Polyphonie der Heimat. Konstruktionen von Gemeinschaft durch Imaginationen, Praktiken und Gefühle in Sachsen zwischen 1969 und 2000
Zusammenfassung der Projektergebnisse
Das Projekt untersuchte, wie verschiedene Akteure Ideen und Vorstellungen von Heimat in der späten DDR und dem ersten Jahrzehnt der Transformationsphase (1969-2000) in Sachsen in Handlungsformen übersetzten. Ausgangsthese dabei war, dass der Begriff Heimat selbst nicht definiert wurde, sondern als leerer Signifikant vielfältigen Bedeutungszuschreibungen offenstand und daher sehr differente, teilweise widersprechende Heimatvorstellungen ermöglichte. Allen Heimatvorstellungen und Heimatdiskursen ist aber gemeinsam, dass sie Gemeinschaft imaginierten, sie in ein Raumverhältnis setzten und ihr eine stabile Zukunft projektierten. Soziale Relevanz erhielten diese Vorstellungen zum einen dadurch, dass sie in Diskursen ausformuliert wurden, zum anderen aber vor allem, indem sie in soziale Praxis überführt wurden. Erst in der alltäglichen Routine, im wiederholten Herstellen und Aneignen von Heimat in Praktiken erhielten die Diskurse ihre lebensweltliche Relevanz. Erst in den Vollzügen von Praktiken und Praxen lassen sich die gesellschaftskonstituierenden Effekte der Heimatvorstellungen beobachten. Daher untersuchte das Projekt fünf unterschiedliche Heimatpraktiken, wobei immer danach gefragt wird, wie sie Diskurse in Handeln übersetzten und zugleich damit Emotionen ausagierten. Diese Frage ist für Sachsen im Untersuchungszeitraum von großem analytischen Wert, da in Sachsen seit dem 19. Jahrhundert zahlreiche Akteure den Heimatdiskurs prominent vertraten. In der DDR war dann der sozialistische Heimatdiskurs von besonderer Bedeutung, da die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands über Heimatvorstellungen die Gesellschaft integrieren und Identifikation mit dem sozialistischen Staat herstellen wollte. Heimat diente als universeller Hebel für politische Bewusstseinsbildung und Engagement für das Gesellschaftsprojekt gleichermaßen. Daher hatten sich alle Menschen in der DDR mit dem sozialistischen Heimatdiskurs auseinanderzusetzen und sich in ihren Heimataktivitäten dazu zu verhalten. Nach dem Ende der DDR löste sich diese Fixierung der Heimatideen auf den Sozialismus wieder, Heimatsprechen diente erneut vielfach, um Veränderungserfahrungen und Transformationsschock in dezidierte Vorstellungen von Stabilität und Gemeinschaft zu artikulieren. An den so verschiedenen Praktiken wie Ortschronik schreiben, gemeinschaftlich Wandern gehen, Neubauviertel mitgestalten, Gewalt ausüben und die „alte Stadt“ erinnern, untersuchte das Projekt, wie Heimat im alltäglichen Handeln integriert war, wie sich die Akteure zum sozialistischen Heimatdiskurs vor 1989 verhielten oder welche eigen-sinnigen Handlungsformen sie herausbildeten, wie sie ihre Lebenswelt in Einklang mit den Normvorgaben des SED-Regimes brachten und zugleich dabei eigene Vorstellungen von Heimat integrierten und realisierten und welche Änderungen der revolutionäre Umbruch und die staatliche Vereinigung von 1990 in den Praxisvollzügen bewirkten. Gerade die letzte Frage ermöglichte es, die Machteffekte der SED-Diktatur zu bewerten, weil sich so zeigen ließ, wie nachhaltig sie auf die Alltagsroutinen der Menschen einwirkten.
Projektbezogene Publikationen (Auswahl)
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Heimat - Versuche in der Moderne Halt zu finden, in: Saxorum. Blog für interdisziplinäre Landeskunde in Sachsen
Johannes Schütz, Antje Reppe & Henrik Schwanitz
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Polyphonie der Heimat – oder: Eine praxistheoretische und emotionshistorische Untersuchung von Heimatkonstruktionen in Sachsen, 1969-2000, in: Saxorum. Blog für interdisziplinäre Landeskunde in Sachsen
Johannes Schütz
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Heimat DDR. Die DDR-Führung verordnete Liebe zum sozialistischen Vaterland, die Menschen aber hatten ein durchaus eigensinniges Verhältnis zu ihrer Heimat, in: Damals 5, S. 45-46.
Johannes Schütz
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Heimatkonstruktionen in historischer Perspektive: Heimatpraktiken im Übergang von der DDR zur vereinigten Bundesrepublik, in: Saxorum. Blog für interdisziplinäre Landeskunde in Sachsen
Johannes Schütz
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Wenn Heimat Angst macht. „Gewalt der Vereinigung“ in biografischen Erzählungen, in: Zeitgeschichte-online, Mai
Johannes Schütz
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„Heimat-Liebe“ in der DDR. Beobachtungen zu Diskursformationen, Gefühlsregimen und Emotionspraktiken. Volkskunde in Sachsen. Jahrbuch für Kulturanthropologie, 33, 181-202.
Schütz, Johannes
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Home is where the people rules! : the idea of socialist Heimat and its emotional regime in the GDR. Studia historica Brunensia(1), 195-212.
Schütz, Johannes
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Rassistische Gewalt in der späten DDR. Ereignisketten und soziale Kontexte an einem Beispiel aus Sachsen, in: Archiv für Sozialgeschichte 63, S. 173–191.
Johannes Schütz
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Beleidigungen, Schmähungen, Angriffe. Invektive Dynamiken und rassistische Gewalt in der späten DDR, in: S. Fehlemann, H. Greschke, K. Kanzler, G. Schwerhoff (Hg.), An den Grenzen der Invektivität. Herabsetzungspotentiale von Humor, Kritik und Gewalt, Frankfurt, S. 241-258.
Johannes Schütz
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Erinnern an das „alte Dresden“ als bürgerliche Praktik. Praxishistorische Überlegungen und empirische Befunde. Bürgerlichkeit in Diktaturen, 221-240. Metropol Verlag.
Schütz, Johannes
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Heimat, History, and Identity. German Politics and Society, 42(4), 65-82.
Schütz, Johannes
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Introduction. German Politics and Society, 42(4), 1-14.
Rau, Christian & Schütz, Johannes
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Landesgeschichte – Regionalgeschichte – Heimatgeschichte. Das Spannungsfeld laienhistorischer Forschungen in der DDR, in: O. Auge, M. Hecht, C. Hoffarth (Hg.), Jenseits von Ideologie und Borniertheit. Zum Verhältnis von Landesgeschichte und Heimatgeschichte (19. bis 21. Jahrhundert), Landesgeschichtliche Beiträge 3, Halle, S.77-90.
Johannes Schütz
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Ostdeutsche Heimat und ostdeutsche Identität. Berliner Debatte Initial, 36(1), 23-33.
Schütz, Johannes
