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Media Disconnection as a Self-Assertion Tactic in the digital Age

Subject Area Communication Sciences
Term from 2020 to 2024
Project identifier Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Project number 440842815
 
Final Report Year 2025

Final Report Abstract

Das Forschungsprojekt widmete sich dem Spannungsfeld zwischen medialer Überforderung und individueller Handlungsmacht im digitalen Zeitalter. Ausgehend von der Beobachtung, dass Mediennutzer:innen zunehmend Strategien zur Begrenzung ihres Medienkonsums entwickeln, untersuchte das Projekt Formen und Motive digitaler Diskonnektion. Methodisch basierte es auf einem systematischen Mapping Review, narrativen Interviews, Gruppendiskussionen und Go-Alongs. Insgesamt wurden 35 Einzelinterviews, 11 Gruppendiskussionen mit 56 Teilnehmenden sowie 18 Go-Alongs durchgeführt. Diese kombinierten Ansätze erlaubten die Analyse fachlicher Debatten, individueller Reflexionen, sozialer Aushandlungsprozesse und ortsgebundener Praktiken digitaler Diskonnektion. Die zentralen Ergebnisse des Projekts lassen sich wie folgt zusammenfassen: Die Interviews zeigten, dass viele Nutzer:innen digitaler Medien Zweifel an der Fähigkeit zur Selbstregulierung ihres Mediennutzungsverhaltens äußern. Insbesondere Jugendliche erleben ihre Nutzungsmuster als problematisch. Die vorübergehende digitale Diskonnektion erfolgt häufig als Reaktion auf eine wahrgenommene Schwäche in der eigenen Selbstkontrolle. Sechs zentrale Beweggründe für den Verzicht auf digitale Medien konnten herausgearbeitet werden: Die Befragten gaben an, sich bewusst von digitalen Angeboten zurückzuziehen, um intensivere soziale Beziehungen zu pflegen, zur Ruhe zu kommen, ihre Konzentration und geistige Präsenz zu stärken, ihre Leistungsfähigkeit zu steigern, analoge Alternativen wie Bücher oder Gespräche zu nutzen oder sich vor unrealistischen Darstellungen und normativen Erwartungen in digitalen Räumen zu schützen. In den Gruppendiskussionen zeigte sich, dass soziale Normen zur Regulation des Medienverhaltens beitragen. Solche Diskonnektionsnormen werden oft situativ aktiviert, sind nicht immer explizit bewusst und in unterschiedliche Hierarchien eingebettet. Institutionelle und gruppenspezifische Normen (z. B. am Arbeitsplatz oder im Freundeskreis) haben stärkere Bindungskraft als individuell verankerte Normen. Die Go-Alongs zeigten, dass digitale Diskonnektion eine sozial und räumlich eingebettete Praxis ist. Am Esstisch wird Diskonnektion als Zeichen gegenseitiger Wertschätzung verstanden, in Bibliotheken als Ausdruck gegenseitiger Rücksichtnahme, im Kino als Voraussetzung kollektiven Rezeptionserlebens. Diese Praktiken lassen sich in einem größeren Rahmen theoretisch kontextualisieren – etwa mit Bezug auf die Konversationsmaximen von Grice, Foucaults Gouvernementalität oder Goffmans Begriff der „höflichen Gleichgültigkeit“. Digitale Diskonnektion ist Ausdruck einer reflexiven Auseinandersetzung mit Autonomie, Aufmerksamkeit und sozialer Eingebundenheit im digitalen Alltag. Als vielschichtiges Forschungsfeld verlangen die Disconnection Studies eine verstärkte theoretische und empirische Fundierung. Für die weitere Forschung wäre es ertragreich, die soziale Rahmung digitaler Diskonnektion näher zu untersuchen – insbesondere jene Situationen, in denen sich individuelle Handlungsmacht in sozialen Praktiken und räumlichen Arrangements konkretisiert. Gerade sozialräumliche Kontexte, in denen digitale Mediennutzung eingeschränkt oder suspendiert wird, eröffnen vielversprechende Anknüpfungspunkte: Sie machen erfahrbar, wie subjektiv empfundene Selbstregulierungsdefizite durch kollektive Aushandlungen und räumliche Strukturierungen aufgefangen werden können. Die Analyse des Zusammenspiels von Medien, Raum und sozialer Ordnung kann dazu beitragen, die Bedingungen reflektierter Mediennutzung im postdigitalen Zeitalter weiter zu denken.

Publications

  • Konnektivitätsverzicht als Taktik der Selbstbehauptung im digitalen Zeitalter. Vortrag am IPMZ, Universität Zürich, 05.05.2021
    Guido Zurstiege
  • Contouring digital disconnection studies: A systematic mapping of an emerging field. Popular Media & Culture Interactive Poster Session Popular Media & Culture. 72nd Annual Conference of the ICA, Paris, 29.05.2022.
    Guido Zurstiege, N. Altmaier, V. Kratel & N. Borchers
  • International and interdisciplinary perspectives in disconnection studies: A systematic mapping review. ICA preconference: Digital disconnection studies beyond borders: cross-disciplinary, cross-Media, and cross-national perspectives, Paris, 26.05.2022.
    Guido Zurstiege, V. Kratel, N. Altmaier & N. Borchers
  • Being online is bad, being offline is worse: A qualitative study of 35 media users trying to navigate the impossible. Pre-Conference “Key themes in digital disconnection research: Authenticity, wellness, datafication and power” to the 73rd Annual Conference of the ICA, Toronto, Canada [mit V. Kratel, N. Altmaier, N. Borchers].
    Guido Zurstiege, V. Kratel, N. Altmaier & N. Borchers
  • Zwischen Vernetzung und Entnetzung: Wie Mediennutzer*innen mit konkurrierenden Erwartungen umgehen – und oftmals an diesem Balanceakt scheitern. Gemeinsame Jahrestagung der Fachgruppe Digitale Kommunikation und der Fachgruppe Medien, Öffentlichkeit und Geschlecht in der DGPuK, Wien, Österreich
    N. Altmaier, V. Kratel & N. Borchers
  • Complexity Fatigue. Vortrag im Panel „Media, Technological Change, and Democratic Threats“. Tagung: „Threats to Democracies: A Transatlantic Workshop on Media and the 2024 Elections“ am Center for Information, Technology, and Public Life (CITAP) der University of North Carolina at Chapel Hill, 23.10.2024.
    Guido Zurstiege
  • Studying digital disconnection: A mapping review of empirical contributions to disconnection studies. First Monday.
    Altmaier, Nina; Kratel, Victoria A. E.; Borchers, Nils S. & Zurstiege, Guido
  • Vom Wert der Unerreichbarkeit: Eine qualitative Untersuchung deskriptiver und injunktiver Normen der digitalen Entnetzung. Vortrag auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Publizistik und Kommunikationswissenschaft, Berlin, 21. März 2025
    Guido Zurstiege, Nina Altmaier & Nils S. Borchers
 
 

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