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Tiere als Gefährten. Tier-Mensch-Beziehungen zwischen Lebendigkeit und Normierung.

Fachliche Zuordnung Empirische Sozialforschung
Förderung Förderung von 2020 bis 2024
Projektkennung Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 443785427
 
Erstellungsjahr 2024

Zusammenfassung der Projektergebnisse

In den letzten Jahrzehnten hat in Deutschland eine rasante Expansion der privaten Haustierhaltung stattgefunden. Sie lässt sich als Kennzeichen eines gesellschaftlichen Wandels deuten. Verschiedene wissenschaftliche Disziplinen konstatieren, dass sich hier eine Hinwendung zur Natur bahnbricht, die eine Absetzbewegung gegenüber einer fortschreitend technisierten Welt darstellt. Warum Menschen jedoch Tieren einen Stellenwert vergleichbar zu Familienmitgliedern oder Freund:innen einräumen, ist eine weitgehend offene Frage. Das Projekt hat empirisch untersucht, wodurch sich die konkreten Bezugnahmen auf Tiere auszeichnen, und wie Tiere den Status von Gefährt:innen (companions) erlangen. Anstatt gängigen Klassifikationen von Tieren in Arten und Gattungen oder ‚Schau-‘, ‚Nutz-‘ und ‚Haustiere‘ zu folgen, leiteten die Definitionen der Tierhalter:innen selbst das Sampling an. Dadurch waren verschiedene Tierspezies wie Hunde, Pferde, Katzen und Kleintiere einbezogen, darüber hinaus aber unter anderem auch Hühner, Schlangen und Schnecken. Die Halter:innen wurden in leitfadengestützten, teilnarrativen Interviews befragt; ergänzend fanden Expert:innengespräche (Ethologie, Veterinärmedizin) statt. Interviews mit Tierdienstleister:innen erhellen die Dynamik triadischer Kooperationen der Spezies. Die Erhebung erfolgte bundesweit in Städten und ländlichen Regionen. Die Befunde geben Einblick in wechselseitige Einflussnahmen von Tier und Mensch und untermauern ein Verständnis des Sozialen, das – statt Oppositionen – Relationen und Nivellierungen zwischen den je ‚Anderen‘ betont. Zentrales Ergebnis ist, dass Tieren ein zu Menschen vergleichbarer Einfluss auf humane Lebensentwürfe und Lebensgestaltung beizumessen ist. Entlang von drei Modi der Gefährtenschaft weist das Projekt nach, dass Halter:innen gezielt Anpassungen an Erfordernisse der Tierhaltung in ihren Alltagsabläufen vornehmen sowie weitreichende Veränderungen in ihrer Lebensgestaltung. Diese betreffen die zeitliche, räumliche und soziale Dimension der Lebensführung und reichen von der Wahl und Einrichtung des Lebensortes bis hin zu Berufswechseln und Familienplanung. Dienstleister:innen haben einen Anteil an diesen Ausgestaltungen von Tier-Mensch-Beziehungen. Sie vermitteln Wissen zur Tierhaltung und intendieren Veränderungen in Tierbildern und Umgangsweisen mit Tieren; sie ko-konstituieren den Status der Tiere. Zugleich lassen sich Anpassungen auch in der Lebensgestaltung der Dienstleister:innen feststellen: Halter:innen als zahlende Kund:innen, vor allem aber Tiere induzieren Wechsel in Vorgehensweisen, die bis zur Neuausrichtung des Geschäftsmodells reichen. Die Befunde des Projekts konkretisieren, was sich hinter den gegenwärtig vieldiskutierten Mensch-Natur-Verhältnissen verbirgt, und welche Entwicklungstendenzen sich in der Positionierung des Menschen in der Welt abzeichnen.

Projektbezogene Publikationen (Auswahl)

