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Polyphonie der Heimat. Konstruktionen von Gemeinschaft durch Imaginationen, Praktiken und Gefühle in Sachsen zwischen 1969 und 2000

Antragsteller Dr. Johannes Schütz
Fachliche Zuordnung Neuere und Neueste Geschichte (einschl. Europäische Geschichte der Neuzeit und Außereuropäische Geschichte)
Förderung Förderung von 2019 bis 2024
Projektkennung Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 432598161
 
Erstellungsjahr 2025

Zusammenfassung der Projektergebnisse

Das Projekt untersuchte, wie verschiedene Akteure Ideen und Vorstellungen von Heimat in der späten DDR und dem ersten Jahrzehnt der Transformationsphase (1969-2000) in Sachsen in Handlungsformen übersetzten. Ausgangsthese dabei war, dass der Begriff Heimat selbst nicht definiert wurde, sondern als leerer Signifikant vielfältigen Bedeutungszuschreibungen offenstand und daher sehr differente, teilweise widersprechende Heimatvorstellungen ermöglichte. Allen Heimatvorstellungen und Heimatdiskursen ist aber gemeinsam, dass sie Gemeinschaft imaginierten, sie in ein Raumverhältnis setzten und ihr eine stabile Zukunft projektierten. Soziale Relevanz erhielten diese Vorstellungen zum einen dadurch, dass sie in Diskursen ausformuliert wurden, zum anderen aber vor allem, indem sie in soziale Praxis überführt wurden. Erst in der alltäglichen Routine, im wiederholten Herstellen und Aneignen von Heimat in Praktiken erhielten die Diskurse ihre lebensweltliche Relevanz. Erst in den Vollzügen von Praktiken und Praxen lassen sich die gesellschaftskonstituierenden Effekte der Heimatvorstellungen beobachten. Daher untersuchte das Projekt fünf unterschiedliche Heimatpraktiken, wobei immer danach gefragt wird, wie sie Diskurse in Handeln übersetzten und zugleich damit Emotionen ausagierten. Diese Frage ist für Sachsen im Untersuchungszeitraum von großem analytischen Wert, da in Sachsen seit dem 19. Jahrhundert zahlreiche Akteure den Heimatdiskurs prominent vertraten. In der DDR war dann der sozialistische Heimatdiskurs von besonderer Bedeutung, da die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands über Heimatvorstellungen die Gesellschaft integrieren und Identifikation mit dem sozialistischen Staat herstellen wollte. Heimat diente als universeller Hebel für politische Bewusstseinsbildung und Engagement für das Gesellschaftsprojekt gleichermaßen. Daher hatten sich alle Menschen in der DDR mit dem sozialistischen Heimatdiskurs auseinanderzusetzen und sich in ihren Heimataktivitäten dazu zu verhalten. Nach dem Ende der DDR löste sich diese Fixierung der Heimatideen auf den Sozialismus wieder, Heimatsprechen diente erneut vielfach, um Veränderungserfahrungen und Transformationsschock in dezidierte Vorstellungen von Stabilität und Gemeinschaft zu artikulieren. An den so verschiedenen Praktiken wie Ortschronik schreiben, gemeinschaftlich Wandern gehen, Neubauviertel mitgestalten, Gewalt ausüben und die „alte Stadt“ erinnern, untersuchte das Projekt, wie Heimat im alltäglichen Handeln integriert war, wie sich die Akteure zum sozialistischen Heimatdiskurs vor 1989 verhielten oder welche eigen-sinnigen Handlungsformen sie herausbildeten, wie sie ihre Lebenswelt in Einklang mit den Normvorgaben des SED-Regimes brachten und zugleich dabei eigene Vorstellungen von Heimat integrierten und realisierten und welche Änderungen der revolutionäre Umbruch und die staatliche Vereinigung von 1990 in den Praxisvollzügen bewirkten. Gerade die letzte Frage ermöglichte es, die Machteffekte der SED-Diktatur zu bewerten, weil sich so zeigen ließ, wie nachhaltig sie auf die Alltagsroutinen der Menschen einwirkten.

Projektbezogene Publikationen (Auswahl)

 
 

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