Zukunft leben oder überleben? Zukunftslaboratorien als Möglichkeitsräume für ein gutes Leben jenseits der Gegenwartsgesellschaft
Zusammenfassung der Projektergebnisse
Das Forschungsprojekt hatte das Ziel, Zukunftsvorstellungen und -praktiken in der Gegenwartsgesellschaft ethnografisch zu untersuchen. Es ging davon aus, dass die Erosion politischer und gesellschaftlicher Zugehörigkeiten eine Fragmentierung von Zukunftsentwürfen zur Folge hat. In diesem Kontext entstehen emergente populärkulturelle Felder der „Zukunftsexploration“, in denen alternative Zukunftsszenarien entwickelt und erprobt werden. Das Projekt untersuchte diese Entwicklung in zwei Fallstudien: Utopie-Festivals und Preppen. Fallstudie I konzentrierte sich auf Utopie-Festivals, bei denen Akteur:innen Vorstellungen eines „guten Lebens“ entwickeln und erproben. In fünf Festivals in Deutschland wurden im Rahmen von teilnehmender Beobachtung und Interviews untersucht, wie Vorstellungen von Zukunft auf den Festivals ausgehandelt und praktiziert werden. Dabei zeigte sich, dass die Akteur:innen keine konkreten und Entwürfe einer anderen Gesellschaft anstreben, sondern Praktiken erproben, die bestehende Alltagslogiken wie Tauschlogiken oder Leistungsdenken herausfordern und aufweichen. Fallstudie II beleuchtete die Prepper-Bewegung, bei der sich Menschen auf mögliche Krisenszenarien vorbereiten. Insbesondere nach der Pandemie gewann Preppen an Bedeutung und wurde zu einer Massenerscheinung. Die ethnografische Forschung in diesem Bereich zeigte, wie sich Zukunftsvorstellungen im alltäglichen Leben der Prepper manifestieren und wie diese mit einer tiefen Skepsis gegenüber der Gesellschaft und politischen Institutionen verbunden sind. Hierbei spielen Praktiken wie Vorratshaltung und Notfallvorbereitungen eine zentrale Rolle. Ergebnis der Fallstudien ist, dass in beiden Feldern ein grundlegendes Misstrauen gegenüber etablierten politischen und anderen Institutionen herrscht. Die Akteur:innen setzen sowohl beim Preppen als auch auf den Utopie-Festivals vor allem auf individuelle Lösungen, die im Fall des Preppens Krisenabsicherung und im Fall der Festivals gesellschaftsverändernde Interventionen in der alltäglichen Lebensführung anstreben. Trotz der politischen Verortung (Preppen eher „rechts“, Utopie-Festivals eher „links“) haben beide Bewegungen gemeinsam, dass sie sich nicht auf eine spezifische politische Agenda konzentrieren, sondern durch konkrete Praktiken der Selbstermächtigung den Umgang mit der unsicheren Zukunft üben. Vergleichend betrachtet, fungieren beide Felder als „Zukunftslaboratorien“, in denen Akteur:innen die Möglichkeit erhalten, Verantwortung zu übernehmen, neue Lebensentwürfe zu erproben und konkrete Handlungsorientierungen für eine ungewisse Zukunft zu entwickeln. Das Projekt verband kulturwissenschaftliche Zukunftsforschung mit der „moral anthropology“ und lieferte damit einen wichtigen Beitrag zur gesellschaftsanalytischen Perspektive auf Zukunftsentwürfe. Die Erkenntnisse des Projekts stießen sowohl in der Wissenschaft als auch in der breiten Öffentlichkeit auf großes Interesse. Aus dem Projekt gehen zahlreiche populär-/wissenschaftliche Beiträge hervor. Zudem wurden ethnografische Methoden zur empirischen Erforschung von Zukunft weiterentwickelt und in Workshops und Publikationen weitergegeben.
Projektbezogene Publikationen (Auswahl)
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Die gute Zukunft im krisenhaften Jetzt: Utopie-Festivals als Laboratorien für ein gutes Leben jenseits der Pandemie. In: Labor mit Utopieverdacht
Kuhn, Ina
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Sex zwischen Teilnahme und Beobachtung: „Forschst du noch oder geht da was?“ In: Bolz, Manuel et al. (Hg.). Anthropology of Sex, Gender and Bodies. Kulturwissenschaftliche Perspektiven auf Alltägliches. Hamburger Journal für Kulturanthropologie (HJK) 15, 107–124.
Kuhn, Ina
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Utopie/Apokalypse spielen? Wie Zukunftslaboratorien alternative Zukünfte entwerfen und erfahrbar machen. Friedrich-Schiller-Universität Jena, Seminar für Volkskunde (EKW)/Kulturgeschichte (Vortragsreihe „Playing Video Games“), Jena 16.12.2020.
Genner Julian & Ina Kuhn
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Alternative Zukünfte. LMU München, Institut für Empirische Kulturwissenschaft u. Europäische Ethnologie Forschungskolloquium „Zukünfte. Felder – Aushandlungen – Perspektiven” (WiSe 2021/22). München, 26.10.2021.
Genner, Julian & Ina Kuhn
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Bunker gegen die Zukunft. In: Cache 01 (Gegen|Wissen Okt2020), 5.1.2021
Haßler, Laura & Julian Genner
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Performing Utopian/Apocalyptic Futures: Prepping and Utopian Festivals as Laboratories for Transgressive Futures. SIEF Konferenz 2021 „Breaking the Rules? Power, Participation, Transgression“ Panel: „The Aesthetics of Exemplarity: Performance Between Rule and Transgression“, Helsinki 24.06.2021.
