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Implicit Citizenship Theories: Inhalt und Struktur, Bedingungen und Folgen impliziter Annahmen über Bürger/innen im öffentlichen Sektor

Fachliche Zuordnung Empirische Sozialforschung
Accounting und Finance
Politikwissenschaft
Sozialpsychologie und Arbeits- und Organisationspsychologie
Förderung Förderung von 2020 bis 2024
Projektkennung Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 438530488
 
Erstellungsjahr 2024

Zusammenfassung der Projektergebnisse

Staatliches Handeln findet maßgeblich in Interaktionen zwischen Verwaltungsmitarbeiter:innen und Bürger:innen statt; hier wird Politik umgesetzt und der Staat für die Bürger:innen erfahrbar. Umso wichtiger ist es, zu verstehen, mit welchen Vorannahmen öffentlich Bedienstete den Bürger:innen begegnen, liegen in diesen Annahmen doch mögliche Quellen der Ungleichbehandlung oder gar Diskriminierung. Das Projekt hat hierfür einen sozio-kognitiven Ansatz entwickelt, in dessen Mittelpunkt das neue Konzept der Implicit Citizenship Theories (ICTs) steht. Dabei handelt es sich nicht um wissenschaftliche Theorien, sondern um Alltagstheorien, die öffentlich Bedienstete über typische oder ideale Eigenschaften von Bürger:innen haben. Sie dienen als kognitive Filter in der Verarbeitung andernfalls überkomplexer Umweltinformationen und machen damit schnelle Einstellungs- und Verhaltensreaktionen möglich. Die kleinste Einheit von ICTs sind Assoziationen von Eigenschaften mit Bürger:innen. Gemeinsam auftretende und semantisch ähnliche Eigenschaften gruppieren sich zu Prototypen, die wiederum die Taxonomie von ICTs bilden. In empirischen Studien hat das Projekt sechs solcher Prototypen von Bürger:innen extrahiert und validiert. Sie unterscheiden sich auch in ihrer Erwünschtheit: Ein negativer, unerwünschter Prototyp (Anti-Prototyp) ist Entschlossenheit (bestimmend, egoistisch, fordernd), ein positiver, erwünschter Prototyp ist Engagement (gewissenhaft, zielorientiert, motiviert). Die Ergebnisse zeigen auch, dass die ethnische Herkunft von Bürger:innen durchaus Teil des kognitiven Kategoriensystems von Verwaltungsmitarbeiter:innen ist, durch das sie Bürger:innen wahrnehmen. Jedoch hat dieser Prototyp eine neutrale Valenz und spielt in Priorisierungsentscheidungen nur eine untergeordnete Rolle. Hinweise auf eine latente, weit verbreitete Diskriminierungstendenz finden wir daher nicht. Das Projekt hat auch mögliche Einflussfaktoren auf und Konsequenzen von ICTs untersucht. Insgesamt zeigen ICTs eine hohe Stabilität selbst über Arbeitskontexte hinweg, die so unterschiedlich sind wie (re-)distributive Politik in der Dienstleistungsverwaltung und regulative Politik in der Ordnungsverwaltung. Es zeigen sich aber Einflüsse von demographischen Merkmalen (wie Geschlecht oder Hierarchiestufe) auf ICTs. Vertieft hat das Projekt den Einfluss vergangener Gewalterfahrungen am Arbeitsplatz: Je schwerwiegender solche gegen öffentlich Bedienstete gerichtete Vorfälle waren, umso negativer färben sich ihre ICTs ein. Annahmegemäß zeigt sich auch, dass ICTs wichtige einstellungs- und verhaltensbezogene Konsequenzen haben. So zeigt eine Teilstudie, dass die Präsenz einzelner Prototypen im Denken von öffentlich Bediensteten Einfluss auf ihre Bereitschaft hat, öffentliche Güter und Dienstleistungen mit Bürger:innen gemeinsam zu produzieren. Dies gilt allerdings nur für Kernaufgaben, in denen ihr professionelles Selbstverständnis zur Geltung kommt.

Projektbezogene Publikationen (Auswahl)

 
 

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