  • Gemeinsamer Kongress von Deutscher Gesellschaft für Soziologie und Österreichischer Gesellschaft für Soziologie: Gefährten für den Lockdown? Tier-Mensch-Beziehungen zwischen Lebendigkeit und Instrumentalisierung, 25.08.2021
    Jürgens, Kurth & Mönkeberg
  • Ringvorlesung TU Dortmund und TU Dresden: Animate Theologies – ein unmögliches Projekt?, Zwischen den Disziplinen: Zur Genese der deutschsprachigen Human-Animal Studies im Spannungsfeld von Ethik, Erkenntnis und Politik, 15.11.2021
    Kurth, Markus
  • Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, Companionship als Interspeziesarrangement, Bielefeld, 27.09.2022
    Jürgens, Kurth & Mönkeberg
  • Konviviales Leben mit Haustieren? Eine empirische Spurensuche, in: Tierstudien 11 (22), S. 111-120, ISBN 978-3-95808-356-1
    Jürgens, Kerstin; Kurth, Markus & Mönkeberg, Sarah
  • Universität Kassel, Lehrgebiet Roscher: Sozial- und Kulturgeschichte (Human-Animal Studies), Vortrag im Kolloquium: Tiere als Gefährten, 17.06.2022
    Kurth, Markus
  • Zwischen den Disziplinen – Zur Genese der deutschsprachigen Human-Animal Studies im Spannungsfeld von Ethik, Erkenntnis und Politik, in: Julia Enxing, Simone Horstmann und Gregor Taxacher (Hg.) (2022): Animate Theologies. Ein (un-)mögliches Projekt? Darmstadt: wbg Academic, S. 52-72
    Kurth, Markus
  • Konferenz Universität Würzburg: Narrating the Multispecies World. Stories of Crises, Loss Hope, Care, community and activity: Three stories of companionship in relationships between pets and people, Würzburg, 03.08.2023
    Mönkeberg & Kurth
  • Kongress der Deutschen Gesellschaft für Geographie, Geteilte Räume – geteiltes Leben? Companionship und Konvivialität mit Haustieren, Frankfurt a.M., 20.09.2023
    Kurth & Mönkeberg
  • Nacktes Leben und Lebens-Form. Homo sacer von Giorgio Agamben. Soziologische Gegenwartsdiagnosen 3, 5-16. Springer Fachmedien Wiesbaden.
    Mönkeberg, Sarah
  • Tagung TU Dortmund, Transformationen der Mensch-Tier-Beziehungen: Ursachen, Dynamiken und Folgen, Von der Versorgung zur Beziehungsarbeit? Empirische Einblicke in aktuelle Wandlungsdynamiken im Feld haustierbezogener Dienstleistungen, Dortmund, 15.09.2023
    Jürgens, Kurth & Mönkeberg
  • Tagung Universität Kassel: Tier-Mensch-Beziehungen: Eine empirische Bestandsaufnahme, Gefährtenschaft von Tieren und Menschen: Empirische Befunde aus der Befragung von Haltenden und Dienstleistenden, Kassel, 23.-24.11.2023
    Jürgens, Kurth & Mönkeberg
  • Tagung Universität Rostock: Rostocker Dienstleistungstagung, Dienstleistungen für Haustiere – Der Wandel von Haustier-Mensch-Beziehungen am Beispiel einer wachsenden Dienstleistungslandschaft, Rostock, 07.09.2023, Postersession
    Kurth, Markus
  • TU Dortmund: Vortragsreihe Soziologie der Mensch-Tier-Beziehung (Fachbereich Umweltsoziologie), Einblicke in die Forschung zu Haustier-Mensch-Beziehungen, 04.05.2023
    Kurth, Markus
  • Bericht zur Gründung des AK Tier-Mensch-Beziehungen, in: Soziologie 53 (2), S. 212-214
    Bubeck, Marc; Kurth, Markus; Mönkeberg, Sarah; Nungesser, Frithjof & Sebastian, Marcel
  • In der Gegenwart der Affekte. ZTS Zeitschrift für Theoretische Soziologie(1), 88-113.
    Mönkeberg, Sarah; Jürgens, Kerstin & Kurth, Markus
  • Konferenz der Deutschen Gesellschaft für Soziologie: Lebens- und Arbeitsweisen als Klassifikationen des Nichtmenschlichen und Natürlichen, Osnabrück, 24.09.2024
    Jürgens, Kurth & Mönkeberg
  • Konferenz der European Sociological Association (ESA): From Community to Activity to Care: Companionship in Human-Animal Relations, Porto (Portugal), 27.-30.08.2024
    Jürgens, Kurth & Mönkeberg
  • (De-)Abstraktionen des Leibes. Phänomenologische Betrachtungen zum Zusammenhang von Digitalität, Angst, Langeweile und Leiblichkeit im Anschluss an Edmund Husserl und Hermann Schmitz. Affektivität und Sozialität, 161-186. Springer Fachmedien Wiesbaden.
    Mönkeberg, Sarah
 
 

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