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Zwischen Patronage und sozialer Mobilität: Die MaklerInnen der arbeitenden Armen im spätmittelalterlichen Rheinland

Antragstellerin Dr. Julia Exarchos
Fachliche Zuordnung Mittelalterliche Geschichte
Förderung Förderung von 2020 bis 2023
Projektkennung Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 439956137
 
Erstellungsjahr 2024

Zusammenfassung der Projektergebnisse

Die Erforschung der unteren gesellschaftlichen Schichten im Mittelalter konzentrierte sich lange auf Arme wie Bettler oder weitere soziale Randgruppen sowie auf die Armutsbekämpfung, vornehmlich in Form der Armenfürsorge. Ein Großteil der Armen im Mittelalter arbeitete jedoch, wenngleich diese Tätigkeiten nicht ausreichten, um sich dauerhaft und zuverlässig eine Existenz jenseits der Armut aufzubauen. Diese arbeitenden Armen genauso wie andere Mitglieder der Gesellschaft waren auf Mittelspersonen angewiesen. Obwohl in der Forschung auf die Wichtigkeit solcher offizieller städtischer FunktionsträgerInnen zur Erforschung der arbeitenden Armen und des gesamten spätmittelalterlichen Wirtschaftslebens hingewiesen wurde, gab es bisher keine umfassende Studie zu diesen Maklern bzw. Maklerinnen im Spätmittelalter. Das Projekt schloss diese Forschungslücke, indem es die von der Obrigkeit eingesetzten Mittelspersonen in den Fokus der Betrachtung rückte und damit die vielfältigen Organisationsformen und -strukturen der wirtschaftlichen und sozialen Integration der arbeitenden unteren sozialen Schichten vom 14. bis 16. Jahrhundert erforschte. Ausgangspunkt der Untersuchung war eine Analyse der Mittelspersonen in vier Bereichen: 1. Handel, 2. Finanzielle Ressourcen, 3. Räume, und 4. Arbeit bzw. Arbeitsmarkt. Die Untersuchung zeigte eine große Heterogenität der MaklerInnengruppen. Sowohl Frauen als auch Männer konnten MaklerInnentätigkeiten in verschiedenen Bereichen ausüben. Frauen standen in einigen Bereichen, wie der Gesindevermittlung oder bei Pfändungen, sogar bevorzugt im Dienst der Städte. Dieser Befund ist relevant, da er die Signifikanz von Frauen nicht nur im städtischen Wirtschaften, sondern auch in städtischen Diensten unterstreicht. Doch nicht nur die geschlechtsspezifische Zusammensetzung dieser Positionen war heterogen. Die sozialen Milieus und die Besitzverhältnisse einzelner MaklerInnengruppen unterschiedenen sich erheblich. Ihre Geschäftsmodelle waren ebenfalls divers. Regionale Unterschiede, dokumentiert durch verschiedene Regulationen der jeweiligen Städte, sowie Anpassungen an wirtschaftliche oder soziale Veränderungen sprechen für eine hohe Flexibilität der Städte, die MaklerInnenpositionen nach den eigenen aktuellen Bedürfnissen auszugestalten. Ein Blick in die Praxis zeigt ein noch komplexeres Bild. Die Klagen über Fehlverhalten der Mittelspersonen und das mitunter strikte Vorgehen der städtischen Behörden illustriert die Relevanz dieser Gruppen für die Wirtschaft und Gesellschaft des Mittelalters und des 16. Jahrhunderts. Die Befunde des Projektes zeigen, dass die wirtschaftliche und soziale Einbindung der arbeitenden Armen – ähnlich wie die anderer wirtschaftlicher AkteurInnen – einen hohen Organisationsgrad aufwies. Mit der Zentrierung auf die Mittelspersonen verschob das Projekt den Fokus von bedürftigen Randgruppen zu einem großen, sozial und ökonomisch relevanten Teil der Bevölkerung und den Formen ihrer vielfältigen Einbindung. Damit trägt es zu einem besseren Verständnis der Strukturen bei, in denen sich die spätmittelalterlichen Working Poor bewegten und wirtschafteten.

Projektbezogene Publikationen (Auswahl)

 
 

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