Kolloquium DiWoP - Förderung der Digitalisierung in der freien Wohlfahrtspflege, Helmut-Schmidt-Universität Hamburg (1.11.2022)
Bennani, Hannah
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Germany and the Construction of the African Diaspora: National Identities and Global Perspectives, Vortrag im Beitrag im Panel "Germany and the African Diaspora" der Fifty- Third Annual Convention der Northeast Modern Language Association, 10.-13.03.2022, Johns Hopkins University und University at Buffalo, Baltimore/USA (13.03.2022)
Sommer, Nicole
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Making up People in der Weltgesellschaft: Zur Entstehung und globalen Verbreitung von globalen Personenkategorien. Vortrag im Institutskolloquium der Empirischen Kulturwissenschaft, Ludwig-Uhland-Institut, Universität Tübingen (17.11.2022)
Müller, Marion
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„Menschen mit Behinderungen, LGBTIQ people und People of African Descent – Zur Etablierung globaler Personenkategorien in der internationalen Politik“, Beitrag bei der offenen Tagung der DGS-Sektion Politische Soziologie, Universität Bielefeld (2.6.2022)
Bennani, H.; Fritz, F.; Müller, M. & Sommer, N.
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From experiences to numbers: the production of international disability statistics. Disability & Society, 39(7), 1859-1883.
Bennani, Hannah
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Making up Persons with Disabilities in den Vereinten Nationen - erste Thematisierungen 1945 - 1965, Forschungskolloquium „Forschungsfragen der Disability Studies“ von Prof. Anne Waldschmidt, Universität zu Köln (17.11.2023)
Fritz, Annelen
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Reconstructing Narratives: Exploring the Significance of Descent and Ancestry for People of African Descent. Paper presented at the workshop (online) "Mere labels, racial concepts, or scientific methods? The politics, epistemologies, and ethics of naming populations in the life sciences and beyond (30.-31. July 2023). Organized by the Department of Sociology, University of Freiburg, Germany (14.07.2023)
Sommer, Nicole
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Ressourcen verteilen, Menschen (aus)sortieren: Debatten um die Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen im Kontext der Corona-Pandemie, Vortrag im Rahmen der Studium Generale Reihe Gender und Diversity in der Medizin: Perspektiven aus den Medical Humanities, Universität Tübingen (8.5.2023)
Bennani, Hannah
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Bewerten, Klassifizieren, (Aus)sortieren? Triage-Leitlinien und die indirekte Diskriminierung von behinderten Menschen im Kontext der Corona-Pandemie, Vortrag im Rahmen der DGS-Konferenz Klassen, Klassifikationen, Klassifizierungen, Universität Osnabrück, 23.- 25.09.2024 (voraussichtlich 24.9.2024)
Bennani, Hannah
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Wahrscheinlichkeiten bewerten, Menschen (aus)sortieren? Debatten um die Verteilung intensivmedizinischer Ressourcen im Kontext der Corona-Pandemie. Organisationssoziologie, 49-75. Springer Fachmedien Wiesbaden.
Bennani, Hannah
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Wer sind wir und wie viele? Herstellung von Personenkategorien durch Quantifizierung, in agora42, das philosophische Wirtschaftsmagazin, 02/2024, S. 24-27
Bennani, Hannah
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“Dynamics of Categorization: People of African Descent in Global Discourse”. Presentation at the Panel: Moving Places, Moving categories: Categorising People on the move in Africa at “Reconfigurations in Africa - and in African Studies. Annual meeting of the Association for African Studies in Germany. 30.09.-2.10. 2024, University of Bayreuth, Germany (vorauss. 29.09.2024)
Sommer, Nicole
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“International Politics and Historical Memory: Perspectives on People of African Descent.” Presentation im Panel “Indigenous and Afro-descendant peoples and their memories” at the Memory Studies Association 8th Annual Conference. 18-20. July. Lima, Peru (20.07.2024)
Sommer, Nicole
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“NGOs as potential reinforcement or challenge to existing power dynamics in World Society”. Paper presentation at the workshop” Reflecting World Politics - Taking stock, looking back and to the future”. 28-29.11.2024, Bielefeld University, Germany (vorauss. 28.11.2024)
Fritz, Annelen & Sommer, Nicole
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“The Making and Un-Making of (Global) Racial Identities: The Case People of African descent”. Presentation at the Panel: Interpretative Interactionism at the 16th Conference of the European Sociological Association. 27-30 August. Porto, Portugal (28.08.2024)
Sommer, Nicole
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Reconstructing Narratives. The Order of People, 151-166. transcript Verlag.
Sommer, Nicole
