„Totum psalterium in usu maneat“ – Die Stundenliturgie in den evangelischen Kirchen des alten Reiches zwischen Tradition und Innovation Ein Beitrag zur Untersuchung lutherischer Liturgiereformen
Evangelische Theologie
Zusammenfassung der Projektergebnisse
Nach landläufiger Meinung wurde mit der Einführung der Reformation in den Kirchen des Luthertums die tägliche Stundenliturgie abgeschafft. Das würde bedeuten, hier sei auf eine zentrale aus Spätantike und Mittelalter herrührende Gottesdienstform verzichtet worden, die den gesamten öffentlichen wie kirchlichen Tagesablauf prägte. Viele Einzeluntersuchungen der letzten Zeit haben das Gegenteil gezeigt: Tatsächlich wurde die Stundenliturgie In kreativer Weise weitergeführt, und zwar angepasst an die soziokulturellen Bedingungen unterschiedlicher Trägergruppen. Monastische Traditionen wurden ebenso umgeformt wie die der Dom- und Stiftskirchen. An den Pfarrkirchen vor allem der Städte bot die Stundenliturgie als gesungene Form in Verbindung mit dem kirchlichen Schulwesen beste Möglichkeiten der Ausbildung und Praxis von Chören. Angesichts der Marginalisierung der lutherischen Stundenliturgie in der Sekundärliteratur ist ein erstes Ziel des Forschungsprojektes, das Thema in der Wissenschaft neu zu platzieren;das geschieht im Kontext der Vorarbeiten beider Antragsteller. Zugleich geht es darum, die Stundenliturgie und ihre Tradierung in die großen Veränderungen einzupassen, die dieReformation und die sich anschließende Konfessionalisierung herbeigeführt haben, und das im Rahmen theologischer, politischer wie gesamtgesellschaftlicher Fragestellungen. Die komplexe aus Spätantike und Mittelalter herkommende Liturgieform wurde im lutherischen Geiste reformiert, oft sehr traditionsgebunden weitergeführt, oft auch modifiziert oder kreativ weiterentwickelt. Noch sind Kirchengeschichte wie Liturgiewissenschaft auf dem Weg, die Koordinaten dieser Veränderungen zu bestimmen. Das Projekt untersucht deshalb konkrete Fallbeispiele, das Berliner Domstift und die Pfarreien Leipzigs. Hierwird denReformen der Stundenliturgie nachgegangen, es werden die liturgischen Quellen gesichtet, das tradierende wie innovative Potential ausgelotet sowie die entscheidenden theologischen Wegmarken herausgestellt. Ziel ist ein erweitertes Verständnis theologischer wie kultureller Aushandlungsprozesse, die sich im Gottesdienst als identitätsstiftendem wie identitätsveränderndem Ritual niederschlagen. Dabei kristallisiert sich immer mehr ein doppelter Befund heraus: Es gab einerseits grundsätzliche theologische Akzentsetzungen der Reformation, allen voran die Schriftgemäßheit. Vor ihrem Hintergrund erschien die Stundenliturgie als reformatorischer Gottesdienst besonders passend, weil ihr Hauptbestandteil die Psalmen und sonstige Schriftlesungensind. Andererseits zeigt sich eine große Pluralität in der konkreten liturgischen Ausprägung nach Kontext und Situation, die als eine der Stärken lutherischer Traditionsbildung jenseits strenger Normierung gelten kann. Die Untersuchungen zu Berlin und Leipzig bestätigen bei den Vorarbeiten der Antragsteller gewonnene Erkenntnisse. Zugleich wird deutlich, dass es noch eine Fülle von gottesdienstlichen Quellen aus anderen Zusammenhängen gibt, die weiterer Untersuchungen bedarf.
