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„Herrschende Fiktionen“. Die Entstehung des Normalarbeitsverhältnisses in Portugal und Rumänien, von den 1920er bis in die 2000er Jahre

Antragsteller Adrian Grama, Ph.D.
Fachliche Zuordnung Neuere und Neueste Geschichte (einschl. Europäische Geschichte der Neuzeit und Außereuropäische Geschichte)
Förderung Förderung von 2020 bis 2023
Projektkennung Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 432635820
 
Erstellungsjahr 2024

Zusammenfassung der Projektergebnisse

„Dominant Fictions“ geht von der Besorgnis über die Veränderungen auf den Arbeitsmärkten aus, die Arbeitsrechtswissenschaftler und Arbeitssoziologen, aber auch politische Entscheidungsträger in den 1980er und 1990er Jahren über die zunehmende Prekarisierung der Arbeit, den Rückzug der Gewerkschaften, die steigende Arbeitslosigkeit und die generelle Aufweichung des Nachkriegskonsenses über die Standardbeschäftigung. In diesen Debatten gab es ein klares Verständnis davon, was eine Standardbeschäftigung ausmacht: ein Arbeitsverhältnis, das weitgehend durch unbefristete, feste Vollzeitverträge definiert ist und durch den Zugang zu sozialer Sicherheit gestützt wird. Was ihnen fehlte, war ein Sinn für den historischen Hintergrund und vor allem eine Erklärung dafür, wie es dazu kam, dass diese besondere Art der Beschäftigung als Standard angesehen wurde und sowohl die staatliche Politik als auch die normative Vorstellung der normalen Arbeitnehmer prägte. „Dominant Fictions“ versucht, diesen notwendigen historischen Hintergrund durch Forschungsfragen zu liefern: Wie hat die Standardbeschäftigung den normativen Horizont von Politikern, Rechtsexperten, Arbeitgebern, Gewerkschaften und einfachen Arbeitnehmern geprägt? Was hat diese historischen Akteure dazu veranlasst, sich für die Durchsetzung dieses spezifischen Arbeitsverhältnisses einzusetzen? Das Projekt näherte sich diesen Fragen mit empirischem Material, das an den Rändern des zwanzigsten Jahrhunderts in Europa gesammelt wurde, in Ländern, die bis heute in der Literatur über Beschäftigungssysteme weitgehend ignoriert wurden. Im Rahmen des Projekts wurden Portugal und Rumänien zum Vergleich herangezogen, zwei Länder in Randlage mit einer langen Geschichte autoritärer politischer Systeme und rückständiger Volkswirtschaften. Dennoch weisen beide Länder einen langen Prozess der Standardisierung von Beschäftigung auf. In den ersten Ergebnissen des Projekts habe ich vier historische Schlüsseldynamiken identifiziert, die den Prozess der Standardisierung der Beschäftigung in beiden Ländern geprägt haben und die Forschungsagenda für eine weitere Dynamik eröffnet haben. Erstens habe ich gezeigt, dass die Arbeitsmärkte von den 1920er bis in die 1960er Jahre durch das Arbeitsrecht segmentiert waren, genauer gesagt durch das, was ich als „ursprünglichen Dualismus“ bezeichnet habe. Die Nivellierung dieser Dualismen - zum Beispiel die Unterscheidung zwischen manueller und intellektueller Arbeit - war ein wesentlicher Bestandteil der Standardisierung. Zweitens habe ich argumentiert, dass die Standardbeschäftigung in verschiedenen Industriezweigen nicht immer und nicht unbedingt von den meisten Arbeitnehmern gewollt war, da viele weniger ein stabiles Arbeitsverhältnis als vielmehr bessere Arbeitsbedingungen und sogar Selbständigkeit bevorzugten. Drittens prägte auch die Verflechtung von Arbeits- und Strafrecht die Standardbeschäftigung, ein Phänomen, das für Rumänien relevanter ist als für Portugal. Viertens kann die Entwicklung der Standardbeschäftigung nach den Revolutionen von 1974 und 1989 nicht losgelöst von einem Prozess der Entpolitisierung verstanden werden, der in beiden Ländern unterschiedlich verlief. Schließlich lassen all diese empirischen Untersuchungen die Frage nach den moralischen oder politischen Grundlagen der Standardbeschäftigung und ihrer Rechtfertigung in einer Welt offen, die, wie das heutige Europa, sicherlich mit einer Nachfrage nach flexiblen Beschäftigungsverhältnissen konfrontiert ist.

 
 

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