Genner Julian & Ina Kuhn
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Preppen. Zwischen Bürgerpflicht, Lebensstil und Staatsskepsis. In: Aus Politik und Zeitgeschichte ApuZ, No 10-11, 29–34
Genner, Julian
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Solidarisch, tauschlogikfrei,…utopisch? Ethnographische Einblicke in alternativ-ökonomische Zukunftsentwürfe auf Utopie-Festivals. Humboldt-Universität zu Berlin, Institut für Europäische Ethnologie Abschlussworkshop „Gemeinwohl-Ökonomie, Konvivialismus, Postwachstum – Wege in eine nachhaltige Gesellschaft“ des DFG-Projekts „Nachhaltige Entwicklung von unten? Die Gemeinwohl-Ökonomie zwischen utopischen Visionen, zivilgesellschaftlichen Initiativen und basisdemokratischen Entscheidungen“, 01.10.2021.
Kuhn, Ina
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Zukunft leben oder überleben? Wie Preppen und Utopie- Festivals ein gutes Leben jenseits der Gegenwartsgesellschaft imaginieren und erfahrbar machen. In: Hänel, Dagmar et al. (Hg.). Planen. Hoffen. Fürchten. Zur Gegenwart der Zukunft im Alltag. Bonner Beiträge zur Alltagskulturforschung (13). Münster, 109–124
Genner, Julian & Ina Kuhn
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„Prepper’s Lab.“ Kochtalkshow & Happening mit Søren Aagaard (Künstler & Koch), Kaylin Eu (Köchin) und Christina Landbrecht (Schering Stiftung). Schering Stiftung & Kunstraum TROPEZ, Berlin 17.07.2021.
Genner, Julian
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Die gute Zukunft im krisenhaften Jetzt: Utopie-Festivals als Laboratorien für ein gutes Leben jenseits der Pandemie. 43. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde „Zeit – Zur Temporalität von Kultur“ Panel: „Vorläufig!? Pandemische Momentaufnahmen einer zukünftigen Gegenwart“, 05.04.2022.
Kuhn, Ina
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„Vertrauen aber kann ich nur mir und dem Bau“ – Mit Kafka im Prepper-Keller. Workshop „Zukunft als Katastrophe“ (Organisation: Greta Wagner, Vinzenz Hediger), ConTrust, SfB Normative Ordnungen, Universität Frankfurt, 7.7.2022.
Genner, Julian
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Der tauschlogikfreie Geldtopf. Ein ethnographischer Einblick in alternativ-ökonomische Zukunftspraktiken auf Utopie-Festivals. Bürgergesellschaft und Demokratie, 235-259. Springer Fachmedien Wiesbaden.
Kuhn, Ina
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Digitale Präsentation des Lehrforschungsprojekts „Zukunftsentwürfe“
Tauschek, Markus
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Eine Taxifahrt ins Reich. Eine ethnografische Skizze zum häretischen Nationalismus. In: Hentschel, Christine & Wellgraf, Stefan (Hg.): Rechtspopulismen der Gegenwart. Kulturwissenschaftliche Irritationen. Leipzig, 99–118.
Genner, Julian
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Was wäre, wenn …?. Covid-19 ff., 127-134. Vandenhoeck & Ruprecht.
Genner, Julian
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Zukunftsentwürfe. Ein kulturwissenschaftliches Panorama. Münster.
Tauschek, Markus
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Zukunftsentwürfe. Kulturwissenschaftliche Perspektiven auf das Kommende. In: ders. (Hg.). Zukunftsentwürfe. Ein kulturwissenschaftliches Panorama. Münster, 168–179.
Tauschek, Markus
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„Ich möchte, dass Du mit dem Thema Waffen fair umgehst“ – Forschung in einem bewaffneten Feld, DGEKW-Kongress 2023, Dortmund, 4.-7.10.2023.
Genner, Julian
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„Prepper – Experten für Resilienz?“ Universität St. Gallen (Fachbereich Wirtschaftsinformatik) & Chief Information Officer Roundtable Schweiz (Business-Netzwerk), Öhningen, 8.9.2023.
Genner, Julian
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Becoming a Prepper Expert Overnight? On Doing Anthropology Out in the Public. Workshop „Out in Public. Wissenstransfers in sich fragmentierenden Öffentlichkeiten“ (Organisation: Friederike Faus, Marie Fröhlich, Florian Grundmüller, Sabine Hess, Stefanie Mallon, Cecilie Seidemann). DFG-Netzwerk Public Anthropology, Georg-August-Universität Göttingen, 18.-20.4.2024.
Genner, Julian
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Der Blackout und die politische Rechte. In: Aus Politik und Zeitgeschichte ApuZ 1-3/2024, 15–20
Genner, Julian & Florian Spissinger
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Konstruieren - Imaginieren - Inszenieren. Zukunftsentwürfe in der Populärkultur. Münster.
Fischer, Michael & Markus Tauschek
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Wozu brauchen wir Utopien? Davos Festival Magazin (1)
Kuhn, Ina
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Zukunftsentwürfe in der Populärkultur. Zur Einführung. In: Fischer, Michael/Tauschek, Markus (Hg.). Konstruieren - Imaginieren - Inszenieren. Zukunftsentwürfe in der Populärkultur. Münster, 7–18.
Tauschek, Markus
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„Utopien leben?“ Utopie-Workshop bei der Tagung der Grünen Jugend, Freiburg 09.11.2024.
Kuhn, Ina
